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Leibes, ihres unmittelbaren gefährten und Gehülfen, Anteil zu nehmen genötigt ist; und weil sie, auch um ihrer selbst willen, desto lebhafter und ungeduldiger wünschen muss, dass der Dürstende zu trinken bekomme, je dringender sein Bedürfniss, je quälender sein Durst, und je peinlicher folglich ihr selbst die Hemmung ihrer freien Tätigkeit wird, die eine natürliche Folge desselben ist?

S o k r a t e s . Ich sehe nicht, wie ich mir die Sache anders denken könnte.

A r i s t i p p . Wenn nun kein besonderer Grund vorhanden ist, warum der Dürstende sich des Trinkens entalten soll, so ist auch nichts da, was die überlegung oder die Vernunft verhindern könnte, ihre Einwilligung dazu zu geben; Trieb, Begierde und freier Wille fallen alsdann in einander, und es ist klar, dass wir nicht zwei verschiedene Principien anzunehmen brauchen, um das, was in der Seele dabei vorgeht, begreifen zu können. Lass hingegen irgend einen Grund des Nichttrinkens vorhanden sein, z.B. dass kein anderes als stinkendes wasser, oder irgend ein Getränk, dessen Schädlichkeit dem Dürstenden bekannt ist, vorhanden, oder dass noch vorher irgend ein äusserst dringendes Geschäft abzutun, der Durst hingegen noch erträglich wäre: so würde zwar der mechanische Trieb zum Trinken nichts dadurch von seiner Stärke verlieren, aber die Begierde, durch die überlegung unterdrückt, würde dem Willen nicht zu trinken Platz machen; und diess auf eben die Weise, wie wir, wenn wir uns mit überlegung, aber aus irriger Meinung zu etwas entschlossen haben, unsern Entschluss ändern, sobald wir den Irrtum gewahr werden, wiewohl es eben dieselbe Vernunft ist, die uns in beiden Fällen bestimmt. Oder sollte es etwa, zu Erklärung dieser so häufig vorkommenden Veränderlichkeit unsrer Meinungen und Entschliessungen, einer zweifachen vernünftigen Seele bedürfen, einer die sich irren kann, und einer andern, die sich nie irrt, und welcher jene untertan zu sein verbunden ist?

S o k r a t e s . Mich dünkt eine und eben dieselbe Seele sollte hinlänglich sein, alles was in den besagten Fällen in ihr vorgeht zu bestreiten.

A r i s t i p p . So lange uns also Plato nicht gezeigt haben wird, dass es andere Fälle gebe, wo der Mensch in eben demselben unteilbaren Augenblick, in Ansehung eben desselben Gegenstandes, von der Begierde nach einer gewissen Richtung, und von der Vernunft nach der entgegengesetzten gezogen werde, ist keine Ursache vorhanden, warum wir aus dem was in uns begehrt, und dem was in uns überlegt und wählt, zwei verschiedene Seelen machen sollten.

S o k r a t e s . Aber wie, wenn (um bei unserm bisherigen Beispiele zu bleiben) der Durst endlich auf einen so hohen Grad dringend würde, dass seine Pein unausstehlich wäre, und der Dürstende könnte schlechterdings keines andern Getränkes habhaft werden als eines Bechers voll Schierlingssaft, entstände da nicht der Fall, wo Begierde und überlegung den Menschen zugleich nach zwei entgegen gesetzten Richtungen ziehen würde?

A r i s t i p p . Ich weiss nicht ob jemals ein solcher Fall stattgefunden haben mag; wenigstens werden wir, weil die Erfahrung uns hier verlässt, das, was in diesem unbekannten Falle geschehen müsste, nur aus dem, was uns von der menschlichen natur überhaupt bekannt ist, oder aus ähnlichen Fällen durch Mutmassung herausbringen können. Auf alle Fälle ist gewiss, dass eben dieselbe Seele, die dem dringenden Bedürfniss des verlechzenden Körpers um jeden Preis abgeholfen wissen will, den Gifttrank, sobald sie ihn für einen solchen erkennt, insofern er dem Körper die gänzliche Zerstörung droht, verabscheuen muss. Demungeachtet bin ich überzeugt, sobald das Bedürfniss zu trinken aufs äusserste, und folglich die Pein des Durstes auf einen so fürchterlichen Grad gestiegen wäre, dass dem Unglücklichen nich übrig bliebe, als sein Leben an die Erleichterung der gegenwärtigen Qual zu setzen: so würde nicht nur der sinnliche Abscheu von der wütenden Begierde übertäubt werden, sondern die Vernunft selbst, wenn sie kein anderes Rettungsmittel vorzuschlagen hätte, würde die leichtere und schnellere Todesart der grausamem vorziehen, und der Begierde keinen vergeblichen Widerstand entgegen setzen. –

Aber genug, lieber Eurybates, für eine kleine probe, welche freilich dreimal so gross hätte ausfallen mögen, wenn ich, nach der Weise meines Vorgängers, jede Frage noch in zwei oder drei dünnere hätte spalten wollen.

In Betreff des sogenannten Tymos, welchen Plato zum dritten – ich weiss nicht was in unsrer Seele macht, muss ich zu dem bereits Gesagten nur noch hinzusetzen, dass alle Schwierigkeiten von selbst wegfallen, sobald bei den Erscheinungen, die er unter dieser Benennung begreift, das, was seinen unmittelbaren Grund in der organischen Beschaffenheit des Leibes hat, von dem was das eigentliche Werk der Seele dabei ist, so genau als möglich unterschieden wird. Ueberhaupt fehlt sehr viel, dass dieses vorgebliche Princip bei allen Menschen gleiche Wirkungen hervorbringe: die Verschiedenheit des Temperaments, der Nervenstärke und Muskelkraft, der von Jugend an gewohnten Lebensweise und anderer Umstände, gibt gar verschiedene Resultate. Der eine zittert vor dem blossen Anschein einer Gefahr, da ein andrer gar nicht weiss was Furcht ist, und seinen Mut mit der Gefahr steigen fühlt. Dieser ergrimmt über etwas, das jenen kaum aus dem Gleichgewicht rückt. Bei einigen ist hoher Mut mit Sanfteit und Zartgefühl, bei ungleich mehreren mit Rohheit, Härte und Gefühllosigkeit verbunden, u.s.w. Das aber, was ohne Zweifel allen Menschen