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blendendem Licht als vor heiligem Dunkel, weil ihn dünkt, dass man in dem einen so gut als in dem andern Gefahr laufe um seinen – Geldbeutel zu kommen.

Dieses Misstrauen muss um so viel grösser werden, je mehr er entdeckt, dass gewisse Leute sich sein guterziges Vertrauen und feinen sorglosen Schlummer ungebührlich zu Nutze gemacht haben. kommt dann noch eine naseweise Philosophie dazu, die ihn unaufhörlich mit fragen beunruhigt, auf welche er nichts andres zu antworten weiss als "fragt meinen Hofmeister," die sich aber mit dieser Abweisung so wenig befriedigen lässt, dass sie ihm vielmehr alles, was ihm sein Hofmeister von Kindheit an als heilige Wahrheit eingeflösst, eingesungen, eingepredigt und eingeprügelt hatte, streitig und zweifelhaft macht; eine Philosophie, die kein Ansehen der person und Würde, kein Privilegium des Alters, keinen Besitzstand der von Untersuchung des Titels befreie, gelten lässt, nichts Verborgenes unaufgedeckt, nichts Schimmerndes unangetastet, nichts Rätselhaftes unaufgelöst wissen will; die man sich nicht einmal durch derbe Beweise vom Halse schaffen kann, weil sie immer den Beweis des Beweises fordert; und ist es endlich gar so weit gekommen, dass diese Philosophie ihre Wirkungen, unter dem beliebten Namen der Aufklärung, der Befreiung vom Joch alter Vorurteile u.s.w. mit hülfe unzähliger Bücher-Fabriken und Drucker-Pressen über alle Stände einer grossen Nation ausgebreitet und alle Arten von Köpfen in Gährung gesetzt hat: was Wunder, wenn endlich vor lauter Aufklarung, Freiheit zu denken, Eifersucht gegen alles menschliche und Misstrauen gegen alles übermenschliche Ansehen, die Köpfe zu schwindeln anfangen, nichts um uns her mehr fest zu stehen scheint, und eine epidemische Zweifelsucht die Welt zuletzt mit einem noch schlimmem Zustande bedroht, als derjenige war, worin sie sich ihrem Hofmeister blindlings überliess, und eher an ihren eignen Sinnen als an der Unfehlbarkeit ihrer Führer zweifelte?

Augenscheinlich nähert sich ein grosser teil von Europa diesem Zustande mit starken Schritten. Die vorbesagte Philosophie, nicht zufrieden sich der höhern Classen allentalben fast gänzlich bemächtigt zu haben, macht sich auch Wege zu demjenigen Teile des volkes, der sich beim blossen Glauben immer noch am leidlichsten befunden hat. Was zuletzt die Folgen dieses immer allgemeiner werdenden Empörungsgeistes gegen alles Ansehen, gegen alles was unfern Vätern ehrwürdig und unverletzlich war, natürlicher Weise sein werden – scheint eine Aufgabe, deren Auflösung eines akademischen Preises würdiger wäre, als manche andre, womit man die dialektische Geschicklichkeit unsrer besten Köpfe zeiter in Wetteifer gesetzt hat. Wahrscheinlicher Weise wird, wenn man mit der Religion und der Priesterschaft fertig ist, die Reihe auch an Untersuchungen kommen, die unfern weltlichen Gewaltabern in der Folge nicht behagen dürften, so gleichgültig auch das Gefühl ihrer Stärke sie jetzt dagegen machen mag. Denn auch sie wird man endlich fragen: aus welcher Macht tut ihr diess und das? Von wem habt ihr diese Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft davon zu geben? Worauf gründen sich eure Vorrechte, Besitztümer und Ansprüche? Habt ihr die Gewalt, die uns zu Boden drückt, von der natur? Werdet ihr aus einer vollkommnern Masse gebildet als wir? Habt ihr mehr Sinne, mehr hände und Füsse? u.s.w. Oder, wenn sich alle eure Vorrechte (wie uns unsre Philosophen von dm Dächern herabpredigen) auf einen blossen Vertrag zwischen uns und euch gründen; wenn alles, was ihr besitzt, bloss anvertrautes Gut ist, und euer Ansehen keinen andern rechtsbeständigen Grund hat noch haben kann, als eine von uns empfangene bedingte Vollmacht, die wir alle Augenblicke zurücknehmen können, sobald wir uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen; wie könnt ihr erwarten, dass so aufgeklärte Leute, wie wir, in der wichtigsten Angelegenheit unsers zeitlichen Lebens – (des einzigen, welches uns übrig bleibt, nachdem uns eure Philosophen gelehrt haben, dass die Seele des Menschen in seinem Blute ist) – euch eine willkürliche und unbeschränkte Gewalt über unsere Personen, unser Eigentum und unser Leben einräumen werden? Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir untersuchen, ob sie uns glücklicher machen werden. Ehe wir euch Subsidien bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie zu unserm Nutzen anzuwenden gedenket. Und ehe wir uns an die Schlachtbank führen oder in Gefahr setzen lassen, unsre Felder verwüstet, unsre Wohnungen angezündet, unsre Weiber und Töchter geschändet, und unsre Söhne in die Kriegsknechtschaft geführt zu sehen, wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, ob ihr etliche Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern habt oder nicht.

Ich zweifle keineswegs, dass unsere Obern nicht im stand sein sollten, auf alle diese unehrerbietigen fragen – auch ohne Knüttel, Zuchtaus und Festungsbau – sehr gültige Antworten zu geben. Aber die geschichte der vergangenen zeiten belehrt mich, dass es doch immer sichrer ist, die Sachen nicht auf solche Spitzen zu treiben; dass illuminirte Bauern und begeisterte Knipperdollinge25, Cromwelle u.s.w. gefährliche Sachwalter der Menschheitsrechte sind, und, mit Einem Worte, dass es besser ist, die wohltätigen Wirkungen, die ein unvermerkt zunehmendes Wachstum der Vernunft unfehlbar unter den Völkern der Erde hervorbringen wird, ruhig abzuwarten, als diesen Zeitpunkt (der doch gewiss noch kommen wird) durch Mittel beschleunigen zu wollen, deren unüberlegte Folgen schlimmer und verderblicher sein würden als die Uebel, die man dadurch zu heben glaubt.

Der Himmel verhüte, dass der Gedanke, der bisherigen Aufklärung unsrer zeiten durch etwas andres als durch gesunde Vernunft und gründliche Wissenschaften Schranken zu sehen, jemals in denjenigen erweckt