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: jetzt geschieht es!

Die Träume sind vielleicht unsre höchste Philosophie, die Schlüsse der Schwärmer sind für uns deswegen vielleicht unverständlich und lückenvoll, weil wir es nicht begreifen, wie in ihnen Vernunft und Gefühl vereinigt ist. So kommt mir das jetzt ehrwürdig vor, was ich noch vor einem halben Jahre belachte, und ich möchte jetzt manchmal über das lächeln, was mir damals so wichtig erschien. – Es ist nichts in uns Festes, lieber William, mit unsrer veränderten Nahrung werden wir andere Menschen; je nachdem unser Blut schnell oder langsam fliesst, sind wir ernstaft oder lustig; sollten alle diese Erscheinungen von gar keinem gesetz in oder ausser uns abhängen, wie wenig Wert hätten dann die jedesmaligen Resultate! – Doch oft scheint das äusserlich Zufall, was eine lange berechnete innerliche notwendigkeit war; und so gleicht der Mensch vielleicht den Trauerspielen Ihres Shakespeare, wo, wie Sie mir selber gesagt haben, der Schluss so oft von einem plötzlich eintretenden Vorfalle abzuhängen scheint, da er doch schon in den ersten Versen des Stücks, in allen Kombinationen gegründet liegt, und daher notwendig war.

Wir übersehn immer nur die Stelle unsers Lebens, auf der wir stehen, und alle unsre Gedanken, Empfindungen und Handlungen sind nur auf dieser Stelle einheimisch, jeder steht anders, alle Gesinnungen brechen sich in verschiedenen Richtungen, und laufen nur für den geradeaus, in dem sie sind; daher wollen wir, wenn wir nichts anders sein können, nachsichtig sein, und nicht den Nachbar beurteilen und tadeln, der uns von unserm Standpunkte vielleicht in einer seltsamen Verkürzung erscheint. –

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William Lovell an Rosa

Rom.

Es müsste nichts Schöners sein, als sich selbst recht genau kennenzulernen, und, lieber Freund, wenn man sich recht fleissig beobachtet, warum sollte es der Mensch nicht auch hierin zu einer gewissen mechanischen Fertigkeit bringen können, wie in so manchen andern Sachen, die uns doch so durchaus geistig vorkommen? so dass wir am Ende eine Festigkeit des Blickes erhalten, der die ungewissen, flatternden Gestalten fest und stehend werden lässt? Mir sind wenigstens seit einiger Zeit tausend Sachen aus den fernsten Jahren, aus den verworrensten Gemütsstimmungen eingefallen, an die ich bisher entweder gar nicht dachte, oder sie mir doch nicht so deutlich auseinandersetzen konnte. Man steigt vielleicht immer höher, alles erscheint dann immer mehr als Zufälligkeit, was wir jetzt als unser Wesen betrachten, bis wir uns unserm eigentlichen Selbst immer mehr nähern, je mehr wir unser jetziges Selbst aus den Augen verlieren. – Wenn ich manchmal in der Abenddämmerung sitze und sinne, da ist es manchmal, als schwingt sich mir rascht und erschreckt und dabei doch so still und selig befriedigt: ich greife dann mit dem Gedächtnis, wie mit einer Hand darnach, um es mir selber aufzubewahren. Aber sonderbar, Rosa, es ist in mir, und verschwindet mir dann doch gänzlich wieder, so dass ich seiner nicht habhaft werden kann. Alle meine Gedanken stehen mir zu Gebot, alle meine Erinnerungen und Anschauungen, aber dies ist ein Gefühl, das feiner und geistiger ist, als alles übrige; aber was ist es, und woher kommt es und wohin geht es wenn es nicht mehr in mir bleibt? – Sollten diese Zustände vielleicht ebenso in uns sein, wie das Sonnenlicht in einer gläsernen Flasche, das kommt und geht, so wie die Wolken ziehen?

Wie mag es überhaupt wohl um unsre Willkür stehen? Wer weiss, was es ist, was uns regelt und regiert, welcher Geist, der ausser uns wohnt, und nur allmächtig und unwiderstehlich in uns hineingreift. Aus meinen Kinderjahren fallen mir manche Tage ein, wo ich unaufhörlich etwas Greuliches und Entsetzliches denken musste, wo ich statt meinem stillen Gebete Gott mit den grässlichsten Flüchen lästerte und darüber weinte, und es doch nicht unterlassen konnte, wo es mich unwiderstehlich drängte, meine Gespielen zu ermorden, und ich mich oft schlafen legte, bloss um es nicht zu tun – nun Rosa, damals war ich gewiss unschuldig und unverdorben, und doch war diese Entsetzlichkeit in mir einheimisch – was war es denn nun, das mich trieb, und mit grässlicher Hand in meinem Herzen wühlte? – Mein Wille und meine Empfindung sträubten sich dagegen, und doch gewährte mir dieser Zustand wieder innige Wollust. –

O wir sollten überhaupt zu unsern Kinderjahren in die Schule gehen, und das lernen, was wir so gern verlernen, und es dann mit nichtiger Eitelkeit die Ausbildung unserer Seele nennen. Es ist, als wenn noch ein flüchtiger Schein einer früheren Existenz in die zarten Kinderjahre hineinspiegelte, wie der Widerschein eines Glanzes, bedeutend und doch rätselhaft; wie Töne klingt es herüber, durch die der Wind fährt, die einzeln schallen, und in denen man doch Zusammenhang wahrnimmt.

Als Kind träumt ich einst, die ganze Welt ginge unter, und aus allen den ungeheuren massen schmolzen einzelne Töne heraus, die sich nun durch den leeren Raum spielend bewegten und umeinandergaukelten, und sich verschlangen, und bunt durcheinanderwühlten. Bald versank der helle Ton in den tiefern, und dann erklang ein wunderbares Gemisch; bald spaltete sich ein dumpfer tiefer Klang, wie ein Farbenstrahl in viele helle Streifen, die wie Sonnenblitze hochklingend ausfuhren, und wieder in den mütterlichen Ton zurückfielen. Ich hörte das wunderbarste Konzert, das mich in der ungeheuren Leere mit Schwindel erfüllte, so dass ich bald nichts mehr hörte, und in einen tiefen bewusstlosen Schlaf versank.

Ich weiss, dass dies für die meisten Menschen Unsinn