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Urteile täglich bedeutender wurde. übrigens hatten wir uns kaum acht Wochen ausschliessend mit dem Italiänischen beschäftigt, als uns die ganze poetische Literatur der Franzosen ein Greuel war. Wie viel von diesem Abscheu auf Rechnung unseres Lehrers kam, war etwas, das wir nicht weiter untersuchten; aber schwerlich würden wir durch uns selbst, oder unter der Leitung irgend eines anderen Lehrers, zu unserer entschiedenen Vorliebe für die italiänische Poesie gelangt sein, und Adelaide namentlich ihre ganze französische Bibliotek für eine gute Ausgabe des Aminta von Tasso feilgeboten haben. Solche Keckheit, wenn man sie in Weibern findet, ist immer das Produkt männlichen Einflusses, und beruhet, so weit meine Beobachtung reicht, zuletzt nur auf Autorität, nicht auf Gefühl und Anschauung.

Wenn ich in meinen Urteilen vorsichtiger war, so hatte diese Vorsichtigkeit ihren Grund nicht in einem schwächeren Gefühl, sondern in dem verhältnis, worin das Göttliche der italiänischen Poesie mit Adelaidens Bruder für mich stand. Auf eine ganz eigentümliche Weise waren beide für mich eins; denn indem ich die erstere nur durch den letzteren in mich aufnehmen konnte, musste es mir vorkommen, als wäre jene nur in diesem vorhanden. Dasselbe würde Adelaiden begegnet sein, wäre Moritz nicht ihr Bruder gewesen. Sie konnte von der italiänischen Poesie an und für sich sprechen; ich hingegen musste immer den Herrn von Z... ins Spiel ziehen, und weil ich dadurch mein geheimnis verraten haben würde, so schwieg ich lieber. Mein geheimnis aber bestand darin, dass ich den Herrn von Z... über alle Männer setzte, die mir jemals vorgekommen waren. Ausser meinem Pflegevater, dessen moralische Heiligkeit – wenn ich mich so ausdrücken darf – ungefähr eben so auf mich einwirkte, als das Licht, und den ich aus Gewohnheit hochachtete, hatten mich bisher alle Männer so gleichgültig gelassen, dass ich mit Wahrheit von mir sagen konnte: das ganze männliche Geschlecht sei gar nicht für mich vorhanden. Wodurch sich Herr von Z... von meinem Pflegevater unterschied, war mir nicht auf der Stelle klar; aber irgend eine Ahnung sagte mir, dass bei ihm ausser dem Lichte auch Wärme sei. Es war, mit einem Worte, die Phantasie, wodurch er mich so unwiderstehlich an sich zog. Was ich damals nicht begriff, was mir aber seitdem sehr deutlich geworden ist, war: dass ein Weib an einem mann zuletzt nie etwas anderes lieben kann, als jene schaffende Kraft, wodurch er, das geschöpf, wiederum zum Schöpfer wird. Was Platon die irdische Liebe nennt, ist immer nur ein Abglanz der himmlischen, und ohne diese würde jene gar nicht vorhanden sein, wenigstens nicht in einer weiblichen Brust. Ich habe viele Weiber gekannt, die man ausschweifende nannte und als solche verabscheute. Die Unglücklichen fanden nur nie, was sie suchten. Sie wollten nicht den physischen Genuss; sie wollten jene Wärme, die das Weib empfindet, wenn es, befreit von den Banden des Egoismus, ganz in Anderen lebt, und dadurch seine Bestimmung vollendet. Wie ganz anders würden sie geraten sein, hätte der Zufall sich ihrer erbarmt! Von diesem verlassen, und ohne jemals einen entwickelten Begriff von dem gegenstand ihres rastlosen Strebens gehabt zu haben, konnten sie freilich nicht anders endigen, als so, dass sie zuletzt als Abschaum der Gesellschaft dastanden; aber was sie zuerst in Bewegung setzte, war dieselbe göttliche Flamme, durch welche allein Veredelung zu hoffen ist. Ein Weib, das einmal einen Mann in der wahren Bedeutung des Wortes fand, ist der Untreue eben so unfähig, als ein Weib, das an einen Lotterbuben geriet, mit den allerbesten Vorsätzen von der Welt sich nicht in den Schranken der Treue erhalten kann, so bald ein Mann ihr unter die Augen tritt. Dies beruht auf einem Naturgesetz, dem alle gesellschaftliche Institutionen weichen müssen; und wer sich jemals in der Welt umgesehen hat, kann sich hieraus erklären, wie die schönsten Weiber an die (physisch) hässlichsten Männer geraten, und woher das Übergewicht rührt, das alle ächte Künstler über das weibliche Geschlecht ausüben.

Ich ging, ich bekenne es, nach und nach in Adelaidens Bruder so vollkommen unter, dass ich nur in ihm lebte und webte. War aber jemals ein Mann unfähig, diese vollendete Hingebung auf eine unedle Weise zu benutzen, so war es Moritz. Wie teuer ich ihm war, leuchtete aus seinem ganzen Betragen gegen mich hervor, das schwerlich liebevoller und zärtlicher sein konnte; allein er schien mir dadurch nur beweisen zu wollen, dass, wenn irgend ein weibliches Wesen ihn fesseln könnte, ich dies weibliche Wesen sein würde. Frei von aller leidenschaft, hatte seine Hinneigung zu mir mehr den Charakter des Wohlwollens, als den der Liebe; wenigstens fehlte ihr diejenige Stärke, welche zwei Wesen so verschmilzt, dass sie nur in gegenseitiger Anschauung leben. Ich fühlte dies; und es schmerzte mich, die Wahrheit zu gestehen, um so tiefer, je unendlicher meine Liebe für Moritz war. Allein was konnte, was musste geschehen, wenn es anders werden sollte? Ich grübelte in den Augenblicken, wo ich mir selbst wieder gegeben war, recht emsig darüber nach; aber ich sagte mir zuletzt immer, dass alle diese Grübeleien vergeblich sein würden, so lange ich die unbekannte Gewalt, welche Moritzen von mir zurückzog, nicht genauer kennen gelernt hätte. Wie sehr fürchtete ich, dass sie in mir selbst sein könnte! Wie gewissenhaft erwog ich alle meine Äusserungen und in ihnen mein ganzes Wesen