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wir seien nicht da, wiewohl wir selbst uns unsers Daseins aufs lebendigste bewusst wären.

Ich rede, wie du siehst, von Menschen unsers gleichen; denn dass es mit denen, die unter der Gewalt einer ungezügelten Einbildungskraft stehen und sich vor den Schreckbildern des Tartarus und Pyriphlegeton grauen lassen, gleiche Bewandtniss habe, will ich keineswegs behaupten. Indessen begehre ich eben so wenig zu läugnen, dass unsre Ruhe bei dem Gedanken des Todes, insofern sie sich auf die gefühlte Unmöglichkeit des Nichtsseins gründet, nicht vielleicht eine blosse Täuschung sei, die aus dem üppigen Gefühl einer vollströmenden Lebenskraft entspringen, und uns dereinst, wenn die Quelle zu versiegen beginnt, wieder verlassen könnte.

Es wäre also nicht überflüssig, wenn wir der natur noch andere Fingerzeige ablauerten, die uns auf Betrachtungen hin wiesen, wodurch wir der Unzulänglichkeit jenes ahnenden Gefühls zu hülfe kommen könnten. Sollte Plato nicht am Ende doch Recht haben, wenn er behauptet: unsre Seele bedürfe des Leibes nicht schlechterdings zu ihren eigentümlichen Verrichtungen; er sei ihr darin mehr hinderlich als behülflich, und sie würde ohne ihn nur desto besser denken und wirken können? – Dass er (wie es seine Art ist) die Sache übertreibt, und Folgen daraus zieht, vermöge deren er den Körper als ein gefängnis der Seele betrachtet, dadurch wollen wir uns nicht irre machen lassen. Wir gönnen ihm diese Vorstellungsart sehr gern, und er wird uns dafür erlauben, unsern Körper (dermalen wenigstens) für ein ganz bequemes, mit allem Nötigen und vielem Nützlichen und Angenehmen wohl versehenes Wohnhaus unsrer Seele anzusehen. Die Frage sei also jetzt nur: kann unsre Seele, unter gewissen Umständen, der Organe ihres Körpers zu ihren eigentümlichen Verrichtungen entbehren, oder nicht? – Was wir schlafend in Träumen erfahren, wird uns vielleicht einiges Licht hierüber geben können. Es ist wohl kein Zweifel, dass wir im Traum ohne Zutun unsrer Augen und Ohren sehen und hören, ohne hülfe der Füsse gehen, ohne die Sprachwerkzeuge wirklich zu gebrauchen reden, kurz, dass die Seele zu wachen glaubt und sich in voller Aktivität befindet, während ihr Körper in tiefer Ruhe abgespannt und unbeweglich da liegt, und die Organe der Sinnlichkeit und die äusserlichen Gliedmassen überhaupt, so viel wir wenigstens wissen, nicht das Geringste zu den Verrichtungen derselben beitragen. Aber hüten wir uns, einen zu raschen Schluss aus dieser Erfahrung zu machen. Auch im Traume bleibt die Seele an ihren Körper gebunden; sie wähnt mit seinen Augen zu sehen, mit seinen Ohren zu hören, und sich aller seiner Gliedmassen, mit und ohne ihre Willkür, zu bedienen; kurz, ihr Körper (wiewohl er keinen Anteil an dem, was in ihrem inneren vorgeht, zu nehmen scheint) bleibt auch im Traume ihr unzertrennlicher Gefährte, der beständige Typus ihrer Vorstellungen, und das unmittelbare Werkzeug ihrer unfreiwilligen Empfänglichkeit sowohl, als ihrer willkürlichen Selbstbewegungen.

Indessen ist bemerkenswert, dass sie in diesem sonderbaren Zustande zwar immer mit ihrem Körper vereinigt ist, aber viel weniger von ihm eingeschränkt wird als im Wachen. Wir versetzen uns mit der Leichtigkeit einer Flaumfeder in einem Augenblick an die entferntesten Orte, wir fliegen ohne Flügel durch die Luft, gehen unbenetzt und unversengt durch wasser und Feuer u.s.w., auch sind die Beispiele nicht selten, dass unsre geistigen Kräfte im Träumen viel höher gespannt sind als im Wachen, und dass wir Dinge vermögen, wozu wir wachend entweder gar keine oder eine nur geringe Anlage besitzen.

Seltner, aber doch zuweilen, ist es als ob wir zu einer höhern Art von Existenz gelangt wären; wir sehen schärfer, hören feiner, fühlen zärter, als im Zustande des Wachens; die Gegenstände unsrer Liebe zeigen sich uns wie durch ein reineres Medium, und die Gefühle und Gesinnungen, die sie in uns erzeugen, sind von aller gröbern Sinnlichkeit dermassen geläutert, dass wir darüber erstaunen müssten, wenn sie uns in diesem erhöhten Zustande nicht ganz natürlich vorkämen. Ich selbst, Laiska, habe dich im Traume (was unglaublich ist) noch schöner gesehen als du mir wachend erscheinst; ich wusste dass du es warst, und doch sah ich die himmlische Göttin der Schönheit und Liebe selbst in dir, und es gibt keine Worte, das was ich fühlte zart und rein genug auszudrücken.

Sollte sich nun aus allem diesem nicht mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit schliessen lassen: unsre Seele – die im Träumen ohne wirkliche hülfe der äussern Sinne sieht und hört, und desto schönere Erscheinungen hat, desto leichter, fröhlicher und unbeschränkter ihre eigenen Kräfte spielen lässt, je grösser die Untätigkeit des Körpers ist – sie werde, durch die gänzliche Befreiung von den Einschränkungen desselben sich selbst nur desto stärker fühlen, ihre mannichfaltigen Kräfte nur desto freier und freudiger entwickeln, und, mit Einem Wort, anstatt aufzuhören zu sein, erst recht zu leben anfangen? Man sollt' es meinen; und doch wäre dieser Schluss noch zu rasch. Unser Freund Hippias könnte uns einwenden, "der Körper sei im Zustande des Träumens so untätig nicht als es scheine; blieben gleich die äussern Organe dabei aus dem Spiele, so seien ohne Zweifel die inneren desto geschäftiger; die allgemeine Erfahrung, dass zu schönen, anmutigen und mit einer Art von poetischer Wahrheit zusammengesetzten Träumen ein gesunder Schlaf notwendig sei, ein Fieberkranker hingegen von lauter wilden, düstern, wahnsinnigen und schreckhaften Träumen geängstigt werde, diese Erfahrung allein beweise schon hinlänglich, dass der Körper zu unsern Träumen mehr beitrage, als wir angenommen hätten, und wir seien also