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Er zeigte der Welt von früh 8 Uhr bis mittags um 11 Uhr das Programm des Dr. Franks in Pavia günstig an, das betitelt war: Sermo Academicus de civis medici in republica conditione atque officiis ex lege praecipue erutis auct. Frank 1785. Er beurteilte, lobte, tadelte und exzerpierte das Werkchen so lange, bis er glaubte, er habe damit so viel Papier vollgemacht, dass der Ehrensold für das Papier dem Pfandschilling für die Heringschüssel, für die Salatiere und Sauciere und den Teller beikomme – nämlich einen Bogen lang war seine Meinung über die Rede, und 4 Seiten und 15 Zeilen.

Der Morgen war unter seinem Femgericht so schön abgelaufen, dass der Feimer nachmittags ein zweites halten wollte, über das rückständige zweite Werkchen. Bisher hatte' er es nicht gewagt; er hatte nachmittags nur advoziert, nicht rezensiert, und nur als Defensor (Verteidiger), nicht als Fiskal (Ankläger) gearbeitet. Er konnte sich recht gut damit rechtfertigen, dass immer nachmittags die Mädchen und Mägde mit Hauben kämen und Mäuler voll Sprachschätze mitbrächten und auftäten, dass sie, reicher als die Araber, die nur 1000 Wörter für 1 Gedanken haben, ebenso viele Redarten für einen verwahrten und dass sie überhaupt, wie verdorbne Orgeln, sogleich, ohne gegriffen zu sein, mit zwanzig Pfeifen flöteten, sobald nur die (Lungen-) Bälge gingen – – das war ihm gelegen; denn in den Stunden, worauf diese weiblichen Wecker gestellet waren, liess er seine juristischen losschnarren und trieb unter den Prozessen seiner Lenette seine eignen weiter. Es störte ihn gar nicht; er versicherte: "Ein Advokat ist gar nicht irre zu machen, er mag seinen Perioden eröffnen und fortstossen wie er will – sein Periode ist ein langer Bandwurm, den ich ohne Schaden prolongiere, abbreviere (verlängere, abkürze) – denn jedes Glied ist selber ein Wurm, jedes Komma ein Periode."

Aber mit dem Rezensieren wollt' es nicht gehen. Ich will indes so viel für die Ungelehrten (denn die Gelehrten haben die Rezension längst gelesen) treulich niederschreiben, als er nach dem Essen wirklich fertig brachte. Er schrieb den Titel von Steffens' lateinischer Übersetzung der Emilia Galotti hin und fuhr so fort:

"Gegenwärtige Übersetzung erfüllet endlich einen Wunsch, den wir so lange bei uns herumgetragen haben. Es ist in der Tat eine auffallende Erscheinung, dass bisher noch so wenige deutsche Klassiker ins Lateinische für Schulmänner übersetzet worden sind, die für uns doch fast alle römische und griechische Klassiker verdeutschet haben. Der Deutsche hat Werke aufzuzeigen, welche verdienen, dass sie ein Schulmann und Sprachgelehrter lieset; aber er kann sie nicht verstehen (obwohl übertragen), weil sie nicht lateinisch geschrieben sind. Lichtenbergs Taschenkalender tritt zugleich in einer deutschen Ausgabe – für Engländer, welche Deutsch lernen – und in einer französischen für den deutschen hohen Adel ans Licht; warum werden aber deutsche Originalwerke und dieser Kalender selber nicht auch Sprachgelehrten und Schulmännern in die hände gegeben in einer guten lateinischen, aber treuen Übersetzung? Sie sind gewiss die ersten, welche die Ähnlichkeit (in der Ode) zwischen Ramler und Horaz bemerken würden, wäre jener verdolmetscht. Rezensent gesteht gern, dass er immer grosse Bedenklichkeiten darüber gehabt, dass man Klopstocks Messiade nur in zwei Rechtschreibungen geliefert, in der alten und in seiner – dass aber weder an eine lateinische Ausgabe für Schulleute – denn Lessing hat in seinen Vermischten Schriften kaum die Anrufung übersetzt – noch an eine im Kurialstil für die Juristen, noch an eine im planen prosaischen für Messkünstler oder an eine im Judendeutsch für das Judentum gedacht worden."....

So weit hatte' er es; aber dann musst' er aufhören, weil eine Hausjungfer nicht aufhörte, sondern immer wiederholte, was ihre Frau – die Seckelmeisterin – wiederholet hatte, wie nämlich die Nachtaube gesteckt werden sollte: zwanzig Male entwarf sie den Karton und Vorriss der Haube und drang auf Eiligkeit. Lenette beantwortete und vergalt alle ihre Tautologien mit ähnlichen. Kaum hatte die Hausjungfer die tür zugemacht, so sagte der Rezensent: "Ich habe nicht ein Wort geschrieben, solang die Windmühle da klapperte. Lenette, ist es denn eine gänzliche Unmöglichkeit, dass ein Weib sagt, es ist vier Uhr, anstatt zu sagen, es hat vier Viertel auf vier Uhr geschlagen? – Kann keine sagen, morgen ist der Kopf-Lumpen fertig und damit gut? Kann keine sagen, einen Ortstaler verlang' ich dafür und damit gut? Keine, lauf' Sie morgen wieder herauf und damit holla? Kannst denn dus nicht?" – Lenette versetzte kalt: "Du denkst freilich, alle Leute denken wie du!"

Lenette hatte überhaupt zwei weibliche Unarten, über die schon Millionen männliche Speiteufel oder Raketen, nämlich Flüche, in den Himmel aufgefahren sind – die eine, dass sie dem Laufmädchen in der stube jeden Auftrag wie ein Memoriale in zwei Exemplaren überreichte und nachher mit ihr hinausging und ihr dieselbe Sache noch drei- oder viermal anbefahl – – die andere, dass sie, Siebenkäs mochte schreien wie er wollte, allezeit das erstemal fragte: "wie?" oder "was sagst du?" Ich rate und preise selber den Weibern, sobald sie über die Antwort verlegen sind, diese Foderung eines – Sekundawechsels an; aber in andern Fällen, wo man von ihnen statt der Wahrheit nur Aufmerksamkeit verlangt, ist dieses ancora und bis, das sie dem eilfertigen Sprecher zurufen, ebenso beschwerlich als entbehrlich. – Solche Dinge