Jahrhunderte hindurch eine Religion und eine Ehre alle Gemüter beseelte, und das Grösste erzeugte, was die Welt sah, wenn sich nicht das ewige Licht über Alle ergoss und die Glut einer Liebe jede Brust entflammte? – Zeitalter, antwortete der Offizier, haben wie Menschen ihren eigentümlichen Charakter. Ich tadle diese nicht, dass sie den ihrigen durchführten, nur finde ich es etwas lächerlich, dass wir unaufhörlich auf morschem, verfallenem grund fortbauen, ohne zu fragen, was wir wollen und können? Hat Graf Alvarez, dessen früher Tod unserm gespräche neues Leben gab, so durchaus in der Glückseligkeit seiner Schwester gelebt, dass sie ihm das Höchste war, und er die Treulosigkeit ihres Geliebten für eine Beschränkung seines höchsten heiligsten Willens ansah, so tat er recht, mit einem verfehlten Leben auch den frechen Störer desselben zu vernichten. Hat ihn aber das bloss Formelle der Ehre, der verblichne Schein jener alten Ehrfurcht für die Reinheit und Unverletzbarkeit des Familien-Namens hingerissen, so opferte er einem kränklichen Wahne ein sehr lebendiges Streben auf. – Kränklicher Wahn! rief der kecke junge Streiter, was Sie so nennen, ist im grund ganz Eins mit dem, was Sie selbst zuvor als idee der Ehre aufstellten. Die freie Selbstständigkeit des Mannes ist von der Unbefleckteit seines Namens unzertrennlich. – Andre zeiten andre Sitten, erwiderte der Offizier. – Die unsrigen, fiel jener ein, müssen doch von der für Sie verrufenen Zeit nicht so absolut losgerissen sein, weil sich in eines jeden Brust der heiligste Zorn regt, so bald sein Vaterland, sein Staat angegriffen wird, um wie viel mehr denn der Name, den er trägt. – Eine Ausnahme, sagte der Offizier lachend, wirft Ihre ganze Regel über den Haufen. Ich gebe Ihnen meinen Namen für eine Hand voll tauber Nüsse hin, mich selbst aber verkaufe ich teuer, das versichre ich Ihnen. – Es beruhet nur darauf, hub der langsame Denker nach einem kurzen Schweigen wieder an, den Wendepunkt zu finden, in welchem die individuelle wie die allgemeine Ehre Eins wären. Hier fiel Ursprung und Zweck der Tat zusammen, und es könnte nicht mehr von einer augenblicklichen Erzeugung des Willens, sondern einzig von einem inneren bleibenden Moralgesetz die Rede sein, das, wie für alle zeiten, auch für alle Individuen gelten müsste. – Was für Alle gilt, Herr Doktor, sagte der Offizier, schliesst alles Charakteristische, alles, was einem Dinge Gestalt und Physiognomie gibt, aus, und so hätten wir unrecht, über einen einzelnen Fall zu streiten. – Das Einzelne, erwiderte der Doktor, ist auch überall nur wirklich etwas, in so fern es sich zur allgemeinen idee erhebt. Von diesem Standpunkt müssen wir das Ganze betrachten, dann lernen wir die geschichte des Menschen als unendliche entwicklung eines Gedankens erkennen. – Dies zugegeben, sagte der Offizier, so müssen Sie mir eingestehen, dass keine Rückschritte zum Ziele führen, und dass jener Massstab einer längst entwachsenen Zeit seltsame Carikaturen erzeugt. Warum Autoritäten aufrufen, die alles produktive Vermögen ersticken! Trägheit ist es, die den Menschen auf dem früher geebneten Wege fortzieht, und ihm weis macht, es passe kein andrer für ihn.
Rodrich hatte bis dahin schwankend zwischen den verschiednen Meinungen da gesessen. Jetzt erregte der Offizier seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Die letzten Worte trafen sein Inneres. So hatte er immer gefühlt, etwas Grosses und Neues sollte geschehen, was gigantisch über den Trümmern der Vorzeit hinschreitend, eine nie gesehene Herrlichkeit offenbarte. Er betrachtete noch das seltsame Gesicht, auf welchem die hellsten Blitze des Verstandes mit der hingebendsten, trägsten Ruhe wechselten, und über dessen scharfe Züge sich wiederum eine Milde ergoss, die es unendlich anziehend machte, als der junge Mann, der von den Anwesenden Ritter genannt wurde, aufs neue mit verhaltnem Unmut begann: Wenn ich nur nicht hören müsste, wie man die alten ehrenwerten Formen antastet, ohne zu erwägen, dass unsre ganze äussere Existenz ein stillschweigendes Anerkennen derselben ist, indem wir durch Sprache, Religion, gesetz, und gesellige Verhältnisse hinlänglich dartun, dass sie uns wirklich ungeteilt angehören. – Wenn Sie mich darauf zurückführen, erwiderte der Offizier, dass der jetzige Zeitmoment in allen vorhergehenden bedingt ist, so vergessen Sie auch nicht, das Charakteristische der Gegenwart zu betrachten. – Das ist ohnmächtiges Wollen, fiel jener ein, kränkliches Zukken entschwindender Kraft. Seit der blick verloren ging, mit dem wir einst das Alte betrachteten, und der Mut, es würdig zu behaupten, überreden wir uns, etwas Neues, Unerhörtes erzeugen zu müssen. Kein Mensch weiss aber eigentlich was? Es ist erstaunlich bequem, so ins Blaue hinein zu produciren, und das unbekannte Ziel immer nur ahnen zu lassen, während man bei aller produktiven Kraft einschläft – bis uns das Alte über dem Kopf zusammenstürzt, unterbrach ihn der Offizier, da haben Sie ganz recht. Aber das liegt nicht daran, dass wir es nicht wieder herstellen; denn das wäre am Ende doch nur Flickwerk, und zerbröckelte wohl leicht in einer kräftigen Hand, die es derb anfasste, eher indess, weil es an Kraft und Genialität fehlte, aus dem Alten etwas Frisches und Lebendiges hervorgehen zu lassen. Doch sein Sie ganz ruhig, es geschieht dennoch vieles, was wir übersehen. Was in der Vergangenheit wie aus einem Guss geformt da steht, ist in der Gegenwart ein langsames Werden. Der Wein gährt still im verschlossnen Dunkel, ehe der Geist sich frei macht und die Gemüter entzündet.