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Adolph Freiherr von Knigge

Josephs von Wurmbrand,

kaiserlich abyssinischen Exministers,

jetzigen Notarii caesarii publici

in der Reichsstadt Bopfingen,

politisches Glaubensbekenntnis,

mit Hinsicht auf die französische Revolution

und deren Folgen

Vorrede

Als ich anfing, dies Buch zu schreiben, da hatte ich, wie man aus der folgenden Einleitung sehen wird, von der wienerischen Zeitschrift nur noch erst die Ankündigung gelesen, die der Herausgeber derselben in dem "Hamburgischen Korrespondenten" hatte einrücken lassen und worin er die Unverschämteit beging, des Kaisers Majestät als Mitarbeiter seines elenden Journals anzugeben. Kurz nachher erschien das erste Stück jener Zeitschrift, und da ich in demselben einige Männer, für welche ich achtung hege, auf bübische Weise gelästert fand, so erklärte ich mich darüber im dritten Abschnitte. Gleich darauf kam Hoffmanns zweites Heft an das Licht; darin stand nun eine schändliche Lüge von mir, und das verleitete mich, nicht nur in öffentlichen Blättern, sondern auch an einigen Stellen in diesem buch über Aloysius Hoffmann und sein Journal mehr Worte zu verlieren, als diese unwürdigen Gegenstände wert sind – der Leser wird das gütigst verzeihn.

Indessen bestärkte mich doch die Erfahrung, dass man jetzt solche Versuche gegen freimütige, wahrheitliebende Schriftsteller wagt, um sie verdächtig zu machen, in dem Vorsatze, nichts mehr über politische Gegenstände zu schreiben, ohne meinen Namen davorzusetzen; allein da die Form dieses Werks nicht mehr gestattete, dass ich dies auf dem Titelblatte tun konnte, beschloss ich, eine Vorrede mit meiner Unterschrift hinzuzufügen.

Meine Absicht dabei ist, das Publikum zu überzeugen, dass ich mir bewusst bin, meine Grundsätze sind von der Art, dass ich mich ihrer nicht zu schämen brauche und dass es noch Gegenden in Teutschland gibt, in welchen eine weise Regierung dem Schriftsteller die Freiheit gestattet, über Gegenstände, die der ganzen Menschheit wichtig sind, unbefangen, aber bescheiden seine Meinung zu sagen.

Ich bin – Dank sei der gütigen Vorsehung dafür! –, ich bin in einem land einheimisch, wo Wahrheit sich nicht zu verstecken braucht, wo der gütigste Monarch und die, denen er das Ruder des staates anvertrauet hat, keiner Zwangsmittel und überhaupt keiner künstlichen Anstalten bedürfen, um Aufruhr und Empörung zu hindern. Wenn ich also zuweilen ein wenig heftig gegen Beschränkung der natürlichen Freiheit eifre, so redet nicht leidenschaft aus mir. Dies kann noch weniger der Fall sein, wenn ich von den ungerechten Anmassungen der Edelleute und Priester rede. In diesen nördlichen Gegenden kennen wir den Despotismus aller Art, gottlob! nicht aus eigner traurigen Erfahrung; aber ich habe ehemals gelegenheit gehabt, seine Greuel in der Nähe zu sehen; und das hat Eindrücke in mir zurückgelassen, die meinen Schilderungen einen Anstrich von Bitterkeit geben, welche nicht in meinem Herzen ist.

übrigens hoffe ich, dass selbst die, welche mich zuweilen beschuldigen, ich sei zu parteiisch für eine demokratische Verfassung, wenn sie dies Buch einiger Aufmerksamkeit bis an das Ende würdigen wollen, finden werden, dass ich über diese Gegenstände nachgedacht habe, dass ich nicht zu den Enrages gehöre, dass ich vielmehr glaube, man könne ruhig und froh leben in jedem land, die Regierungsform möge auch sein, welche sie wolle, wenn nur eine weise Gesetzgebung alle Stände gegeneinander vor Misshandlung sichert, und dass ich behaupte, wir haben in Teutschland keine Revolution weder zu befürchten noch zu wünschen Ursache, wenn nur die verschiednen Regierungen, statt die Aufklärung zu hindern, mit ihr Hand in Hand fortrücken und die Mittel, Ordnung zu erhalten, mit der Stimmung des Zeitalters in ein richtiges Verhältnis setzen.

Bremen, im Februar 1792

Adolph Freiherr Knigge

Einleitung

Es ist nun ein Jahr verflossen, seit mein Herr Vetter, der Advokat Benjamin Noldmann in Goslar, ehemaliger Baalomaal oder Gentilhomme de la Chambre am kaiserlichen hof in Gondar, seine "geschichte der Aufklärung in Abyssinien" herausgab. Hätte er mich um Rat gefragt, so würde ich ihn davon abgemahnt haben, und ich erschrak nicht wenig, als mir das Buch zu gesicht kam. Nicht dass ich glaubte, ein Gentilhomme de la Chambre dürfe nicht auch einmal ein historisch-philosophisch-politisches Werk herausgeben (hat doch der Gentilhomme ordinaire de la Chambre, Herr von Voltaire, deren viele in die Welt geschickt), allein ich kannte meinen Herrn Vetter zu gut, als dass ich nicht hätte ahnden sollen, er werde schwerlich unterlassen können, mit zuviel Feuer seine republikanischen Ketzereien auszukramen und andre ein wenig kühne Sätze einzumischen, die ihm leicht missgedeutet und gefährliche Folgen für ihn haben könnten; denn da die beiden grössten Mächte des Erdbodens, Dummheit und Bosheit, in allen Winkeln der Welt ihre Residenten und Agenten haben, welche jeden frei denkenden und frei redenden Mann als einen Aufrührer verdächtig machen, so ist es ein kitzliger Punkt, diesen sich blosszustellen. Desfalls nun legte ich mich auf Kundschaft, um zu erfahren, welchen Eindruck jenes Buch auf das Publikum gemacht hätte; und da bestätigte sich denn wenigstens ein teil dessen, was ich befürchtet hatte. Verschiedne geistliche Herrn fanden sich hauptsächlich dadurch beleidigt, dass darin von ihrem stand und der edlen Dogmatik nicht mit der gehörigen Schonung wäre gesprochen worden; Edelleute meinten, Herr Noldmann möchte nur aus Neid sich gegen den erblichen Adel erklären, weil er selbst das Unglück hätte, von bürgerlicher Abkunft zu sein; Rechtsgelehrte sagten, Herr Noldmann müsse wohl ein schlechter Jurist sein, weil er mit Geringschätzung von der erhabensten und einträglichsten aller Wissenschaften redete; verschiedne Ärzte warfen ihm Undankbarkeit gegen die wohltätige und zuverlässige Heilkunde vor – kurz,