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Repetierwerken (welche unähnliche Zusammenstellungen!) füllen –, wie Goete vom spielenden Tonkünstler begehrt, dass er für die Ohren arbeite, aber zur Schonung der Augen sich selber verberge. Ebenso schön handeln sie, wenn sie ihre Kinder der 30sten Ehe am Ende (oft nach der 5- oder 20jährigen Verjährung) doch an Kindes Statt annehmen und der Welt zeigen und so den Zeisigen nachahmen, die, wie man sagt, ihrem Neste und dessen Insassen durch den sogenannten Zeisigstein so lange Unsichtbarkeit erteilen, bis sie flügge sind.

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Ostrazismus. Er war bekanntlich bei den Griechen keine Strafe: nur Leute von grossen Verdiensten errangen ihn, und sobald man diese Landesverweisung an schlechte Menschen verschwendete, ging sie völlig ein. Beklagen muss es ein Reichsbürger, dass wir, da wir eine ähnliche öffentliche Erziehanstalt, nämlich die Landesverweisung, haben, diese oft an die allerelendesten Schelme verschleudern und daher – in der Absicht, einen Kreis oder ein Land zum Spucknapf und zum Absondergefäss des andern zu machen – Halunken aus dem land jagen, die kaum wert sind, dass sie darin bleiben. Dadurch wird der Gebieträumung das Ehrenhafte und Auszeichnende, was sie für den Mann von Verdiensten haben könnte, meist benommen, und ein ehrlicher Mann – z.B. Bahrdt – schämt sich beinahe, dass man ihn mit einer solchen Ehre nur belegt. Es sollte daher reichspolizeimässig werden, dass nur Minister, Professoren und Offiziere von entschiedenem Werte, gleich wichtigen Akten, verschickt und verwiesen würden. Auf ähnliche Männer würde' ich auch das Henken einschränken: bei den Römern wurden wahrhaftig nur grosse Köpfe und Lichter auf Kosten eines ganzen staates an den Weg beerdigt; was soll ich aber von den Deutschen denken, bei denen selten nützliche Staatsbürger – sondern meistens ausgemachte Spitzbuben – auf öffentliche Kosten, die man die Henkergelder nennt, begraben werden und vorher am Wege ausgehangen unter dem Galgen? – Nicht einmal bei Lebzeiten kann ein Mann, wenn er nicht ausserordentliche und oft exzentrische Verdienste hat – wiewohl exzentrische Menschen in die Wahrheit, wie die Kometen in die Sonne, als Nährstoff zurückfallen –, sich darauf allemal Rechnung machen, dass er auf eine Art, wie die Alten ihre edlen in Statuen und Bildern verdoppelten, in effigie zwischen dicken steinernen Rahmen werde aufgehangen werden.... Man antworte mir, ich lasse mit mir reden.

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Philosophie. Einige kritische Philosophen haben jetzt aus der Algebra eine matematische Metode entlehnt, ohne die man keine Minute philosophisch – nicht sowohl denken als – schreiben kann. Der Algebraist erhaschet durch das Versetzen blosser Buchstaben Wahrheiten, die keine Schlusskette ausgraben konnte. Das tut der kritische Philosoph nach, aber mit grösserem Vorteil. Da er nicht Buchstaben, sondern ganze Kunstwörter geschickt untereinandermengt, so schäumen aus der Alliteration derselben Wahrheiten hervor, die er sich kaum hätte träumen lassen. Solchen Philosophen wird mit Recht wie den gotaischen Predigern (Got. Landesordnung P. III. p.16.) verboten, Allegorien zu brauchen oder irgendeine Redeblume, die ihnen, wie den Leitunden andere Blumen, die Fährte verderben. – eigentlich aber ist der Bilderstil bestimmter als der Kunstwörterstil, der zuletzt, da alle abstrakte Worte Bilder sind, ja auch ein Bilderstil ist, aber einer voll zerflossener entfärbter Bilder. Jakobi ist nicht dunkel durch seine Bilder, sondern durch die neuen Anschauungen, die er durch jene mit uns teilen will.

Ich habe neulich in den Geburttabellen der gelehrten und lehrenden Republik nachgesehen und die jungen Käntchen aufgezählt, die der alte Kant, sonst unverheiratet wie sein Vetter Newton, seit zehn Messen gezeugt hat. Demetrius Magnus, der ein Buch von den gleichnamigen Autoren machen wollte, müsste sehr dumm gewesen sein, wenn er zu unsern zeiten hätte schreiben und doch zugleich, indem er gleichwohl beigebracht, dass es 16 Plato, 20 Sokrates, 28 Pytagoras, 32 Aristoteles gegeben, es ganz sündlich hätte auslassen wollen, dass es jetzt so viele Philosophen und Philosophisten, als jene zusammengerechnet machen, gebe, nämlich 96, die den Namen Kant führen könnten, wollten sie sonst. Solche Handwerker – so kann ich die Magister nennen, weil man umgekehrt sonst die Handwerker Magister hiess und den Obermeister Erzmagister – sollte man als die beste Propaganda in Rechnung bringen, welche dicke Bücher haben können: sie sind am besten imstande, das System auszubreiten, weil sie das Unfassliche, das Geistige davon abzuschneiden, und das Volkmässige und Körperliche, d.h. die Wörter, für Leser, die sonst einfältig, aber doch nicht ohne kritische Philosophie sterben wollen, auszuziehen wissen. Das elendeste teologische und ästetische Gestein erhält jetzt eine kantische Fassung aus Wörtern. Obgleich durch jedes neue grosse System eine gewisse Einseitigkeit des Blicks in alle Köpfe kommt – zumal da jeder kalte Philosoph gerade desto einseitiger ist, je einsichtiger er ist –, so verschlägts doch nichts; denn grosse Wahrheit-Barren gehen nur durch das gemeinschaftliche Wühlen des ganzen Denker-Gewerks hervor51. Wer Kant auf seinem Berge unter seinen gelehrten Mitarbeitern hat stehen sehen, erinnert sich mit Vergnügen einer ähnlichen geschichte in Peru, die Buffon mitteilt: als daselbst Condamine und Bouguer die Äquatorgrade der Erde (wie Kant die der intellektuellen Welt) ausmassen, fanden sich ganze Affen- Rudel als Mitarbeiter dazu ein, setzten Brillen auf, blickten nach den Sternen und herunter nach den Uhren und brachten eines und das andre zu Papier, wiewohl ohne Ehrensold, welches ihr einziger Unterschied von den Vikariat-Kanten ist.

Jeder Mann von Genie ist ein Philosoph