mir täglich sagen, es geschehen Dinge in der Welt, die nicht geschehen sollten? Brüder z.B. sollten nicht gegen Brüder, Hellenen nicht gegen Hellenen zu feld ziehen, ihre Wohnsitze und Landgüter wechselsweise ausrauben und verwüsten, die eroberten Städte schwächerer Völker nicht dem Erdboden gleich machen, die Ueberwundnen nicht mit kaltem Blute morden, oder auf öffentlichem Markt als Sklaven verkaufen, u.s.w. Wer erkühnt sich zu läugnen, dass diess alles nicht sein sollte? Und gleichwohl ist es. – Leider! Aber wie könnt' es anders sein?
Das Bedürfniss unsre Gedanken an Worte zu heften, und die unvermeidliche Unschicklichkeit, mit diesen Worten allgemeine Begriffe bezeichnen zu müssen, deren Allgemeinheit ihren Grund nicht in der natur der Dinge, sondern bloss in unsrer verworrenen und unvollständigen Ansicht derselben, und in den Trugschlüssen haben, die wir aus diesen täuschenden Anschauungen ziehen, – diese Quellen beinahe aller der Irrtümer, Halbwahrheiten und Missverständnisse, die so viel Unheil unter den Menschen anrichten – sind auch hier die Ursache eines Trugschlusses, an dessen Richtigkeit gleichwohl die Meisten so wenig zweifeln, dass ich Gefahr laufe des Verbrechens der beleidigten Menschheit angeklagt zu werden, wenn ich mich erkühne ihn anzufechten. Indessen, der erste Wurf ist nun einmal geschehen, und ich werde schon auf meine Gefahr fort spielen müssen.
Dass der Tiger blutdürstig, der Affe hämisch, die Otter giftig ist, dass der Wolf Lämmer stiehlt und der Iltiss die Tauben erwürgt um ihre Eier auszuschlürfen, wer wundert sich darüber? Es ist ihre natur, sagt man, und wie lästig sie uns auch dadurch werden, fordert doch niemand, dass sie anders sein sollten als sie sind. Diejenigen, welche behaupten, dass die Menschen weiser und besser sein sollten, als sie sind, nehmen als Tatsache an, "dass sie dermalen, im Ganzen genommen, eine törichte und verkehrte Art von Tieren sind;" Plato trägt sogar kein Bedenken zu behaupten, es gebe kein Volk in der Welt, dessen Verfassung, Lebensweise, Sitten und Gewohnheiten nicht durch und durch verdorben wären. – "Aber es sollte und könnte anders sein, sagt man." – Allerdings könnte und würde es anders sein, wenn die Menschen vernünftige Wesen wären. – Wie? sind sie es etwa nicht? Wer kann daran zweifeln? – Ich! – Wenn sie es wären, so würden sie anders, nämlich gerade das sein, was vernünftige Wesen, ihrer natur zufolge, sein sollen. Aber diese sehr ungleichartigen einzelnen Erdenbewohner, die ihr, weil sie auch zweibeinig und ohne Federn sind und den Kopf aufrecht tragen wie die eigentlichen Menschen, mit diesen zu vermengen und unter dem gemeinschaftlichen Namen Mensch zusammen zu werfen beliebt, sind nun einmal grösstenteils (wie ihre ganze Weise zu sein und zu handeln augenscheinlich darlegt) alles andre was ihr wollt, nur keine vernünftigen Wesen. Das äusserste, was ich, ohne mich an der Wahrheit zu versündigen, tun kann, ist, ihnen eine Art von vernunftähnlichem Instinct zuzugestehen, mit etwas mehr Kunstfähigkeit, Bildsamkeit und Anlage zum Reden, als man an den übrigen Tieren wahrnimmt; Vorzüge, wodurch sie einer zwar langsamen, aber doch fortschreitenden Vervollkommnung fähig sind, deren grenzen sich schwerlich bestimmen lassen. Diess gibt einige Hoffnung für die Zukunft. Binnen etlichen hundert Metonischen Cyklen38 mögen sie, nach zehntausendmaliger Wiederholung der nämlichen Missgriffe und Albernheiten, durch die immer gleichen Folgen derselben endlich gewitziget, einige Schritte vorwärts gemacht haben, und wenn sie dereinst völlig zur Vernunft gereift sind, zuletzt so verständig und gut werden, als sie eurer Meinung nach bereits sein sollten; was doch unter allen Bedingungen ihrer dermaligen Existenz und auf der Stufe von kultur, worauf sie stehen, keine Möglichkeit ist. Ihr vergesst nämlich, dass von allem, was wir uns, unter einem abgezogenen unbestimmten Begriff, als möglich vorstellen, keines eher in die wirkliche Welt eintreten kann, bis die Ursachen und Bedingungen seiner Möglichkeit in derselben vollständig zusammentreffen. Ihr vergesst, dass das, was jetzt ist, aus dem, was zuvor war, hervorgehen muss, und dass Jahrtausende nötig waren, bis an jenen Tigermenschen, Wolf- und Luchsmenschen, PferdeStier- und Eselmenschen u.s.w., welche, als die wahren ursprünglichen Autochtonen, vor undenklichen zeiten den noch rohen Erdboden inne hatten, das Menschliche so viel Uebergewicht über die ungeschlachte Tierheit bekam, dass es einem Hermes, Cekrops, Phoroneus, Orpheus, den Kureten, Telchinen, Idäischen Daktylen und ihresgleichen möglich war, sie in eine Art von bürgerlicher Gesellschaft zu vereinigen, sie an einige Ordnung und Sittlichkeit zu gewöhnen, und in den ersten Anfängen der Künste, die das Leben menschlicher machen, zu unterrichten. Wer sich die Mühe nehmen mag, den unendlichen Hindernissen und Schwierigkeiten nachzudenken, welche die Vernunft noch jetzt, da die sogenannten Menschen sich aus ihrer ursprünglichen Rohheit und Verwilderung schon so lange herausgearbeitet haben, in ihren Wahnbegriffen und Leidenschaften, in ihrer Geistesträgheit, Sinnlichkeit und tierischen Selbstigkeit zu bekämpfen hat, der wird sich nicht wundern, dass es mit ihrer Veredlung so langsam hergeht, und wird nicht schon von der harten und herben grünen Frucht die Weichheit und Süssigkeit der zeitigen verlangen.
Nun wohl, höre ich sagen, wenn diess auch von der grössten Mehrheit der Menschen in Eine Masse zusammengeworfen gelten könnte, bleibt darum weniger wahr, dass dieser und jener, oder vielmehr dass jeder einzelne Mensch besser sein könnte, folglich sein sollte, als er ist