1809_Jean_Paul_057_92.txt

? Ich für meine person könnte deshalb den grösseren Verteidigung-Mut weniger gegen Angriffe des meinigen als gegen die eines fremden, z.B. meiner Kinder, beweisen, wie eine Mutter nur für diese, nicht für sich eine Löwin wird."

"Allerdings entscheiden hier Lebens-Abwägungen nicht," sagt' ich, "weil sonst zwei Drittel der Menschen vogelfrei würden, sondern die verletzte GeistesMajestät, die am leib oder Leben so beleidigt wird wie ein Fürst an seinem beschimpften nächsten Diener, soll gerächt und behauptet werden. Jeder Despot tastet in meinem körperlichen Leben nur mein geistiges an. – Weswegen sonst glaubt der Beleidiger sich Genugtuung durch den Zweikampf zu verschaffen? als weil dieser die verletzte Geister-Gleichheit durch ein gleiches Doppel-Losen um das Leben wieder heilt?" – "Unsere Moral" – fing der Graf an – "scheint mir zu sehr eine Häuslichkeit-Moral und mehr eine Sitten- als Tatenlehre Sie ist bloss eine Geschmack-Lehre für das schaffende Genie. Es gibt ebensowohl sittliche Genie-Züge, die darum nicht in Regeln und von Regeln zu fassen, also nicht voraus zu bestimmen sind, als es ästetische gibt; beide indes ändern allein die Welt und wehren der fortlaufenden Verflachung. Es erscheine ein Jahrhundert lang in einer Literatur kein Genie, in einem volk kein Hochmensch: welche kalte wasser-Ebene der Geschmack- und der Sittenlehre! Alle Grössen und Berge in der geschichte, an denen nachher Jahrhunderte sich lagerten und ernährten, hob das vulkanische, anfangs verwüstende Feuer solcher Übermenschen, z.B. Bonaparte Frankreich durch Vernichtung des nur durch Schwächen vernichtenden Direktoriums, kühn auf einmal aus dem wasser. Allerdings häufen sich auch durch leere Korallen endlich Riffs und Inseln zusammen; aber diese kosten ebenso viele Jahrhunderte, als sie dauern und beglücken; wenn hingegen der Feuer-Reformator mitten aus einer faulenden, moderigen Welt eine grünende, aus einem Winter einen Vorfrühling emportreiben soll: so muss er die zeugenden Jahrhunderte des trägen Werdens zum Vorteile der geniessenden durch eine Kraft ersetzen, welche jedesmal fällend und bauend zugleich ist. Wer nun diese Kraft besitzt, hat das Gefühl derselben oder den Glauben und darf unternehmen, was für den Zweifler Vermessenheit und Sünde wäre bei seinem Mangel des Glaubens und folglich auch der Kraft. Was grosse Menschen in der Begeisterung tun, worin ihnen ihr ganzes Wesen, die höhere Menschheit neu erhöht und verklärt sich spiegelt, so wie dem tiefer gestellten Menschen in seiner Begeisterung seine dunkele Menschheit erglänzt – das ist Recht und Regel für sie und für ihre Nebenfürsten, aber nicht für ihre Untertanen; daher kommt ihre scheinbare Unregelmässigkeit für die Tiefe. Die Sonnen stehen und ziehen überall am Himmel; aber die Wandel-Erden sind auf ihren Tierkreis eingeschränkt und an eine Sonne gebunden. –"

"Es muss", setzt' ich dazu, "etwas Höheres zu suchen geben, als bloss Recht, d.h. nicht Unrecht zu tun – worauf doch die folgerechte Sittenlehre sich eingrenzt –; aber dies Höhere ist in einer Unendlichkeit von Reizen und Bestimmungen so wenig durch das Sitten-Lineal auszumessen oder geradzurichten als die raffaelischen und die lebendigen Figuren durch matematische Figuren."

"Mangel an Glaubensmut, kann man sagen," fuhr der Graf fort, "nicht etwa Mangel an Wohlwollen, erkältet und erschlafft die Menschen, die meisten würden der Gewissheit eines grossen schönen Welt-Erfolgs ihr Leben hinopfern, das sie ja so oft bei kleinern Fällen für eine Unmässigkeit, Rechtaberei u.s.w. weggeben. Aber dieser Glaubens-Mut ist eben entscheidend und göttlich und durch nichts zu erstatten. Da, wo Feige ohne Richtung treiben, bestimmt er seiner Welt die himmels-Gegend, in welcher, wie man für die Luft-Kugeln vorgeschlagen, er nur von einem AdlerGespann gelenkt und gezogen wird; und Flügel sind seine arme. Mit diesen Flügeln schlägt eben der Adler die weiche Welt häufig mehr wund als mit Klauen und Schnabel. O ich möchte in keinem Leben leben, das kein grosser Geist anrührte und durchgriff und umschüfe; – vor keiner Bühne möchte' ich stehen, wo es nichts gäbe als den Chor der Menge, der, wie der teatralische bei den Griechen, bloss aus Greisen, Sklaven, Weibern, Soldaten und Hirten bestand. Welcher Unterschied, an etwas sterben, und für etwas sterben! O sie sollen immer hinziehen unter ihre Opfertore, auf ihre Blutgerüste, auf ihre tarpejischen Felsen, jene grossen Seelen über der Erde; schwingt euch kühn auf die schwarzen Flügel des Todesengels, sie entglimmen bald farbig und glänzend, ihr, Sokrates, Leonidas, Morus und selber du, edle Corday, deren unbewegliches Jubelfest eines heiligen Todes der heutige Tag feiere!" –

"Sie sind schon", sagt' ich, "auf diesem breitesten Flügel, der alles wegträgt, davongeflogen, aber uns sind Heiligen-Bilder auf Altären zurückgeblieben zum Anbeten und zum Erleuchten mit Altarlichtern. Das schönste Beleuchten ist wohl die Wiederholung ihres Lebens, wär's auch bloss die historische; das Leben wird nur angeschaut, nicht begriffen. Die Begriffe – die ihrer natur nach schon aus den gemeinsten Wesen das Lebendige niederschlagen – lassen vollends aus ungemeinen zum Vorteil des Allgemeinen gerade das Köstlichste fallen und bewahren höchstens aus ihnen die Muttermäler, indem immer die Mannigfaltigkeit der Irrwege den Begriff mehr bereichert als die lebendige Einheit der Recht-Bahn. Ein historisches Zusammenleben mit einem Heros kann oft ein wirkliches darum übertreffen,