, sondern befriedigt sich in sich selbst, und der Mensch, der auf diesen Punkt gekommen ist, kehrt zu irgendeinem Glauben zurück, denn Glaube und Gefühl ist eins: so wird selbst der wildeste Freigeist am Ende religiös, ja er kann selbst das werden, was die Menschen gewöhnlich einen Schwärmer nennen, und wobei sich die meisten, die das Wort aussprechen, nichts denken. Irgendein Glaube drängt sich der Seele auf, bei allen Menschen ein und ebenderselbe, nur erscheint er verschieden, weil ihn die grobe, unbeholfene Sprache entstellt. – Und wenn es kein Gefühl in uns geben kann, das uns nicht auf Wirklichkeit hinweist, das nicht mit dem wirklichen Dinge gleichsam korrespondiert, so lässt sich aus dem Hange zum Wunderbaren gewiss weit mehr folgern, als man bisher getan hat. Das Bewusstsein unsrer Seele und der tiefe innige Wunsch nach Unsterblichkeit, das Gefühl, das uns in ferne unbekannte Regionen hinüberdrängt, so dass wir uns eine Nichtexistenz gar nicht denken können, diese Gefühle sprechen am lautesten und innigsten für das Dasein der Seele, so wie für ihre Fortdauer. – Aber wenn ich nun diesen überzeugendsten von allen Beweisen auch auf die Existenz der Gespenster, auf das Dasein von ungeheuren Wundern und Schrecklichkeiten anwenden wollte? Und lasse ich ihn hier fallen, so fällt er dort von selbst. – Und was nennen wir denn Wunder? Die Menschen bezeichnen damit bloss das Ungewöhnliche, nicht das an sich Wunderbare, denn in manchen Stunden könnt ich mich vor einem Baume, einem Tiere, ja vor mir selbst innerlich entsetzen. – Wer sind die fremden Gestalten, die mich umgeben und so bekannt mit mir tun? Mein Auge hat sich von meiner Kindheit an sie gewöhnt, und mein Sinn sich vertraulich an ihre Formen geschmiegt; aber wenn ich diese Bekanntschaft aufhebe, und sie mir als neu und zum ersten Male gefunden vorstelle? – O und wer bin ich selbst? – Wer ist das Wesen, das aus mir heraus spricht? Wer das Unbegreifliche, das die Glieder meines Körpers regiert? Oft kommt mir mein Arm, wie der eines Fremden entgegen; ich erschrak neulich heftig, als ich über eine Sache denken wollte, und plötzlich meine kalte Hand an meiner heissen Stirn fühlte. – Ich erinnre mich aus meiner Kindheit, dass uns die weite natur mit ihren Bergen in der Ferne, mit dem hohen gewölbten blauen Himmel, mit den tausend belebten Gegenständen wie mit einem gewaltigen Entsetzen ergreifen kann; dann streift der Geist der natur unserm geist vorüber, und rührt ihn mit seltsamen Gefühlen an, die wankenden Bäume sprechen in verständlichen Tönen zu uns, und es ist als wollte sich das ganze Gemälde plötzlich zusammenrollen, und das Wesen unverkleidet hervortreten und sich zeigen, das unter der Masse liegt und sie belebt; wir wagen es nicht den grossen Moment abzuwarten, sondern entfliehn ohne hinter uns zu sehen, und halten uns an einer von den tausend Kindereien fest, die uns in den gewöhnlichen Stunden interessieren. – Oft ist mir jetzt, als wollte das Gewand der Gegenstände entfliehen wie von einem Sturmwinde ergriffen und ohnmächtig fällt mein Geist zu Boden, und die Gewöhnlichkeit kehrt an ihre Stelle zurück. In uns selber sind wir gefangen und mit Ketten zurückgehalten; der Tod zerreisst vielleicht die Fesseln, und die Seele des Menschen wird geboren. –
Aber sagen Sie mir, Rosa, warum mir sonst diese Gedanken fernblieben, ob sie gleich in mir lagen? Warum ich Balders Worte damals nicht verstand, ob sie ihm gleich im stillen mein Geist nachsprach, so wie er sie schon lange vor ihm so gesprochen hatte? Warum sind wir uns selbst oft so fremd, und das Nächste in uns so fern? Wir sehen oft in uns hinein, wie durch ein künstlich verkleinerndes Glas, das die Hand, die ich mir vorhalte, tausendmal kleiner macht, und wie auf hundert Fuss von mir entrückt. –
9
Rosa an William Lovell
Rom.
Ich kann Ihre Frage nicht so beantworten, lieber Freund, dass Sie mit meiner Antwort zufrieden sein werden. Die Gedanken und Empfindungen drehen sich im Menschen wie zwei Zirkel herum, die sich in einem Punkte berühren, an diesem wissen wir nicht zu unterscheiden, was idee und Gefühl ist, und wir halten uns dann für vollendet. Die Zirkel drehn sich weiter, und wir glauben uns dann wieder verständiger, weil wir beides zu sondern wissen. Der Mensch ist sich selbst so rätselhaft, dass er entweder gar nicht über sich nachdenken, oder aus diesem Nachdenken sein Hauptstudium machen muss: wer in der Mitte stehenbleibt, fühlt sich unbefriedigt und unglücklich. – Ich sinne oft dem Gange meiner Ideen nach, und verwickele mich nur um so tiefer in diese Labyrinte, je mehr ich nachsinne. So viel ist gewiss, dass wir gewöhnlich viel zu sehr den gegenwärtigen Moment vor Augen haben, und darüber unser ganzes voriges Leben ausser acht lassen; die gegenwärtige Empfindung verschlingt alle früheren, und die jetzige idee Ideen, sondern als kindische ungeschickt entworfene Skizzen erscheinen. Daher leugnen wir uns so oft unsre innerste Überzeugung ab; und so wie der Mörder den noch halbbelebten Leichnam ängstlich mit Erde bedeckt, so verscharren wir mutwillig Empfindungen, die sich in uns zum Bewusstsein emporarbeiten wollen. – Oh, wenn wir doch Teleskope erfinden könnten, um in das tiefe Firmament unsrer Seele zu schauen, die Milchstrasse der Ahndungen zu beobachten, die nie unserm eigentlichen geist näherrücken, sondern wie Nebelflor die Sonne in uns verdunkeln, ohne dass man sagen kann