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An Learchus zu Korint.
Der gute Genius deines gastfreundlichen Hauses, edler Heraklide, hat mich glücklich zu Korints schönster Tochter, der Beherrscherin der reichsten Insel der Welt, herübergeführt. Du kennst Aten und Syrakus118, und dir darf ich also wohl gestehen, was ich auf dem grossen Marktplatz zu Aten kaum zu denken wagen dürfte: dass Syrakus die stolze Minervenstadt an Grösse, Bauart, Volksmenge und Mitteln die Prachtliebe und Ueppigkeit ihrer Bürger zu befriedigen, weit hinter sich zurücklässt. Von den Einwohnern urteilen zu können, bin ich noch zu kurze Zeit hier; aber weniger wäre schon genug, um zu sehen, dass sie den Atenern auch an Lebhaftigkeit, Feuer, Wankelmut, Leichtsinn, und raschen Sprüngen von einem Aeussersten zum andern, den Vorzug streitig machen könnten. Es begreift sich, dass ein solches Volk (wie mir ein schon lange unter ihnen wohnender Tarentiner sagte) weder mit noch ohne Freiheit leben kann. Seit der Zeit, da sie von deinem Stammgenossen Archias zum zweitenmale gegründet wurde (also seit mehr als dreihundert Jahren) macht ein rastloses Hin- und Herschaukeln von Oligarchie zu Demokratie, und von Demokratie zur herrschaft eines Einzigen, den summarischen Inhalt ihrer geschichte aus; und wiewohl so viele Versuche sie belehrt haben sollten, dass sie sich bei der oligarchischen Regierung nie so übel als bei der demokratischen und bei der monarchischen (selbst eines Hieron und Dionysius) immer besser als bei der oligarchischen befanden; so ist doch der unglückliche Hang zur Demokratie ein so tief eingewurzeltes Uebel bei diesem volk, dass alles, was sie seit der Vertreibung der Geloniden von innerlichen Unruhen und Umwälzungen erlitten haben, sie nicht von der Begierde heilen kann, bei dem geringsten Anschein eines glücklichen Erfolgs das heilsame Joch wieder abzuschütteln, welches ihnen Dionysius mit eben so viel Gewandteit als Stärke auf den Nacken gelegt hat. Es sind nun zehn Jahre verflossen, seitdem dieser sogenannte Tyrann sich der Alleinherrschaft in Syrakus bemächtigt hat. Dass er diess nicht konnte, ohne einen grossen teil der mächtigsten und reichsten Familien, die ihm hartnäckig und wütend widerstanden, zu unterdrücken, war natur der Sache: aber niemand zweifelt, dass ihm selbst nichts erwünschter wäre, als wenn ihm die Syrakusaner erlauben wollten, das Andenken der ersten Jahre seiner eigenmächtigen Regierung auszulöschen, und die Fortsetzung derselben für sie und für ganz Sicilien so glücklich und wohltätig zu machen, als es einst die Regierung des noch jetzt gepriesenen Gelon war. Niemand würde mehr dabei gewinnen als sie selbst. Denn es ist leicht vorherzusehen, dass ohne ein gemeinschaftliches Oberhaupt, welches alle Städte Siciliens dazu vermögen kann, ihre Stärke gegen den gemeinschaftlichen Feind, die Cartager, zu vereinigen, unfehlbar eine nach der andern dem schrecklichen Schicksal von Agrigent119 unterliegen werde; und gewiss würde es schwer sein, im ganzen Sicilien einen Mann zu finden, der in allen Eigenschaften und Talenten, die zu einem im Krieg und im Frieden grossen Fürsten erfordert werden, sich mit Dionysius messen könnte. Aber der Syrakusaner ist eitel und stolz; er will sich (wie der Atener) von niemand befehlen lassen, dem er nicht selbst die erlaubnis dazu gegeben hat, der ihm nicht über alles Rechenschaft ablegen muss, und den er nicht wieder absetzen und vernichten kann sobald es ihm beliebt. Der Gedanke von einem ihrer Mitbürger eigenmächtig beherrscht zu werden, macht sie blind und gefühllos gegen alle Vorteile, die dem Ganzen durch die Regierung des Dionysius zuwachsen könnten, wenn er nicht von Zeit zu Zeit durch die Versuche der ehmaligen Demagogen, sein Joch wieder abzuschütteln, verhindert würde, seinen eignen Weg ruhig fortzugehen; und da jene eben so wenig Lust zu haben scheinen ihre Versuche aufzugeben, als er die Regierung niederzulegen, so ist wahrscheinlich genug, dass sie Mittel finden werden, aus einem vortrefflichen Fürsten, den das Schicksal den Sicilianern geben wollte, durch ihre eigene Torheit einen argwöhnischen, strengen und vielleicht grausamen Tyrannen zu machen.
Ich hörte vor kurzem in einer Gesellschaft angesehener Personen dem Dionysius (über welchen man hier sehr frei urteilt) ein grosses Verbrechen daraus machen, dass er sich nicht gescheuet hätte öffentlich zu sagen: "die Souveränetät gewähre ihm nie einen so vollen Genuss, als wenn er was er wolle sogleich ausführen könne."120 So, meinten sie, könne nur ein Tyrann sprechen, dem nichts heilig sei, und der sich an kein Gesetz gebunden halte. Mir schien diese Rede einer mildern Deutung nicht nur fähig zu sein, sondern sie sogar zu fordern. Der Wunsch alles was man will ausführen zu können, sagte ich, setzt so wenig einen bösen Willen voraus, dass er vielmehr Guten und Bösen, Toren und Verständigen gemein ist; und vielleicht ist das grösste Leiden guter Menschen, dass sie nur selten können was sie wollen. Mich dünkt aber, fuhr ich fort, Dionysius habe bei diesem Worte noch besonders einen der wesentlichsten Vorzüge der Monarchie vor der Volkssouveränetät vor Augen gehabt. Die Schleunigkeit der Ausführung dessen, was als notwendig beschlossen wurde, ist in allen Fällen nützlich. Oft hangt die Erhaltung des ganzen staates, oder doch die Verhütung eines grossen Schadens davon ab, dass eine genommene Massregel pünktlich und auf der Stelle vollzogen werde. Diess ist nur da zu bewerkstelligen, wo der Wille des Regenten in keinem andern Willen Hindernisse findet, sondern im Gegenteil jedermann sich beeifert, die Ausführung dessen, was der oberste Befehlshaber will, befördern zu helfen. In Republiken ist diess selten der Fall; denn nichts ist unerhörter, als dass ein Freistaat nicht