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Ich füge mich also sowohl deinem Willen als meinem eigenen Naturtriebe, und wenn ich dir nichts Unbegreifliches und Unerhörtes offenbare, so schreibe' es meiner zur andern natur gewordenen Maxime zu: im Philosophiren immer verständlich zu bleiben, und vor allem mich immer selbst zu verstehen.

Epigenes hatte Recht, mit der Frage, "was nennen die Menschen schön?" den Anfang der Untersuchung zu machen; nur hätte er dem Einwurf Speusipps zuvorkommen, und sogleich antworten sollen: wir Griechen pflegen alles schön zu nennen, was uns, ohne Rücksicht auf seine Nützlichkeit, gefällt. Das Wohlgefallen ist immer notwendig mit einem angenehmen Gefühl verbunden, und umgekehrt; aber dieses Gefühl ist nicht der Grund warum uns das Schöne gefällt, sondern die natürliche wirkung des Schönen auf unsern Sinn. – "Warum gefällt uns denn aber das Schöne?" – Mit der Antwort: weil es schön ist, wäre nichts gesagt; indessen habe ich keine andere Antwort als, weil wir so organisirt sind dass es uns, wofern ihm nicht nachteilige Umstände von aussen oder innen im Lichte stehen, notwendig gefallen muss. – "Aber muss denn alles, was gefällt, schön sein? Gefallen uns nicht viele Dinge bloss darum, weil sie zweckmässig und nützlich sind?" – Allerdings werden, unserm Sprachgebrauch zufolge, auch solche Dinge öfters schön genannt; nur hat der Sprachgebrauch Unrecht, wenn er schön und gut vermengt. Das Schöne ist zwar, insofern es schön ist, immer etwas Gutes; aber das Gute ist nicht, insofern es gut ist, notwendig auch schön; und diess macht einen grossen Unterschied – "Damit ist für den Begriff des Schönen nichts gewonnen," sagt Speusipp; "das Rätsel, dessen Auflösung wir suchen, die Frage: was ist das Schöne an sich? bleibt noch immer ungelöst und unbeantwortet." – Aus einem sehr einfältigen grund; bloss weil wir keine Antwort auf diese Frage haben. Das Schöne oder die idee des Schönen, in Platons Sinne, ist, wie Speusipp selbst gesteht, kein Gegenstand unsres Anschauens. Wir sehen nur einzelne schöne Dinge, und auch diese sind nur schön durch ihr verhältnis gegen die Organe unsrer Sinne; und wenn wir von schönen Dingen sprechen, so ist die Rede nur von dem, was dem Menschen, nicht was an sich schön ist. – "Diesemnach könnten wir von keinem Dinge sagen es sei schön; denn wie wollten wir die Stimmen aller Menschen, die jemals gelebt haben, jetzt leben, und künftig leben werden, darüber sammeln?" – Auch ist diess sehr unnötig. Mir genügt daran, dass etwas mir schön ist; erscheint es auch andern so, desto besser; zuweilen auch nicht desto besser: denn man ist öfters in dem Falle, etwas Schönes gern allein besitzen zu wollen. Wie dem aber auch sei, genug dass es nun einmal nicht anders ist noch sein kann, und dass wir von sehr vielen Dingen keinen andern Grund, warum wir sie für schön halten, anzugeben haben, als weil sie uns schön vorkommen, oder, genauer zu reden, weil sie uns gefallen. – "Ein Ding kann also zugleich schön und nicht schön sein?" – Nicht sein, aber scheinen, so wie z.B. dem Gelbsüchtigen die Lilie, die allen gesunden Augen weiss ist, gelb zu sein scheint. Was ich schön finde, kann allerdings andern, aus mancherlei Ursachen, mit Recht oder Unrecht, gleichgültig oder gar missfällig sein; denn Vorurteil oder leidenschaft kann mich oder sie verblenden. Die Liebe verschönert und hat für jeden Fehler des Geliebten ein milderndes Wörtchen, das ihn bedeckt oder gar in einen Reiz verwandelt; der Hass tut das Gegenteil. Mangel an Bildung und klimatische oder andere locale Angewohnheiten haben vielen Einfluss auf die Urteile der Menschen über Schönheit und Hässlichkeit. Kurz, das Wort schön, welchem Gegenstand es beigelegt werden mag, bezeichnet bloss ein gewisses angenehmes verhältnis desselben, besonders des Sichtbaren, Hörbaren und Tastbaren, zu einem in Beziehung mit demselben stehenden äussern oder inneren Sinn; weiter hinaus reicht unsre erkenntnis nicht, oder verliert sich in dunkle Vorstellungen und leere Worte.

Ein solches Wort scheint mir die angeborne idee zu sein, welche der Neffe des grossen Aërobaten54 Plato für den Kanon55 des Schönen, und Plato selbst (wenn ich ihn anders verstehe) für einen in unsre Seele fallenden Widerschein eines ihm und uns unbegreiflichen Urbildes des Schönen ausgibt, welchem er in den überhimmlischen Räumen56 einen Platz unter den übrigen Ideen anweiset. Da diese Platonischen Offenbarungen auch mir (wie dem wackern Euphranor) nichts klärer machen, so halte ich mich an das, was ich auf dem Wege der Beobachtung der natur im Geschäfte der Entwicklung und Ausbildung unsres Schönheitssinnes abgelauscht zu haben glaube.

Ich nehme als etwas allgemein Wahres an, dass ein gewisser Grad von Licht, und die gänzliche Abwesenheit desselben, eine ganz lichtlose Finsterniss, die entgegengesetzten äussersten grenzen bezeichnen, innerhalb welcher das Licht allen gesunden menschlichen Augen schön ist. Innerhalb dieser grenzen liessen sich, wenn wir ein Werkzeug das Licht zu messen hätten, eine Menge Abstufungen andeuten, welche die Grade unsers Vergnügens am Licht, oder (was eben dasselbe sagt) die Grade seiner Schönheit bezeichnen würden. Indessen lehrt die Erfahrung, dass eine gewisse Abwechselung und Mischung der höhern Grade des Lichts mit dem niedrigsten dasjenige ist, was in dem grossen Gemälde der natur die angenehmsten Eindrücke auf uns macht. Der Grund hiervon liegt ohne Zweifel in der organischen Beschaffenheit