, so angenehm wären, als du zu glauben scheinst. Sie würden es auch dann nicht sein, wenn ich nicht voraussähe, dass meiner Familie vielleicht kein grösseres Unglück zustossen könnte, als wenn Ariston in seinem Unternehmen glücklich wäre. Denn wie lange glaubst du wohl, dass die willkürliche Regierung eines jungen Schwindelkopfes dauern würde, der sich selbst nicht zu regieren weiss, und immer das Spielzeug seiner eigenen und fremder Leidenschaften ist? Ich beklage es, dass mein Bruder, durch täuschende Aussichten verblendet, seine Partei so eifrig zu unterstützen scheint, dass, wenn die kurze Herrlichkeit vorüber sein wird, sein Fall notwendig auch der ihrige sein muss. Lass' mich's wiederholen, mein Freund, um unsre Republik vor einer unabsehbaren Reihe unseliger Folgen der gegenwärtigen Störung ihres inneren Gleichgewichtes zu retten, ist kein anderes Mittel als eine neue Regierungsform: und diess vorausgesetzt, fordere ich alle Weisen unter Griechen und Barbaren heraus, in diesem Augenblick eine bessere für euch zu ersinnen, als die Solonische unter der Bedingung, deren ich neulich erwähnte; wenn ihr euch nämlich von freien Stücken entschlösset, unter den vier Ehrgeizigen, die einander die Tyrannie über Cyrene streitig machen, den tauglichsten, d.i. den, der den besten Kopf mit der meisten Stärke des Charakters vereiniget, an die Spitze der Republik zu stellen. Da du, wie ich aus deiner Antwort sehe, meine Meinung nicht ganz gefasst zu haben scheinst, so erlaube mir, mich über diesen Punkt deutlicher zu erklären.
Als die Atener nach dem tod des edelmütigen Kodrus beschlossen, dass Jupiter allein würdig sei, der Nachfolger eines solchen Königs zu sein, gingen sie nicht plötzlich zu einer demokratischen Verfassung über. Die Republik wurde von einem Archon regiert, welcher anfänglich auf Lebenslang, hernach auf zehn Jahre mit dieser höchsten Würde bekleidet wurde: und auch, nachdem man in der Folge für besser hielt, die Verrichtungen derselben unter neun jährliche Archonten zu verteilen, war die Verfassung zu Solons zeiten noch immer aristokratisch. Das Volk schmachtete unter dem Druck der vornehmen und reichen Familien, in deren Händen die ganze Staatsverwaltung lag, und selbst die blutigen gesetz Drakons scheinen einen aristokratischen Geist zu atmen, und dahin abgezielt zu haben, durch ihre furchtbare Strenge dieser Regierungsform eine ewige Dauer zu verschaffen. Natürlicher Weise erfolgte das Gegenteil. Das zur Verzweiflung getriebene Volk fühlte endlich seine Stärke; die Republik zerfiel in Parteien; jede hatte einen mächtigen Aristokraten an der Spitze, dessen wahre Absicht wohl keine andere war, als sich seines Anhangs zu Ueberwältigung der übrigen zu bedienen, und sich zum einzigen Stellvertreter des Königs Jupiter zu erklären. In dieser Lage der Sachen fand Solon in dem allgemeinen Vertrauen auf seine Weisheit ein Mittel, alle Parteien zu vereinigen. Man bevollmächtigte ihn, nicht nur die alten gesetz zu verbessern, sondern auch (was alle Parteien für das Nötigste hielten) der Republik selbst eine neue Verfassung zu geben. Ein so weiser Mann, wie Solon, konnte, da er selbst ohne Ehrgeiz war, unmöglich auf den Gedanken fallen, dass den Gebrechen der Aristokratie abgeholfen wäre, wenn er eine reine Demokratie an ihre Stelle setzte: er war bloss darauf bedacht, die Republik durch Verteilung der Gewalten unter die Archonten, den Areopagus, einen Senat von Vierhundert, und die Volksgemeine, dergestalt zu ordnen, dass er sich eine dauerhafte Harmonie des Ganzen davon versprechen konnte. Indessen bewies der Erfolg in wenig Jahren, dass seine neue Staatseinrichtung mit Einem Gebrechen behaftet war, welchem hätte vorgebeugt werden können, wenn er etwas weiter vor sich hinausgesehen, und der momentanen Stimmung des Volkes auf der einen, und der verstellten Mässigung der ehmaligen Oligarchen auf der andern Seite, nicht zu viel getraut hätte. Das Volk nämlich war durch die plötzliche Befreiung von den bisherigen Bedrückungen und die Aussicht auf die Vorteile, die es von der Solonischen Gesetzgebung mit Recht erwartete, so zufrieden gestellt, dass es sich mit dem sehr beschränkten Anteil an der Staatsverwaltung, der ihm durch dieselbe eingeräumt wurde, vor der Hand willig abfinden liess: auf der andern Seite sahen die Ehrgeizigen, die es während der Unruhen auf Alleinherrschaft angelegt hatten, dass sie die Ausführung ihrer Anschläge auf einen günstigern Zeitpunkt verschieben müssten. Aber Solon hätte billig unbefangen genug sein sollen, vorauszusehen, dass weder die untern Volksclassen noch die Häupter der mächtigsten Familien sich in den Schranken, worein er sie eingeschlossen hatte, lange halten lassen würden; und dass er also, um der Ruhe des staates Dauer zu verschaffen, auf ein haltbares Mittel bedacht sein müsse, den einen und den andern jede Ausdehnung ihrer politischen Rechte unmöglich zu machen. Dieses Mittel würde er in einem Eparchen (oder wie man ihn sonst nennen wollte) gefunden haben, dem die Constitution nicht mehr, aber auch nicht weniger Macht in die hände gegeben hätte, als erfordert wurde, um das Volk durch die Aristokratie, die Aristokratie durch das Volk, und beide durch die Allmacht des Gesetzes in ihren Schranken zu erhalten. Der Einwurf, "die Atener hätten das Nachteilige eines solchen Vorstehers an den ehmaligen lebenslänglichen Archonten bereits erfahren," wäre von keiner Erheblichkeit gewesen. Das Nachteilige lag bloss darin, dass die Gewalt der ersten Archonten zu unbestimmt und zu willkürlich war: denn im grund stellten sie eine Art von Königen unter einem andern Namen vor. Aber diess würde bei meinem Eparchen der Fall nicht gewesen sein, da er durch den aristokratischen Areopagus, den aus den drei ersten Bürgerclassen gezogenen Senat der Vierhundert, und die