Schranke durchbrochen, die meinen Geist jetzt noch von allem trennt, was ihm unbegreiflich ist. –
21
William Lovell an Rosa
Rom.
Balder hat mir geschrieben und ein merkwürdiges Beispiel gegeben, wie weit ein Mensch sich verirren könne, wenn er einer kranken Phantasie die Zügel seiner selbst überlässt. Von Phantomen seiner Einbildungskraft erschreckt, von einer Krankheit gelähmt, ist er jetzt im Begriffe, an seiner eigenen Existenz zu zweifeln; der sonderbarste und widersinnigste Widerspruch, den sich ein moralisches Wesen nur erlauben darf.
Aber ich kenne den gang, den die Phantasie bei Balder genommen hat; auch ich war einst dieser unglückseligen Stimmung nahe. Wenn es noch irgend möglich ist, Rosa, so suchen Sie ihn zu heilen, söhnen Sie ihn mit dem Leben wieder aus und schieben Sie ihm statt des ernsten Shakespeare den jugendlichen mutwilligen Boccaz unter; die Farben sind von dem Gemälde abgesprungen, darum sieht es so finster und widrig aus; machen Sie die probe, neue aufzutragen, und es wird so hell und frisch werden, wie ehedem. – Wenn er erwacht ist, wird er die Zeit bedau
Freilich kann ich mich nicht verbürgen, ob die äussern Dinge wirklich so sind, wie sie meinen Augen erscheinen: – aber genug, dass ich selbst bin; mag alles umher dasein, auf welche Art es will, tausend Schätze sind über die natur ausgestreut uns zu vergnügen, wir können nicht die wahre Gestalt der Dinge erkennen, oder könnten wir es, so ginge vielleicht das Vergnügen der Sinne darüber verloren – ich gebe also diese Wahrheit auf, denn die Täuschung ist mir erfreulicher. – Was ich selbst für ein Wesen sei, kann und will ich nicht untersuchen, meine Existenz ist die einzige Überzeugung, die mir notwendig ist, und diese kann mir durch nichts genommen werden. – An dies Leben hänge ich alle meine Freuden und Hoffnungen – jenseits – mag es sein, wie es will, ich mag für keinen Traum gewisse Güter verloren geben.
Ihr zärtlicher Freund.
22
Rosa an William Lovell
Neapel.
Wie sehr haben Sie in Ihrem Briefe aus meinem Herzen gesprochen! – Ach Freund, wie wenig Menschen verstehen es zu leben, sie ziehen an ihrem Dasein wie an einer Kette, und zählen mühsam und gähnend die Ringe bis zum letzten. – Wir, William, wollen an Blumen ziehen und auch noch bei der letzten lächeln und uns von ihrem Dufte erquicken lassen.
Mögen die Dinge ausser mir sein, wie sie wollen; ein buntes Gewühl wird mir vorübergezogen, ich greife mit dreister Hand hinein und behalte mir, was mir gefällt, ehe der glückliche Augenblick vorüber ist. –
Ja, Lovell, lassen Sie uns das Leben so geniessen, wie man die letzten schönen Tage des Herbstes geniesst; keiner kommt zurück, man darf keinem folgenden vertrauen. Ist der nicht ein Tor, der in seinem dunkeln Zimmer sitzen bleibt und Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit berechnet? Der Sonnenschein spielt mutwillig vor seinem Fenster, die Lerche singt durch den blauen Himmel – aber er hört nur seine Philosophie, er sieht nur die kahlen Wände seiner engen Be
Wer ist die Gestalt, die in dem frohen Taumel uns in die Zügel des fliehenden Rosses fällt? – die Wahrheit – die Tugend; – ein Schatten, ein Nebelphantom, dessen Schimmer mit der Sonne untergehn. – Aus dem Wege mit dem jämmerlichen Bilde! Es gehört keine Kraft, nur ein gesunder blick gehört dazu, um dieses Märchen zu verachten.
Ja, Lovell, ich folge diesem Gedanken weiter nach. Wohin wird er mich führen? – Zur grössten, schönsten Freiheit, zur uneingeschränkten Willkür eines Gottes.
Alle unsre Gedanken und Vorstellungen haben einen gemeinschaftlichen Quell – die Erfahrung. In den Wahrnehmungen der Sinnenwelt liegen zugleich die Regeln meines Verstandes und die gesetz des moralischen Menschen, die er sich durch die Vernunft gibt. – Alles aber, was die Sprache des Menschen Ordnung und Harmonie, den Widerschein des ewigen Geistes nennt, alles was sie von der leblosen natur auf den geistigen Menschen überträgt; – was sind diese Worte mehr als Worte? – Unser Verstand findet allentalben in der natur die Spuren des göttlichen Fingers, allentalben Ordnung, und die Elemente freundlich nebeneinander – er versuche es doch einmal, die Unordnung und das Chaos zu denken, oder in der Zerstörung nur den Ruin zu finden! – Es ist ihm unmöglich. Unser Geist ist an diese Bedingung geknüpft; in unserm Gehirne regiert der Gedanke der Ordnung, und wir finden sie auch ausser uns allentalben: ein Licht, das durch die Laterne den Kerzenschimmer in die finstere Nacht hineinwirft.
Es ist Mitternacht und vom Turme her schlägt es
zwölfe. Wenn ich mir diese Uhr beseelt und verständig vorstelle, so müsste sie notwendig in der Zeit, die sie nach willkürlichen Abteilungen misst, diese Abteilungen wiederfinden, und nicht ahnden, dass es ein grosser, göttlicher, ungemessener Strom ist, der vorübersaust, kühn und herrlich und auch nicht eine Spur der kläglichen Einteilung trägt.
Willkommen denn wüstes, wildes, erfreuliches
Chaos! – Du machst mich gross und frei, wenn ich in der geordneten Welt nur als ein Sklave einherschreite.
Sie sehen, Lovell, ich fange an, mit Ihnen zu phanta
sieren: ich hoffe aber nicht, dass meine Phantasieen so wild und ungeordnet sind, dass sie der Freund nicht verstehen sollte. – O wenn mich nur Balder verstände oder verstehen wollte!
23
William Lovell an Rosa
Rom.
Nein, Rosa, Ihre Ideen sind dem