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die uneigennützige Liebe. Hätten wir nicht nur vom Werte jenes Galeerensklavens, den ein göttlicher Mönch loskettete, um sich selber in seine Banden zu begeben, sondern auch von seinem Wohlbehagen nach der Rettung einen so hellen Begriff, wie er selber von beiden hatte: so müssten wir den Mönch, ohne die Schuldner seines schönen Herzens zu sein wie der Sklave, doch fast ebenso lieben wie der Sklave. Ja eine feinere Seele stellet die Liebe, die ihr Liebhaber für sie hat, so weit von ihrem Selbste weg, dass sie ihn so zart und verdienstlich lieben kann, als wär' er der Liebhaber eines fremden Ichs.

II. Es kann keine Selbstliebe geben so wie keinen Selbstass. Ich müsste zweimal da sein, damit das liebende Ich nicht ins geliebte zerflösse. Da Liebe nur gegen Liebe entbrennt: so müsste die Selbstliebe sich lieben, eh' sie sich liebte, und die wirkung brächte die Ursache hervor, welches so viel wäre, als sähe das Auge sein Sehen. – Freilich steht in unserem kopf ein Zwillingsbruder unsers Ichs, d.h. ein Bild von diesem Ich; und diesen Schieferabdruck unsers Ichs lieben wir freilich; aber das ist so wenig Selbstliebe, als es eine wäre, wenn wir eine fremde, uns bis auf alle Punkte und Striche nachgestochene person lieb hätten. – Nur Eigenschaften werden geliebt, allein Substanzen lieben. Aber unsere sogenannte Selbstliebe wächset ja nicht mit unsern Vorzügen – höchstens mit unsern Fehlern –; und sie ist ebenso warm, wenn wir uns selber verachten – denn sonst würden wir uns im Sünden-Sumpfe lassen –, als wenn wir einen teil unserer eignen natur verehren müssen.

Es ist noch mehr meiner Meinung gemäss, den obigen Satz umgekehrt auszudrücken und zu sagen: nur Substanzen werden geliebt. Die nackte federlose luftige Eigenschaft ist an und für sich kein wärmerer Gegenstand meiner Liebe als das ihr zusagende Wort im Vokabelnsaal oder Kompendium. – Jede Eigenschaft muss an einem Ich – das wieder für uns, obwohl unbegreiflich, etwas Bessers ist als eine andere Eigenschaft – glänzen, um geliebt zu werden. Dieses lebendige Ich, diese Bedingung aller geistigen Eigenschaften, lieben wir allein in diesen. Nach dieser Definition ist Selbstliebe noch unmöglicher, d.h. Liebe vom Ich gegen das Ich. Unsere Selbstverachtung kann sich nicht auf unser ganzes Wesen richten, weil der teil, worin sie ist, doch keine verdienen kann; und so würde die Selbstliebe nur immer bloss Eigenschaften, nie das Wesen selber, weil sie ja von diesem selber etwas einnimmt, umfassen können. Ich besorge, dieses scheinet spitzfündiger, als es ist. Aber in den trüben Abgrund der Selbstliebe müssen mehrere Kantische Sonnen fallen, um ihn licht zu machen.

Die Liebe, womit uns der gute andere umfängt, ist so etwas Mystisches, dass wir uns gar nicht in seine Seele denken mögen, weil wir seinen guten Begriff von unserem Ich nicht teilen können – wir begreifen (trotz dem Bewusstsein unsers Wertes) nicht, wie man uns lieben könne; aber wir finden uns darein, wenn wir bedenken, dass der andere seinerseits ebensowenig unsere Liebe gegen ihn müsse fassen können. – –

Man erlaube mir, noch eine clausula salutaris oder ein zierliches Kodizill zu machen; um so mehr, da niemand schuld ist als Platner. Dieser behauptet, die Empfindung sei eigennützig, weil sie als diese nur unsern eignen Zustand darstelle; und nichts sei uneigennützig als unsere Vernunft. Aber erstlich muss der Begriff von Uneigennützigkeit, wenn er kein ausgehöhltes Vexier-Wort sein soll, ja bloss der Abdruck irgendeines uneigennützigen Zustandes in uns sein. Zweitens setzet das Gefühl des Eigennutzes das seines Gegenteils voraus. Wie der Blinde nicht nur kein Licht, sondern auch kein Dunkel kennt: so wüssten wir ohne Uneigennutz nichts vom Eigennutz, ohne Freiheit nichts von Sklaverei, so wie vielleicht eine Menge Dinge aus Mangel ihres Wechsels mit dem Gegenteil für uns auf dieser Welt im Dunkeln bleiben. Drittens frag' ich: wenn z.B. das Mitleid bloss darum eigennützig heissen soll, weil ein fremder Zustand voll Schmerzen zu unserem eigenen artet: welche höhere Uneigennützigkeit denn nur denkbar sei? Ich kenne nur die eine denkbare, dass man das fremde Ich noch heisser wie seines versorge, dass man seines vergesse, verschmähe, verstosse. – Aber dann wäre ja im eigentlichen Sinne das fremde Selbst in meines verkehrt – der Trieb wäre nur verpflanzet, nicht veredelt – und ich hätte bloss die Ichs getauscht. Denn eben darin beruhet der Nicht-Eigennutz, dass meine natur trotz ihrer Selbstständigkeit in den Zustand einer fremden eingeht und dass ein Ich mehreren Ichs nachfühlt. Wie gesagt, wär's möglich, ein fremde Glückseligkeit durchaus ohne Wunsch einer eigenen zu begehren und ein fremdes Ich mit etwas anderem zu lieben als mit dem eignen – eine Unmöglichkeit selber bei Gott –: so wäre nichts erbeutet, denn ich besässe ja nur den fremden Trieb, und mein Eigennutz wäre bloss in ein fremdes Ich gezogen aus meinem....

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Da ich diesen Aufsatz zweimal umgeschrieben: so hab' ich zweimal jenes stärkende Vergnügen gekostet, das uns erfrischet, wenn der Kopf die Wünsche des Herzens vidimieret und assekurieret. Indessen war ich doch nie so unglücklich, dass ich jemals – selber in den frühern Jahren, wo die junge Seele die Seelenwanderung durch die Philosophen wie durch Tiere anstellt und bald in jenen Kopf, bald in diesen fährt – in den Körper des Helvetius gefahren wäre und mit ihm