ihrer Oberherrschaft über den animalischen teil diese Sokratische Sophrosyne in mir hervorzubringen, die zwar nicht das höchste Gut, aber doch gewiss ein sehr grosses und zum reinen Genuss aller andern unentbehrlich ist. Im grund sollte jener Vertrag so schwer nicht zu stiften sein, da die natur selbst in beiden Teilen schon Anstalt dazu gemacht, und dem geistigen eine sonderbare Anmutung zu dem tierischen, diesem hingegen, trotz seiner angebornen Wildheit, eine eben so sonderbare Willigkeit sich von jenem zäumen und regieren zu lassen, eingepflanzt hat. In der Tat kommt in dieser Rücksicht alles darauf an, dass das Tier, wenn es seine Schuldigkeit tun soll, fleissig zur Arbeit und zum Gehorsam angehalten, aber auch wohl behandelt, gut genährt und hinlänglich gewartet werde. Sobald es merkt, dass der regierende teil es wohl mit ihm meint, ist es folgsam und geschmeidig; wird ihm aber übel begegnet, gleich fängt es an muckisch zu werden; beisst um sich, schlägt aus, spreizt, bäumt und wälzt sich, und lässt nicht nach, bis es den Reiter abgeworfen hat. Ist dieser überhaupt nicht stark und verständig genug den Zügel recht zu führen und sein Tier im Respect zu erhalten, was Wunder wenn es mit ihm durchgeht, und sich gerade so meisterlos aufführt, als ob es keinen Herrn über sich erkennte?
Um diese Allegorie nicht zu lange zu verfolgen, bemerke ich nur, dass das Dasein der Vernunft und ihr Einfluss auf unsre sinnliche oder tierische natur sich, wie bei den Kindern schon in der frühen Dämmerung des Lebens, so bei allen, selbst den rohesten Völkern schon in den ersten Anfängen der kultur vornehmlich darin beweist, dass sie (wofern nicht besondere klimatische oder andere zufällige Ursachen im Wege stehen) sich selbst und ihren Zustand immer zu verschönern und zu verbessern suchen. So langsam es anfangs damit zugeht, so schnell nimmt der Trieb zum Schönern und Bessern zu, wenn einmal gewisse Perioden zurückgelegt sind, und die Vernunft selbst in ihrer Entwicklung einen gewissen Grad von Stärke erreicht hat. Dass wir aber demungeachtet im Ganzen noch so weit zurück sind, liegt wohl hauptsächlich an der Kürze unsers Lebens, welches in verhältnis mit allen übrigen Bedingungen, unter welchen wir es empfangen, in viel zu enge grenzen eingeschlossen ist, als dass die Menschen (wenige Ausnahmen abgerechnet) grosse Fortschritte zur Verbesserung ihres eigenen inneren und äussern Zustandes machen, oder etwas Beträchtliches zum allgemeinen Besten beitragen könnten: indessen zeigt sich doch von einer Generation zur andern ein gewisses, im Kleinen meist unmerkliches, aber im Grossen ziemlich sichtbares Streben nach dem, was man füglich (wie ich glaube) den Zweck der natur mit dem Menschen nennen kann. Und was könnte dieser anders sein, als die immer steigende Vervollkommnung der ganzen Gattung, wozu jeder einzelne der einst da war, etwas (wie wenig es auch sei) beigetragen hat, und von welcher nun hinwieder jede neue Generation und jedes einzelne Glied derselben mehr oder weniger Vorteil zieht? Da nichts, was einmal da war oder geschah, ohne Folgen ist, also nichts ganz verloren geht; da jedes Jahrzehnt und Jahrhundert seine Versuche, Erfahrungen, Entdeckungen und Erfindungen den Nachkommenden zur Fortsetzung, Ausbildung, Verbesserung und Vermehrung überliefert, so kann diess schlechterdings nicht anders sein. Die Rückfälle, die man von Zeit zu Zeit wahrzunehmen wähnt, die alte Sage, "dass nichts unter der Sonne geschehe," und die Abnahme der menschlichen Gattung, die man uns schon aus dem alten Homer erweisen zu können glaubt, sind nur anscheinend. Besondere Völker, einzelne Menschen können wohl in einigen Stücken schlechter als ihre Vorfahren werden; aber das Menschengeschlecht, als Eine fortdauernde person betrachtet, der unsterbliche Antropodämon189 Mensch, nimmt immer zu, und sieht keine grenzen seiner Vervollkommnung. Denn nur dem einzelnen Menschen, nicht der Menschheit, sind grenzen gesetzt.
Die Fortschritte, welche wir Griechen seit der Zeit da Europens Bewohner noch stammelnde Waldmenschen und Troglodyten waren, bis zu der Stufe, worauf wir dermalen stehen, gemacht haben, werden andre Menschen, vielleicht ganz andre Völker, nach uns in den nächsten Jahrtausenden fortsetzen, und unfehlbar wird eine Zeit kommen, wo die Menschen durch künstliche Mittel sehen werden, was uns unsichtbar ist; wo sie Schätze von Kenntnissen, wovon sich jetzt niemand träumen lässt, gesammelt, neue Mineralien, Pflanzen und Tiere, neue Eigenschaften der Körper, neue Heilkräfte, kurz, unendlich viel Neues im Himmel, auf Erden und im Ocean entdeckt, und vermittelst alles dessen nicht nur unsre Erfindungen viel höher getrieben, sondern eine Menge uns ganz unbekannter Künste und Kunstwerkzeuge erfunden haben werden, u.s.w.
Nun, meine Freundin, sind wir auf der Höhe, von welcher aus wir uns, dünkt mich, überzeugen können, dass die Aufgabe, die du mir zu lösen gegeben hast, unauflösbar ist. Es gibt kein andres höchstes Gut (wenn man es so nennen will) für den Menschen, als, "das zu sein und zu werden, was er nach dem Zweck der natur sein soll und werden kann:" aber eben diess ist der Punkt, den er nie erreichen wird, wiewohl er sich ihm ewig annähern soll. Wo über jeder Stufe noch eine höhere ist, gibt es kein Höchstes – als täuschungsweise; wie dem, der einen hohen Berg ersteigen will, diese oder jene Spitze die höchste scheint, bis er sie erklettert hat, und nun erst sieht, dass neue Gipfel sich über ihm in die Wolken