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Dinge wovon sie nichts verstehen noch wissen können, im höchsten Ernst so possirlich irre reden hörten? Gleichwohl lässt Plato den guten alten Sokrates, seinen ganzen Sterbetag über, in diesem Geschmack dialogiren, und der ganze Discurs dreht sich immer um diesen feinen Beweis herum. Und welch ein Beweis! Aus einer Induction, die am Ende auf ein blosses Spiel mit Worten hinaus läuft, und auf dem grundlosen Vorgeben beruht: wenn zwei einander entgegengesetzte Dinge auf einander folgen, so entstehen sie aus einander! Diesem Grundsatz zufolge könnt' er uns eben so bündig beweisen, ein Hungriger müsse notwendig satt werden, wenn er gleich nichts zu essen hat, oder die alte Hekube müsse wieder jung und eine zweite Helena werden; denn Hunger und Sättigung, Alter und Jugend, Runzeln und Schönheit sind einander entgegengesetzt und folgen auf einander, müssen also eben so notwendig aus einander entspringen, als das Wachen aus dem Schlafen und das Leben aus dem tod. Der Beweis müsste sich gut ausnehmen, wenn er, nach dem obigen Muster, in kurzen fragen und Antworten, mit möglichster Langweiligkeit geführt würde! – Und dennoch hat der sinnreiche junge Mensch in seiner subtilen Einbildungskraft Mittel gefunden uns etwas noch Lächerlicheres zum Besten zu geben. Wenn er beweisen könnte, meint er, dass unsre Seelen vor diesem Leben schon irgendwo da gewesen wären, so hätte er damit so gut als bewiesen, dass sie auch nach demselben irgendwo sein könnten. Und wie führt er diesen Beweis? Alle Menschen, sagt er, bringen eine Art von Begriffen mit auf die Welt, die sie weder durch ihre eigenen Sinne noch durch fremden Unterricht erlangen. Wer daran zweifelt, lege nur dem ersten besten kind von drei oder vier Jahren fragen vor, zu deren Beantwortung nichts als gemeiner Menschenverstand erfordert wird, und das Kind, wenn es recht gefragt, das heisst, wenn ihm die Antwort auf die Zunge gelegt wird, wird auch allemal die rechte Antwort geben. Man zeige ihm z.B. zwei Stükke Holz von ungleicher Grösse, und frage: sind diese Stücke Holz gleich gross? so wird es ohne Anstand mit Nein antworten. Wie könnt' es aber das, wenn es nicht schon einen Begriff von der absoluten Grösse und Gleichheit hätte, den ihm doch gewiss weder seine Amme noch sein Pädagog beigebracht haben? Woher also könnte das Kind den Begriff vom Grossen und Gleichen an sich, das weder Holz noch Stein noch irgend etwas anderes in die Sinne Fallendes ist, sondern bloss, als das für sich bestehende Grosse und Gleiche, mit dem verstand angeschaut werden kann, woher könnt' es diesen Begriff haben, wenn es ihn nicht schon vor seiner Geburt, also in einem vorhergehenden Leben, bekommen hätte? Und wie hätte es ihn auch in diesem erhalten können, wenn es nicht in einer Welt gelebt hätte, wo Gross und Gleich, Rund und Eckicht, Warm und Kalt, kurz alle durch die Sprache bezeichneten abstracten und allgemeinen Begriffe, wie sie Namen haben mögen, als selbstständige, wiewohl unkörperliche und übersinnliche Wesen, eine uns Sterblichen unbegreifliche Art von Existenz haben, oder vielmehr die einzigen wahrhaft und ewig existierenden Dinge (τα οντως οντα) sind? In dieser unsichtbaren Welt lebten einst unsre Seelen, mitten unter diesen, nur dem reinen Verstand anschaubaren Dingen, das wahre Geister- und Götterleben; und vermutlich wird uns Plato (der in diesem land Nirgendswo ganz zu haus zu sein scheint) künftig noch offenbaren, wie es zugegangen. dass unsre besagten Seelen aus einem so herrlichen Zustande in den schlammichten Pfuhl der Materie herabgeworfen, und in tierische Körper, als in eine Art von dunkeln unterirdischen Kerkern (wie er sagt) eingesperrt worden, wo sie durch die fünf Sinne, als eben so viele Spalten in der Mauer, die Schatten jener wirklichen Wesen erblicken, und bei diesen wesenlosen Erscheinungen sich jener, wiewohl nur dunkel, wieder erinnern. Genug vor der Hand, dass es so und nicht anders ist, und dass, nach Platons positiver Versicherung, nichts törichter und erbärmlicher sein kann, als der unglückliche Wahn, worin wir andern gemeinen Menschen befangen sind, als ob die Erde, worauf wir herum kriechen, die wahre Erde, und das Scheinleben in dieser Sinnenwelt, zu Korint, Aegina oder Milet, wo wir uns (unter den gehörigen Bedingungen) sehr wohl zu befinden glauben, das wahre Leben sei. Nichts weniger! Im Gegenteil, es ist ein so elender Zustand, dass der ärmste Sklave in den Bergwerken von Laurium, wenn er wie Plato philosophiren könnte, unendlich glücklicher wäre, als mein Freund Aristipp an einem mit allem, was Land und Meer Köstliches hat, besetzten Tische, der schönen Lais gegenüber, in der auserlesensten, fröhlichsten Gesellschaft und unter den angenehmsten Unterhaltungen. Kurz, so lange unsre Seelen, an den Leib gefesselt, in den finstern Höhlen und Grüften dieser unterirdischen Erde schmachten, und bis sie durch den Tod – der aber freilich nur dem Platonisirenden Philosophen ein freundlicher Genius ist – wieder ins wahre Leben geboren, und zum Anschauen und unmittelbaren Umgang mit den sämmtlichen Neun- und Zeit- auch Vorund Verbindungswörtern an sich emporgestiegen sein werden, ist (ausser dem philosophischen Tod, wodurch der Platonische Weise sich bereits in dem gegenwärtigen Scheinleben eine freilich noch etwas ärmliche Art von Existenz verschaffen kann) an kein wahres Leben, geschweige an etwas, das den Namen Glückseligkeit verdiente, zu gedenken.

Frage doch die schöne Lais in meinem Namen, wie sie sich in der