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Einwohner hätte und man erzählte uns irgend eine schöne Tat, die ein Mann im mond vor zehntausend Jahren getan hätte, die Vorstellung derselben eben so auf uns wirken würde, als wenn sie vor wenig Tagen mitten unter uns geschehen wäre. Diess erstreckt sich sogar auf die Tiere, an welchen wir etwas dieser oder jener Tugend Aehnliches zu sehen glauben, ja noch weiter hinab bis ins Pflanzenreich, wo es, z.B. Blumen gibt, die uns durch Gestalt, Farbe und Wohlgeruch zu natürlichen Symbolen gewisser sittlicher Eigenschaften werden, und aus diesem grund, öfters auch ohne dass wir uns dessen bewusst sind, Personen von zärterem Gefühl eine sonderbare Art von Anmutung einzuflössen vermögen.

Einen aus jenen Eigenschaften, als den Elementen oder Grundzügen des Sittlichschönen richtig zusammengesetzten Charakter nennen wir schön, weil und sofern er sich uns als ein mit sich selbst harmonisches und in sich selbst vollendetes Ganzes darstellt. Das Schönste in dieser Art wäre also unstreitig ein ganzes Leben, welches, aus lauter schönen Gesinnungen und Taten zusammengesetzt, uns das Anschauen der reinsten Harmonie aller Triebe und Fähigkeiten eines Menschen zu Verfolgung des grossen Zwecks der möglichsten Selbstveredlung und der ausgebreitetsten Mitteilung gewähren würde. Ein solcher Charakter in einem solchen Leben dargestellt, würde für die Formen und Proportionen des sittlichen Menschen eben das sein, was der Kanon des Polykletus für die richtigsten Verhältnisse des menschlichen Körpers. Denn unläugbar gibt es in beiden ein Schönstes, über welches die Phantasie nicht hinausgehen darf, wenn sie des wahren Ebenmasses nicht verfehlen, und statt schöner Gestalten schöne Ungeheuer hervorbringen will. Die Einbildung, dass sich immer noch etwas Schöneres denken lasse als das Schönste was uns die natur wirklich darstellt, ist blosse Täuschung; und ich bin auch über diesen Punkt gänzlich der Meinung deines Freundes Euphranor, der es zu verdienen scheint, dass du ihm hierin zur vollständigsten überzeugung verhelfest.

Deiner Einladung zur Feier der bevorstehenden Poseidonien in Aegina (denn dafür darf ich doch wohl ohne mir zu viel zu schmeicheln die Frage am Schluss deines Briefes nehmen?) würde ich mit der lebhaftesten Dankbarkeit entgegen fliegen, wenn ich mich nicht gegen einen der angesehensten Rhodier verbindlich gemacht hätte, seinen Sohn auf einer Reise nach Cypern zu begleiten. So fern von Aegina als ich dann sein werde, könnt' ich mich um so leichter versucht fühlen, meine Wanderungen zu wasser und zu Land noch eine gute Strecke weiter auszudehnen. Den Vorsatz trage ich schon lange mit mir herum, und soll er jemals ausgeführt werden, so muss es jetzt geschehen, da die Entfernung von dir schon so gross ist, dass etliche tausend Parasangen mehr oder weniger keinen sonderlichen Unterschied machen.

19.

An Eurybates.

Es ist Zeit, Eurybates, dass du wieder von mir selbst vernehmest, dass ich noch unter denen bin, die das erfreuende Licht der Sonne trinken.

Ich habe nun alle Griechischen Pflanzstädte an den Küsten Asiens und den grössten teil des von den Söhnen Hellens bevölkerten festen Landes und der dazu gehörigen Inseln besucht, und nach einer mehr als achtjährigen Abwesenheit sehen' ich mich in die schöne Atenä zurück, die unvergessliche und unvergleichbare, zu welcher man sich, wie zu einer etwas unartigen aber reizvollen Geliebten, immer wieder mit verborgener Gewalt hingezogen fühlt, weil man, aller ihrer Unarten und Launen ungeachtet, dennoch nichts Liebenswürdigeres kennt als sie. Ich werde den Atenern den Tod des Sokrates nie verzeihen; aber sieben Jahre haben ihre wirkung getan und mich an die Vorstellung gewöhnt, dass ich das, was geschehen ist, von der natur selbst zu gewarten gehabt hätte. Ich würde ihn entweder nicht mehr am Leben, oder in einem Zustande von Abnahme angetroffen haben, worin man, für seine Freunde und sich selbst, schon über die Hälfte – zu sein aufgehört hat. Die Zeit hilft uns vergessen was nicht zu ändern ist, und was sie selbst bewirkt hätte, wenn ihr die Menschen nicht zuvorgekommen wären.

Was mich am meisten mit den Atenern ausgesöhnt hat, ist: dass sie das Andenken des besten ihrer Bürger in seinen Freunden und Zöglingen ehren, und der Philosophie einen so freien Spielraum und Uebungsplatz gestatten, als sie nur immer verlangen kann. Wie ich höre so hat mein alter Freund Antistenes schon seit geraumer Zeit in der Cynosarge57, und Plato, seitdem er von seinen Reisen in Aegypten und Italien zurückgekommen ist, in seinem an der Akademie gelegenen Gärtchen, eine Art von Sokratischer Schule eröffnet, deren Beschaffenheit ich mit meinen eigenen Augen zu erkundigen begierig bin. Ich erwarte von beiden nichts anders, als wozu sie schon bei Lebzeiten des Meisters gute Hoffnung gaben, nämlich, dass der eine die Philosophie des Sokrates übertreiben, der andere verfälschen werde. Am richtigsten wär' es vielleicht, wenn man die Sokratiker sammt und sonders als Pflanzen verschiedener Art betrachtete, die neben einander aufgekommen sind, und ihre Nahrung aus eben demselben Boden gezogen, aber jede auf eine andere, ihrer eigenen natur gemässe Art, verarbeitet haben. Man könnte sie auch mit mehrern Söhnen eben desselben Vaters vergleichen, deren keiner ihm recht ähnlich sieht, wiewohl dieser seine Augen, jener seinen Mund, ein dritter seine Nase hat. Zuweilen findet sich auch ein vierter, der zwar in jedem einzelnen zug von dem Vater verschieden ist, hingegen im Ganzen der Physiognomie eine auffallende Aehnlichkeit mit ihm hat. Ich meines Orts möchte lieber dieser letzte sein als einer von den andern; wiewohl ich glaube, die natur habe es darauf angelegt, dass jeder sich selbst gleich sehen soll.

Ich habe deinem Freigelass