unsers Auges, und mich dünkt, wir können uns dabei beruhigen, ohne tiefer in das geheimnis der natur eindringen zu wollen als sie uns erlaubt. Mit den Farben hat es eben dieselbe Bewandtniss. Der Anblick einer in tausendfältige Schattirungen von Grün gekleideten und von einem azurnen Himmel umflossenen Landschaft vergnügt unser Auge und däucht uns schön; noch schöner der Himmel, wenn eine Menge leichter goldverbrämter Rosenwölkchen, wie schwimmende Inseln in einem hellblauen Meere, von Abend gegen Morgen langsam an ihm daherschweben; am schönsten, wenn die Abendsonne durch ein dünnes Dunstgewölk in eine Glorie von zusammengefloss'nen Regenbogen zu zerschmelzen scheint. Eine ähnliche wirkung würde der Anblick der Erde tun, wenn Bäume, Gras und Kräuter, gleich einem mit den buntesten Blumen aller Art besetzten Gartenstück, einen unaufhörlichen Wechsel der lebhaftesten Farben in unsre Augen spielten. Wie entzückend aber auch ein solcher Anblick wäre, so sind doch unsre Gesichtswerkzeuge nicht dazu eingerichtet, so viel Schimmer und so lebhafte Farben in die Länge zu ertragen. Indessen erklärt sich daraus, warum uns die natur im Frühling am schönsten erscheint; weil nämlich die Färbung des magischen Gemäldes, das sie uns in dieser lieblichsten der Horen darstellt, zwischen dem einförmigen Blau und Grün, und einem allzu bunten und feurigen Farbenspiel gleichsam in der Mitte schwebt.
Eben so, wie die Ursache der mehr oder minder angenehmen wirkung des Lichts und der Farben in der Organisation unsers Auges zu suchen ist, scheint auch die allgemeine Erfahrung, dass gewisse Linien, Figuren und Körper dem Auge und der tastenden Hand angenehmer sind als andere, hauptsächlich in der natürlichen Beschaffenheit dieser Organe gegründet zu sein. Warum gefällt uns eine sanftwallende Linie besser als eine gerade? warum ein Cirkelbogen besser als ein Winkel? Die Kreislinie mehr als das Eirund? Wie man diese fragen auch beantworte, am Ende müssen wir immer gestehen, die Einrichtung unserer Gesichtsund Gefühls-Werkzeuge bringe es nun einmal so mit sich. Eine gerade fortlaufende Linie, eine ebene ununterbrochne Fläche gefällt einen Augenblick, wird aber bald durch ihre Einförmigkeit langweilig; das Winklichte beleidigt Gesicht und Gefühl; ein sanfter Uebergang vom Ebnen zum Gebogenen schmeichelt beiden. Daher, dass uns das leichte Wallen eines sanftbewegten Wassers schöner däucht, als die schroffen in einander berstenden Wogen des empörten Meeres; daher, dass unsre Töpfer und Bildner gewisse zwischen der Kugel und dem Ei mehr oder weniger in der Mitte schwebende Formen als die schönste zu Urnen und Prachtgefässen wählen.
Was ich von Licht und Schatten, Farben und Linien als den Elementen des sichtbaren Schönen gesagt habe, gilt in seiner Art auch von den verschiedenen Schwingungen der Luft, wodurch der Schall in unserm Ohr und vermittelst dieses Organs in unserm inneren Sinne gewisse angenehme Gefühle erregt; von dem majestätischen Rollen des Donners bis zum leisen Geflüster der Pappel und Birke; vom klappernden Tosen eines entfernten Wasserfalls, bis zum einschläfernden Murmeln einer über glatte Kiesel hin rieselnden Quelle; vom fröhlichen Geschwirr der Lerche bis zum eintönigen Klingklang der Cicade. Alle diese einfachern Schälle und Töne, durch welche die natur unser Ohr als ein zu ihr stimmendes lebendiges Saiteninstrument anspricht, betrachte ich als die Elemente des hörbaren Schönen, welches, gleich dem sichtbaren, in der Mitte zwischen zwei Aeussersten schwebt, und also eben demselben Gesetz unterworfen ist, wodurch die dem Auge gefälligen Töne des Lichts und der Farben, und die dem Gefühle schmeichelnden Formen der Körper bestimmt werden, dem gesetz der Harmonie der sinnlichen Eindrücke von aussen mit der Einrichtung der ihnen entsprechenden Organe.
Wiewohl ich nun diese angenehmen Empfindungen, wovon bisher die Rede war, als die Elemente betrachte, woraus alles sichtbare, hörbare und fühlbare Schöne zusammengesetzt ist; so würden sie uns doch, jede für sich allein, nie auf den Begriff der Schönheit geführt haben. Denn wie lebhaft auch die angenehme Empfindung sein mag, die z.B. durch eine gewisse Farbe oder einen gewissen einzelnen Ton in uns erregt wird; so würde doch eine lange Dauer derselben unser Auge oder Ohr ermüden, und uns erst gleichgültig, dann langweilig, endlich widrig und unerträglich werden. Verschiedenheit und öftere Abwechselung der angenehmen Eindrücke sind sowohl zum Vergnügen als zur Erhaltung der Organe gleich notwendig: aber im Verschiedenen muss Aehnlichkeit sein, die Abwechselung durch sanfte Uebergänge bewirkt werden, und das Mannichfaltige, von Harmonie zusammengefasst, zu einem Ganzen, dessen Totaleindruck uns angenehm ist, verschmolzen werden; und diess allein ist es, was die idee der Schönheit in uns erzeugt.
Lass' uns nun einen höhern Standort nehmen. Die natur ist alles was ist, war, und sein wird, also auch die Quelle, so wie die Summe alles Schönen. Wär' es möglich einen Augenpunkt zu finden, aus welchem sich die ganze natur mit Einem blick von uns überschauen liesse, so würden wir das wahre Urbild alles Schönen in der Wirklichkeit vor uns sehen. Aber unser Auge ist auf ein enges Hemisphärion eingeschränkt, und die natur unermesslich. Was sie unsern Sinnen darstellt, sind nur unendlich kleine Abschnitte und Bruchstücke eines gränzenlosen Ganzen. Aber das Wundervolle und Göttliche in ihr, das, wodurch sie sich so unendlich weit über die Kunst des Menschen erhebt, ist, dass jedes der kleinsten Gliedmassen, aus welchen sie zu einem einzigen leben- und seelenvollen Körper innigst verwebt ist, eine Welt voll harmonischer Mannichfaltigkeit, eine unendliche Menge von organisirten Teilen entält, deren jeder wieder als ein neues Ganzes betrachtet werden könnte, wenn die Werkzeuge unsrer Sinne fein und scharf genug wären, die besonderen Eindrücke, die er