wissen können, ob sich nicht vielleicht in der Folge dieser geschichte die Klugheit unsers dicken Männchens, noch ehe er ein dicker Mann ward, in viel vorzüglicherm Glanze zeigen möchte.
Was Philipp betraf, so fand sich, dass er aus dem benachbarten dorf Vylen kam, wohin sich sein Vater, ein verarmter Kaufmann aus Mastricht, begeben hatte, um dort auf besser Glück zu warten. Er hatte eben den grössten teil seines Vermögens verwendet, um seinen ältesten Sohn, der als Schiffschirurgus zur See ging, einigermassen zu equipieren. Er selbst war eine Art von Schreiber bei einem in Vylen wohnenden Herrn; und seine Frau spann für eine Manufaktur in Vaals, wozu auch Philipp schon war angehalten worden. Eine epidemische rote Ruhr grassierte im dorf und hatte beide Eltern in kurzem weggerafft; Philipp, den niemand weiter hegen wollte, hatte sich halb genesen nach Vaals geschleppt, um zu erfahren, ob er dort Arbeit bekommen könnte, sein Leben zu fristen.
Dieser von allen verlassene Waise fand an Meister Anton einen neuen Vater. Da er schon lesen und etwas schreiben konnte, so ward er in die Schule geschickt. Daselbst lernte er, wie Anselm und alle andern Kinder, so viel es sein konnte, Lateinisch und besonders die Teologie aus Braunii Systema Teologiae didacticae. Neben diesen wichtigen Dingen vervollkommnete er sich auch noch im Schönschreiben und Rechnen. Diese Kleinigkeiten haben schon hin und wieder einem armen Knaben durch die Welt geholfen, ob sie gleich gegen die unermesslichen Schätze des Wissens, welche in der Dogmatik und lateinischen Phraseologie liegen, gar nicht in Vergleichung zu bringen sind.
Dabei ward Philipp ausser der Schulzeit zu allerhand kleinen Diensten im haus gebraucht, wobei er sich sehr anstellig zeigte. Auch ward er Anselminos Spielgesell, wozu er sich aus einer besonderen Ursache sehr gut schickte. Wir haben schon bemerkt, dass unser Held von Jugend auf ziemlich redselig war und sich nicht wenig klug dünkte; Philipp hingegen war von natur bescheiden und etwas tacitum. Hier zeigte er sich noch nachgiebiger und bescheidener; denn er fühlte, dass er ein armer Knabe sei, und er wusste schon, dass ein solcher ohne Schweigen und Nachgeben in der Welt nicht fortkommen könne, da selbst ein reicher Mann beides zu beobachten sehr nötig hat. Anselmino war aber auch ein guterziger Junge, obgleich etwas eigenliebig, doch nicht stolz, und Philipp war sein guter Geselle. Ob nun zu dieser Zuneigung nicht etwas beigetragen habe, dass er an Philipp einen Spielgesellen hatte, dem er seine klugen Einfälle vorsagen konnte, der ihn anhörte und ihm recht gab, mag der sittenforschende Leser in des alten Buddeus Moralteologie im Kapitel von der Falschheit der menschlichen Tugenden oder in den Werken anderer Gottesgelehrten nachschlagen, welche den Menschen, die edelste Kreatur Gottes, im Reiche der natur fleissigst erniedrigen, um ihn im Reiche der Gnaden desto mehr zu erhöhen.
Vierter Abschnitt
Schulweisheit, Examen, Gespräch übers Latein
Anselmino war nach und nach beinahe vierzehn Jahre alt geworden und Sophiechen beinahe zehn Jahre. Sie gefielen sich wechselseitig täglich mehr und fingen an, ungeduldig zu werden, wenn sie nicht beständig beieinander sein konnten. Wie aber überhaupt die Ordnung der Dinge in der Welt gemeiniglich nicht so zu gehen pflegt, wie sie die Verliebten gerne haben möchten, so ereignete sich ein Umstand, an den sie gar nicht dachten und der doch Ursache war, sie auf eine ziemliche Zeit zu trennen.
Die lateinische Schule hatte nun an unserem Anselmino geformt, was durch sie zu formen war. Er hatte konstruiert, exponiert, analysiert, Phrases ausgezogen, lateinische Reden gehalten und lateinische Verse gemacht. Er hatte sogar etwas von den römischen Altertümern gelernt und wusste, wie die Konsuln und die Ädilen in Rom waren gewählt worden. Freilich wusste er nicht, wie die Generalstaaten gewählt werden, auch nicht, ob sie in Vaals etwas zu befehlen hätten. Denn, warum sollten in gelehrten schulen Kinder mit der Verfassung des Vaterlandes bekannt gemacht werden, da diese zu wissen keine Gelehrsamkeit ist? Dagegen hatte Anselmino einen guten Begriff von den Sätzen der Dordrechtschen Synode; sogar, dass er schon mit katolischen Seminaristen aus dem Konvente der Stiftsherren des heiligen Grabes zu Schlenaken, die in der Vakanzzeit nach Vaals kamen, über die Religion disputiert und, weil sie älter und stärker waren, von ihnen Ohrfeigen bekommen hatte. Er war nun der Erste in der Schule, und der alte Kandidat erklärte, dass er ihn weiter nichts lehren könne, er möchte denn etwa mit dem Knaben, ehe dieser nach der Universität ginge, des Ruarus Andala Logik durchnehmen, wovon er sich selbst noch etwas erinnerte. Er schlug daher vor, unser dickes Männchen von gelehrten Leuten examinieren zu lassen, damit die Eltern sehen sollten, wie geschickt der Knabe sei. Es wurden also einige holländische Domine aus der Nachbarschaft zusammengebeten, und, nachdem sie gut zu Mittage gegessen hatten, ward Anselmino examiniert. Er exponierte, analysierte und perorierte ohne Anstoss, beantwortete im besten Schullateine alle fragen aus Braunii Teologia didactica; und alle Examinatoren sagten einstimmig, nie habe noch ein Knabe von so zartem Alter so gelehrte Antworten gegeben; aber alle waren auch darin einstimmig, er sei noch allzu jung, um auf die Universität zu gehen.
Die kleine Sophie erschrak zwar vor dem vielen Lateine, weinte aber doch vor Freuden, dass ihr Anselm so gelobt wurde. Anselmino war bei der ganzen Sache ziemlich unbefangen und gleichgültig gewesen, weil man ihn lauter Dinge fragte, die er vermöge seines guten Gedächtnisses auswendig wusste.