bedauern.'"
"Lesen Sie nichts!" sagte Wilhelm "ich bitte Sie inständig, sprechen Sie fort, erzählen Sie mir, klären Sie mich auf! Und so hat also der Abbé mir zum Hamlet geholfen, indem er einen Geist herbeischaffte?" – "Ja, denn er versicherte, dass es der einzige Weg sei Sie zu heilen, wenn Sie heilbar wären." – "Und darum liess er mir den Schleier zurück und hiess mich fliehen?" – "Ja, er hoffte sogar, mit der Vorstellung des Hamlets sollte Ihre ganze Lust gebüsst sein. Sie würden nachher das Teater nicht wieder betreten, behauptete er; ich glaubte das Gegenteil und behielt recht. Wir stritten noch selbigen Abend nach der Vorstellung darüber." – "Und Sie haben mich also spielen sehen?" – "O gewiss!" – "Und wer stellte denn den Geist vor?" – "Das kann ich selbst nicht sagen, entweder der Abbé oder sein Zwillingsbruder, doch glaube' ich dieser, denn er ist um ein weniges grösser." – "Sie haben also auch Geheimnisse untereinander?" – "Freunde können und müssen Geheimnisse voreinander haben; sie sind einander doch kein Geheimnis."
"Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. Klären Sie mich über den Mann auf, dem ich so viel schuldig bin, und dem ich so viel Vorwürfe zu machen habe."
"Was ihn uns so schätzbar macht", versetzte Jarno, "was ihm gewissermassen die herrschaft über uns alle erhält, ist der freie scharfe blick, den ihm die natur über alle Kräfte, die im Menschen nur wohnen, und wovon sich jede in ihrer Art ausbilden lässt, gegeben hat. Die meisten Menschen, selbst die vorzüglichen, sind nur beschränkt; jeder schätzt gewisse Eigenschaften an sich und andern; nur die begünstigt er, nur die will er ausgebildet wissen. Ganz entgegengesetzt wirkt der Abbé, er hat Sinn für alles, Lust an allem, es zu erkennen und zu befördern. Da muss ich doch wieder in die Rolle sehen!" fuhr Jarno fort: "'Nur alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die Welt. Diese sind unter sich oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstören suchen, hält sie die natur zusammen und bringt sie wieder hervor. Von dem geringsten tierischen Handwerkstriebe bis zur höchsten Ausübung der geistigsten Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes bis zur trefflichsten Äusserung des Redners und Sängers, vom ersten Balgen der Knaben bis zu den ungeheuren Anstalten, wodurch Länder erhalten und erobert werden, vom leichtesten Wohlwollen und der flüchtigsten Liebe bis zur heftigsten leidenschaft und zum ernstesten Bunde, von dem reinsten Gefühl der sinnlichen Gegenwart bis zu den leisesten Ahnungen und Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft, alles das und weit mehr liegt im Menschen und muss ausgebildet werden; aber nicht in einem, sondern in vielen. Jede Anlage ist wichtig, und sie muss entwickelt werden. Wenn einer nur das Schöne, der andere nur das Nützliche befördert, so machen beide zusammen erst einen Menschen aus. Das Nützliche befördert sich selbst, denn die Menge bringt es hervor, und alle können's nicht entbehren; das Schöne muss befördert werden, denn wenige stellen's dar und viele bedürfen's.'"
"Halten Sie inne!" rief Wilhelm, "ich habe das alles gelesen." – "Nur noch einige Zeilen!" versetzte Jarno. "Hier find' ich den Abbé ganz wieder: 'Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere bilden; in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden; das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen.'" – "Und ich verstehe es auch nicht", versetzte Wilhelm. – "Sie werden über diesen Text den Abbé noch oft genug hören, und so lassen Sie uns nur immer recht deutlich sehen und festalten, was an uns ist, und was wir an uns ausbilden können; lassen Sie uns gegen die andern gerecht sein, denn wir sind nur insofern zu achten, als wir zu schätzen wissen." – "Um Gottes willen! keine Sentenzen weiter! Ich fühle, sie sind ein schlechtes Heilmittel für ein verwundetes Herz. Sagen Sie mir lieber mit Ihrer grausamen Bestimmteit, was Sie von mir erwarten, und wie und auf welche Weise Sie mich aufopfern wollen." "Jeden Verdacht, ich versichere Sie, werden Sie uns künftig abbitten. Es ist Ihre Sache, zu prüfen und zu wählen, und die unsere, Ihnen beizustehn. Der Mensch ist nicht eher glücklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst seine Begrenzung bestimmt. Nicht an mich halten Sie sich, sondern an den Abbé; nicht an sich denken Sie, sondern an das, was Sie umgibt. Lernen Sie zum Beispiel Lotarios Trefflichkeit einsehen, wie sein Überblick und seine Tätigkeit unzertrennlich miteinander verbunden sind, wie er immer im Fortschreiten ist, wie er sich ausbreitet und jeden mit fortreisst. Er führt, wo er auch sei, eine Welt mit sich, seine Gegenwart belebt und feuert an. Sehen Sie unsern guten Medikus dagegen: es scheint gerade die entgegengesetzte natur zu sein. Wenn jener nur ins Ganze und auch in die Ferne wirkt, so richtet dieser seinen hellen blick nur auf die nächsten Dinge, er verschafft mehr die Mittel zur Tätigkeit, als dass er