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immer getäuschter in meiner Erwartung, bis ich endlich die glückliche Gegend des Komtats, und in ihm das Ziel meiner Befriedigung erreichte. Welch eine Weide für mein leibliches und geistiges Auge! Mit jedem Fortschritte wuchs mein Erstaunen. Gebahnte Strassen neben grünenden Auen, die mit dem bunten Gemische weidender Herden belebt waren – unabsehliche Flächen mit Saaten geschmückt – Berge mit Reben – Hügel mit fruchtbaren Bäumen bepflanzt – ruhige, freundliche Dörfer – prächtige Städte, mit frohen, glücklichen Menschen besetzt – Liebe und Treue auf allen Gesichtern – und dieses grosse herrliche Gemälde von einem immer heitern Himmel umwölbt.

Es ist bei dergleichen überraschenden Ansichten einem wohl eingerichteten Herzen natürlich, die Ursachen aufzusuchen, die solche Folgen bewirken. Ich betrat voll von dieser löblichen Neugierde diese Hauptstadt, die ich als die erste Quelle betrachtete, von der aller dieser Segen in das Land floss, und machte es mir zur Pflicht, der ausströmenden Kraft nachzuspüren, die ein so künstliches Triebwerk in immer gleicher Bewegung erhält, und die geheimen Federn zu entdecken, die stark und gespannt genug sind, jedes Rad so abgewogen in Tätigkeit zu erhalten, dass eines in das andere greift, ohne zu reiben, zu stocken, und den Endzweck zu hindern, den das Ganze hervorbringen soll. – Sind es, befragte ich mich, die strengen gesetz eines Lykurg, oder sind es die philosophischen Grundsätze eines Friedrich, die dieses glückliche Land leiten? Welche Gewalt ist es, die das Wunder seiner Regierung möglich macht? Die Frage ist entschieden, wie man sie aufwirft. Wer kann eine Stunde unter Euch leben, Mitbürger dieses Staates, ohne den mächtigen Genius zu ahnden, der alles dieses bewerkstelligt? den Geist Eurer Religion! Er ist es, unter dessen mächtigem Einflusse Eure Landesverfassung wie ein Felsen unter dem ewigen Tumulte der Wellen unerschüttert da steht. Er löst die verwikkelten Grundsätze einer vollkommenen Staatskunst, über welche Monarchen und Weise in ewigem Streite liegen, in die einfachen Pflichten eines gemeinen Tagewerks auf. Der Segen, den Eure Kirche täglich ausspendet, spottet jener rastlosen Sorgen, die oft der klügste Regent vergebens anwendet, um dem staat starke, geübte und mannhafte hände zu gewinnen, denen er mit Sicherheit die Handhabung des gemeinen Wohls übertragen kann. Die spröden Faden, aus denen sein Gewebe zusammengesetzt ist, wie ungleich gelinder schmiegen sie sich nach dem Willen auch des schwächsten Kopfes, der die heilige Weihe empfangen hat, als nach dem Sinne eines Mannes, der durch vieljährigen Fleiss, Wachen und Nachdenken sich zur Führung anderer gestärkt glaubt! Ich überblickte mit Erstaunen die einfachen Mittel, die hier der päpstliche Glaube dem Dünkel der Weltweisheit entgegensetzt. Statt die Aufsicht über Ordnung und gesetz erfahrnen Greisen – statt die Bewachung des Landes tätigen scharfsichtigen Männern übertragen zu finden, sah mein an jenen Anblick verwöhntes Auge hier nur Jünglinge zum Verdammen und Lossprechen berufen, und zu Vätern ihres Landes geweiht. Statt der Betriebsamkeit des volkes – sah ich nur Andacht. Ich ging mehrere Blenden von Heiligen vorbei, mit Anbetern umkniet, ehe ich auf eine Werkstatt stiess, die nicht leer stand. Ich hörte keinen Lärm, welcher Arbeit verkündigte: aber desto mehr Glocken, die zur Anbetung der Heiligen einluden. Ueberall sah ich verlassene Häuser und volle Kirchen. Ich sah ein unbeschäftigtes Volk, das auf langen Wallfahrten nach der Berührung eines Märtyrers ausströmte – sah die Lehrstunden der Kinder unter den Füssen eines wundertätigen Bildes verlaufen, und die Tage des geschäftigen Alters aufgelöst in heilige Feste. Ich sah in einer Welt, wo ich alles der Vergänglichkeit unterworfen glaubte, ewig brennende Lampen – sah Todtengebeine, die jede Krankheit des Körpers, und heilige Zeichen, die jedes Gebrechen der Seele zerteilten – sah geweihte Tropfen, die ein langes beflecktes Leben verwischten – sah die Hand des sterbenden Geizigen noch in dem Schatze wühlen, den er verlassen musste, um für den wohlfeilsten Preis, den er erhandeln konnte, unendliche Reichtümer für die Ewigkeit zu erkaufen – sah gerührt, wie die dienstbare Frömmigkeit den Uebergang einer gebrandmarkten Seele in die andere Welt mit unverwelkten Blumen bestreute, und forderte mir, von diesen mir so ungewohnten Ansichten betroffen, wie es ein Blindgeborner sein würde, der in einem Opernsaale und unter den Wirkungen verborgener Maschinen den Gebrauch seines Gesichts erhielt, lange vergebens Rechenschaft von dem Eindrucke ab, den ich fühlte, ohne den Ausspruch zu wagen, ob das, was mich so mächtig erschütterte, Wahrheit sei oder Täuschung. Wie viel lagen nicht Dinge von unendlicher Wichtigkeit für mich in der Entscheidung dieses erhabenen Zweifels! Sollte ich mich, wie ein Eingeborner dieses glücklichen Landes, bei dem allgemeinen Glauben beruhigen, den ich im Gange fand? Sollte ich mich, mit dem Vertrauen eines Kranken gegen seinen Arzt, der Hülfsmittel bedienen, die Eure geheiligte Religion feil bietet? oder sollte ich erst, ehe ich die Arzeneien verschluckte, ihre geheime Zusammensetzung untersuchen, und ihren Endzweck entwickeln? Ich glaubte mir, als einem Fremden, das letztere erlaubt, und mit der Offenherzigkeit, edle Richter, die ich Euch schuldig bin, gestehe ich, dass ich mit allem dem Misstrauen, das der Irrtum erzeugt, zur Prüfung jener Grundsätze überging, die Ihr Glücklichen als Erbschaft, ohne nur einen Augenblick an ihrer Rechtmässigkeit zu zweifeln, von Euren Vorfahren in Besitz nahmt. Ich tat in dem Labyrinte, in das ich eintrat, keinen Schritt, ohne zuvor die Sicherheit des Grunds zu erforschen, und verwickelte mich darüber zuerst in Irrgänge, die mich immer weiter von meinem Ausgange entfernten; und so