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er viel weniger weiss, als er gelernt hat, und dass er noch nicht entscheiden muss, weil ihm noch sehr viel zu lernen übrig ist, was auf keiner Universität kann gelehret werden. Am öftersten macht die auf Universitäten so gangbare spekulative Philisophie die ehrenfesten Kandidaten bei ihrer Zurückkunft zu den unerträglichsten Gecken und oft noch zu etwas schlimmem. Es ist einerlei, ob ein solch gelehrter Geck die Philosophie Wolfisch durch Demonstration oder Kantisch durch Kritik getrieben hat. Alle Arten solcher Philosophie bringen bei jungen Leuten – und einige Philosophen bleiben sehr lange jung! – den Dünkel hervor, alles sicherer als andere zu wissen, machen sie peremptorisch, wenn sie glauben, Recht zu behalten, und grämisch, wenn ihnen widersprochen wird. Beide Eigenschaften geben den frühaufgeschossenen Philosophen im Laufe des gemeinen Lebens einen lächerlichen Anstrich bei denen, die solchen Dünkel von der komischen Seite ansehen, und erwecken Widerwillen bei denen, welche Alter, Reichtum, hohe Geburt und wichtige Ämter wohl für so gute Gründe halten, sich nicht widersprechen zu lassen, als einen kategorischen Imperativ, zumal wenn er in dem imperativen Lehrertone vorgebracht wird, der kaum auf dem Kateder schicklich, im Weltumgange aber ganz unerträglich ist.

Achter Abschnitt

Anselm studiert gründlich bis zu seiner Doktorpromotion

Unser guter runder Anselm, nachdem er drei Jahre auf Universitäten gewesen war, hatte alle Anlage, Geckereien mancherlei Art mit nach haus zu bringen. Nicht leicht hat eine Universität auf die Aufführung und Lebensart der Studenten auch nur eine Art von Aufsicht, so wenig auf ihr Studieren als auf die Anwendung ihrer Zeit. Beides ist gänzlich dem Gutdünken der jungen Leute überlassen. Nun kann der geneigte Leser leicht erachten, dass Anselm, der sich schon in seines Vaters haus herausgenommen hatte, nach eigner Willkür zu leben, hier nicht anders werde gelebt haben, und dass seine Klugheit, auf die er sich von seiner ersten Jugend an so viel zugute tat, ihn werde überredet haben, dass seine Willkür in der Anwendung seiner Zeit und in seinen Beschäftigungen jederzeit die klügste Wahl getroffen habe.

Er hatte von Jugend auf gern getan, was seinem Herzen gelüstete; und nun, da er ein gelehrter Mann werden wollte, kam ihm die Lust an, alles zu treiben, was auf Universitäten gelehrt wird: freilich am wenigsten die Arzneikunde, welche zu erlernen er eigentlich dahin geschickt war. Dass dies sein Zweck sein sollte und dass er überhaupt einen Zweck hatte, fiel ihm gar nicht bei, sondern ein Tag führte zufällig die Beschäftigung oder den Müssiggang des folgenden heran. Aber Gelehrsamkeit war ihm auch nur eine Nebensache. Er hatte mehr Geld in der tasche, als er je zusammen gehabt hatte, und gleich das erste Vierteljahr brachte ihm die Erfahrung, dass ein zärtlicher Bittbrief an seine Mutter dessen noch mehr herbeischaffte. Er ging also nun darauf aus, sein Leben recht zu geniessen und der ganzen Universität zu zeigen, was der runde Anselm für ein Kerlchen sei. Er war beflissen, sich hauptsächlich nur zu den vornehmen und reichen Studenten zu halten und es ihnen in allem gleich, ja wo möglich noch zuvorzutun. Er wurde die Seele aller ihrer Koterien, aller Lustpartien nach Weende und aller kostbaren Reisen nach Kassel, und wo ein schönes Mädchen wohnte, da ging er täglich wohl viermal vor dem Fenster vorbei.

Freilich musste dabei viel Zeit verloren gehen; doch kann man nicht sagen, dass unser dickes Männchen seine Studien ganz verabsäumt hätte; denn er hörte sogar medizinische Kollegien oder bezahlte sie doch wenigstens. Dabei trieb er vorzüglich die ritterlichen Übungen des Fechtens, Reitens und Tanzens, so wie es einem reichen Studenten gebührt. Ja er lernte noch dazu ziemlich vernehmlich auf der Geige kratzen, weil er gern einigen Edelleuten nacheifern wollte, welche zu dem wöchentlichen Konzerte eines in ganz Deutschland verehrten Mannes gebeten wurden. Aber am fleissigsten besuchte er die Kollegien über alle Teile der spekulativen Philosophie, besonders über die Ontologie, Kosmologie und über alles, was jenseits des menschlichen Verstandes liegt, worüber in den Kollegien der Professoren der Philosophie bekanntlich die sichersten Nachrichten zu erhalten sind. Hieraus machte er wirklich ein ernstaftes Studium und war nicht bloss mit den Sätzen seiner Lehrer zufrieden, sondern überliess sich sehr bald seinem eigenen Nachsinnen. Er fand einen Lehrer der Weltweisheit, welcher der damals schon in Abnahme geratenden Wolfischen Philosophie noch sehr ergeben war. Dieser machte ihn mit den Geheimnissen der demonstrativischmatematischen Metode bekannt, welche von ihm sogleich angewendet ward. Denn da Anselmuccio seinen Einsichten viel zutraute, so traute er sich auch zu, ergründen zu können, wie es mit Gott und dem Universum beschaffen sei; und wenn er es matematisch demonstriert hatte, so hielt er es für ergründet. fand er nun einen andern philosophischen Anfänger, der eben so tief dachte und eben so weit ins Blaue hinaussah wie er selbst: so flogen die Atqui und Ergo stundenlang, bis beide heiser waren, und dennoch verharrte gemeiniglich jeder auf seiner Meinung. War Anselmuccio aber in solchem philosophischen Paroxysmus allein, so vertiefte er sich oft tagelang in Spekulationen über Substanzen und Accidenzen, Welt, Kraft und was dahin gehört, so dass ihn nichts herausziehen konnte als der Anblick eines neuen schönen Gesichts. Dies ging freilich bei ihm noch über die Ontologie. Fanden sich ein paar heitere schwarze oder schmachtende blaue Augen, die ihn holdselig anblickten, oder ein schöner Mund, der ihn freundlich anlächelte, so war Anselmino gleich sterblich verliebt und Substanz, Kraft und Universum waren vergessen. Nun sah er wieder um sich her; nun sah er