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sagte:

"Verraten Sie mein Geheimnis, wenn Sie es entdeckt haben. Tun Sie es, ich bitte Sie; denn wahrlich, die Tugend ist keine Torheit, sie ist nur verraten unter Menschen, nirgends sicher, selbst bei dem Freunde nicht, selbst in dem Busen des Weibes nicht, und gliche es einer Göttin an äusserer Reinheit und Erhabenheit. Das sag ich Ihnen, Renot. Aber sie ist, sie lebt in ihm, und in ihm müssen wir sie ermorden, um das ruhig sein zu können, was wir sind."

RENOT lachend: Wie tragisch die Liebe macht! Das alles wird sich schon geben. Die Weiber verstehen das recht gut, ihnen muss man so etwas überlassen. Morgen wird man ja den Demagogen hören, morgen will er ja uns und den Staat ausgleichen.

FERDINAND knirschend: Warum tut er das? Und jetzt?

10.

Der grösste teil des Adels hatte sich in einem saal versammelt, jeder wusste den Zweck der Versammlung, und aller Gemüter waren in dumpfer, stiller Gärung.

Einer der ältesten las die Aufforderung des Fürsten vor, worin es hiess: Man möchte in dieser bedenklichen Zeit beratschlagen, wie der Gefahr, die immer mehr nahe, zuvorzukommen sei. Jeder wisse, dass täglich neue, traurige Nachrichten von gesetzwidrigen Unternehmungen und aufrührerischen Äusserungen aus der Nachbarschaft einliefen. Der Fürst bäte sie demnach, sein bisher so treues und gutes Volk vor solchen gefährlichen Unternehmungen zu bewahren. Er für seine person würde gern augenblickliche Vorteile und vorüberrauschende Ergötzungen, die oft so drückend wären, dem Glücke seines Volkes aufopfern, und er hoffe dieselbe Gesinnung auch von seinem Adel. Jedem von diesem würde bekannt sein, dass wirklich Bedrückungen obwalteten, die um so lästiger und schmählicher wären, da selbst diejenigen, welche sie ausübten, nichts dabei gewönnen, durch die Unterlassung aber wirklich gewinnen könnten. Diese Bedrückungen wären nun in dem gegenwärtigen höchst kritischen Zeitpunkte sehr bedenklich, weil sie die Gemüter durch das gegebene Beispiel so schrecklich erbitterten und selbst das wahre Gute und Nötige verhasst und zweideutig machten. Er fordere darum gar nicht von dem Adel, dass er eins seiner wesentlichen Rechte aufgeben solle, die er selbst gegen jeden beschützen würde; er wünsche nur, dass man das aufgeben möge, was sich für diese Zeit und die darin lebenden Menschen nicht mehr schicke.

Nach diesem Vortrage herrschte dumpfe Stille.

Nach einer langen Pause erhob Ernst seine stimme:

"Ein edler, weiser teutscher Fürst, der Vater dieses Landes, der erste Edelmann dieses Landes, hat gesprochen, gesprochen wie es zu dieser Zeit noch keiner tat – Ist er keiner Antwort würdig?"

Noch tieferes Schweigen.

Ernst fuhr fort:

"Er hat für das treuste Volk gesprochen, für teutsche Männer zu deutschen Männern, für ein Volk, das es immer mit seinen Fürsten hielt, das selbst in dieser alles verkehrenden Zeit keine zweideutige Gesinnung geäussert hat, dass alle rechtliche Lasten, wie alle widerrechtliche, mit Geduld erträgt, das euch ernährt, von dem ein teil jetzt für euch und eure Rechte blutet – ist dieses Volk eurer Aufmerksamkeit nicht würdig?"

Tiefes Schweigen.

"Bin ich noch ein Teutscher? Rede ich zu deutschen? Ist der Boden, den ich betrete, wirklich mein Vaterland? Was sind wir hier zusammen? Bedenken Sie, meine Herren, dass nie ein Fürst eine menschlichere, eine wichtigere Aufforderung an seinen Adel hat ergehen lassen! Bedenken Sie, dass uns das Schicksal zu keiner Zeit bedeutendere Winke gegeben hat, dass wir jetzt die Stunden zählen müssen, die es uns noch verstattet! Wollen Sie mit Ihrem unbegreiflichen Schweigen die Aufforderung des Fürsten abweisen? Haben wir nicht schon in der Nähe und in der Ferne Beweise genug gegeben von dem Mangel des deutschen Gefühls, der deutschen Vereinigung? Wollen wir nun einen geben, wie zur Ehre unsrer Vorfahren die geschichte keines Landes im deutschen Reiche einen aufgezeichnet hat? Noch einmal, dieses Landes Fürst fordert Sie auf! Er fordert Sie auf, um Ihres Heils, um Ihres eignen Daseins willen! Und schwiege auch die Menschheit ganz in Ihrem Busen, so ruft er Ihnen, um Ihrer Sicherheit, um Ihres Vorteils willen, zu: Gestatten Sie der Klugheit, was Ihnen spätere notwendigkeit gewaltsam entreissen kann. –

Soll ich immer allein hier reden? Wohl! so sei es Wahrheit, die Sie mir abzwingen. Und hören Sie auch diese schweigend an, so habe ich doch so viel gewonnen, dass ich allein sie laut gesagt habe.

Was haben Sie bisher getan, den immer mehr nahenden, fürchterlichen Stürmen auszuweichen? die Gefahr von sich, Ihren Kindern und Weibern abzuwenden? Sind Ihre Vorkehrungen, Ihre Hülfsmittel Ihres Ruhms, des Ruhms des deutschen Namens würdig? Soll ich sie Ihnen aufzählen? Von dem Augenblicke an, da jenes Volk das gefährliche Beispiel gab, vermehrten Sie die Last, die dieses treue Volk hier trug, und traten in Verschwörung gegen dasselbe zusammen. Von Ihrem eignen Gewissen gereizt, dungen Sie Ausspäher und Angeber, welche Ihnen die geheimen Gesinnungen und Gedanken dieses aufrichtigen Volkes zutragen mussten, ja die, um Ihr Gold zu verdienen und sich bei Ihnen wichtig zu machen, den treuen, unschuldigen Bürger durch fragen und Vorspiegelungen zu Äusserungen reizen mussten, die man Ihnen als gefährlich vortragen konnte. Diese, mit allen denen, welche der Hass und der Eigennutz zum Opfer auswählten, wurden nun das Ziel Ihrer Verfolgung. So übergaben Sie den ruhigen Bürger der Gewalt dieser Elenden, so erzeugten