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ihr sein, noch als Bestandteile von ihr betrachtet werden können. Aber unter welchem Bilde ich mir auch in gewissen Augenblicken das grosse geheimnis der natur zu symbolisiren suchen mag, der einzige Gebrauch, den ich davon mache, ist: die ewige Grundmaxime der ächten Lebensweisheit daraus abzuleiten, die zugleich die Regel unsrer Pflicht und die Bedingung unsrer Glückseligkeit ist. Denn natürlicher Weise trägt die überzeugung, "dass ich nur als Gliedmass des unendlichen Eins da sein, aber auch nie gänzlich von ihm abgetrennt werden kann," eine zwiefache Frucht: erstens, die feste Gesinnung, dass ich nur durch Erfüllung meiner Pflicht gegen das allgemeine sowohl, als gegen jedes besondere Ganze dessen Glied ich bin, in der gehörigen Unterordnung des Kleinern unter das Grössere, glücklich sein kann; und zweitens die eben so feste Gewissheit, dass ich, wie beschränkt auch meine gegenwärtige Art zu existiren scheinen mag, dennoch als unzerstörbares Glied des unendlichen Eins, für Raum und Zeit meines Daseins und meiner Tätigkeit kein geringeres Mass habe, als den hermetischen Cirkel – die Unendlichkeit selbst. Ich weiss es nicht gewiss, aber ich vermute, dass sich Plato bei seinem Auto-Agaton ebendasselbe denkt, was ich bei meinem Unendlichen; wenn man anders blosses Hinstreben nach etwas Unerreichbarem Denken nennen kann: aber das ist gewiss, dass ich keinen speculativen Gebrauch oder Missbrauch davon mache, und mich nur desswegen nicht bekümmere mehr davon zu wissen, weil ich fühle, dass indem ich einen schwindelnden blick in diese unergründliche Höhe und Tiefe wage, ich bereits über der Gränze alles menschlichen Wissens schwebe.

Was Platons Ideen betrifft, so gestehe ich dir unverhohlen, dass ich nach allem was mir seine Dialogen davon geoffenbaret haben, mir keine idee von ihnen zu machen weiss. Sie sind weder bloss gedachte noch personificirte allgemeine Begriffe; auch sind es nicht die Erscheinungen, die der begeisterten Phantasie des Dichters, Bildners oder Malers vorschweben, wenn er nach dem Höchsten seiner Kunst, dem Uebermenschlichen und Göttlichen, nach vollkommner Schönheit, Stärke und Grösse ringt. So wie Plato von ihnen spricht, können sie nichts dergleichen sein, wiewohl ich vermute, dass du in den Momenten der geistigen Anschauungen, wovon du sprichst, sie mit jenen verwechselst. Was sind sie also? Ich weiss es nicht; aber das weiss ich, dass der Platonische Tisch, der weder klein noch gross, weder rund noch dreieckig, weder von Holz noch von Elfenbein, noch von Gold oder Silber ist, der nicht dieser oder jener Tisch, sondern der Tisch selber, der Tisch an sich und das einzige Exemplar seiner Art im land der Ideen ist, neben den künstlichen goldnen Dreifüssen im Palast des Homerischen Hephästos37 eine schlechte Figur macht. Wie kommt Plato dazu, dass er den abgezogenen Begriffen von Arten und Gattungen, deren wir Menschen bloss als erleichternder und abkürzender Hülfsmittel zum Denken und Reden benötigt sind, Selbstständigkeit und wirkliches Dasein ausser uns gibt? Die natur hat ihm schwerlich dazu angeholfen; denn sie stellt lauter einzelne Dinge auf, und weiss nichts von unbestimmten Formen, nichts von Körpern, die weder klein noch gross, weder rund noch eckicht, weder aus diesem noch jenem Stoffe gemacht sind. Sie kennt nur Aehnlichkeit und Verschiedenheit in unendlichen Graden und Schattirungen; die Abteilungen, Einzäunungen und Gränzsteine sind Menschenwerk. Der Maulwurf steht mit dem Elephanten auf eben derselben Linie, wie viel andere Tiere auch zwischen ihnen stehen mögen, und die Verschiedenheit zwischen einem Elephanten und einem andern, ist, wiewohl nicht so stark in die Augen fallend, doch nicht minder gross als die Aehnlichkeit. Weil alles Mögliche wirklich ist, so muss notwendig der Unterschied zwischen den Wesen, die einander die ähnlichsten sind, kaum merklich sein; wir übersehen also das, worin sie verschieden sind, fassen sie unter dem Begriff einer Art zusammen, und bezeichnen sie mit einem gemeinsamen Wort. Durch das nämliche Verfahren erhalten wir, indem wir die ähnlichsten Arten unter Ein gemeinschaftliches Wort stellen, den höhern Begriff der Gattungen. Das Bedürfniss einer Sprache, und das Gefühl der notwendigkeit, den auf uns eindringenden Vorstellungen Festigkeit und Ordnung zu geben, nötigt den Menschen zu dieser ihm natürlichen Anwendung seines Verstandes, und es wäre nicht schwer (wenn es mich nicht zu weit führte) zu zeigen, wie es zugeht, dass es ihm unvermerkt eben so natürlich wird, diese Abteilungen und Classificationen für das Werk der natur selbst zu halten, wiewohl sie nichts anders als Producte seiner durch den Drang des Bedürfnisses erregten instinctmässigen Selbsttätigkeit sind. – Diess hat mich wenigstens eine mässige Aufmerksamkeit auf die natur gelehrt, und wenn Speculiren um blossen Speculirens willen meine Sache wäre, so dächte ich auf diesem Wege ziemlich weit zu kommen. Aber ferne von mir sei die Anmassung, dich, mein liebenswürdiger Freund, oder irgend einen andern Sterblichen von einer Vorstellungsart abzuziehen, die ihm einleuchtet, wobei er gutes Mutes ist, und wodurch keinem andern Weh geschieht. Auch die Philosophie ist in gewissem Sinn etwas Individuelles, und für jeden ist nur diejenige die wahre, die ihn glücklicher und zufriedner macht als er ohne sie wäre.

Uebrigens danke ich der schönen Lastenia, dass sie sich ihres entfernten Freundes so grossmütig annimmt, und finde sehr billig, wenn sie (ohne sich des geheimen Beweggrundes bewusst zu sein) etwas Reelleres in der Welt vorzustellen wünscht, als ein blosses Schattenbild des Platonischen Urweibes, welches weiter nichts zu tun hat, als im land der Ideen umher zu stolziren, und zehntausendmal zehntausend Myriaden mächtig von einander abstechender