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nicht schwer werden. Ich stand lange unentschlossen und ganz mit dem Eigensinne eines längst abgestumpften Gaumens vor dem Schranke, blies von verschiedenen dickleibigen Bänden den Staub ab, blätterte einige Augenblicke darin, und setzte sie – und ach! mit ihnen vielleicht eine wahrhaft stärkende Geistesnahrung, nach der ich lange umsonst strebe, unbenutzt wieder an ihren Ort, in der sehr misslichen Hoffnung, für meine leckere Wissbegierde wohl etwas schmackhafteres noch aufzugabeln. Beinahe glaube ich, dass es mir nicht besser hätte gelingen können. Wenigstens stiess ich auf ein Werkchen, das mir über alle meine Erwartung Genüge tat. Es entfernte mich – doch nicht zu weit – von dem gegenstand meiner Wünsche, und bereicherte meine Einbildungskraft mit neuen Bildern, deren freie Zeichnung und kräftiges Kolorit wohl noch eine gränzenlosere Einsamkeit, als die meine war, hätte beschäftigen können. Kein Buch in der Welt konnte, glaube ich, in meiner gegenwärtigen Lage eine anziehendere Kraft für mich haben. Sein Verfasser gewann bei dem ersten Anblicke mein ganzes Zutrauen. Er war geistlichen Standes – war ein Deutscher – war Augenzeuge der grossen begebenheiten, die er erzählt, und nur zu oft selbst mit darin verflochten. Sein Buch war, wie das meine, ein Tagebuch – war – welch ein Zufall! das Tagebuch eben des grossen Papstes, dessen Freipass mich und Klärchen auf so gute Wege gebracht hatte. Wie kindisch freute ich mich nicht meines Fundes, als ich den Titel las: "Buchardi Archentinensis, Capellae Alexandri Sexti Papae. Clerici Ceremoniarum Magistri – Diarium."16 Und wie eilte ich damit an meinen Tisch! Ich hatte nun die angenehmste Beschäftigung, die ich mir wünschen konnte; denn es macht uns doch immer eine eigene Freude, den Mann auch im Schlafrocke kennen zu lernen, der in pontificalibus unserer Ehrfurcht gebeut.

Von den vielen merkwürdigen Stellen dieses päpstlichen Tagebuchs, mit denen ich das meinige ausschmücken würde, wenn ich nicht befürchten müsste dem Interesse meiner eigenen geschichte zu schaden, kann ich jedoch der Versuchung nicht widerstehen, Dir wenigstens Eine auszuheben, die, ihres zufälligen Bezugs wegen auf meinen gegenwärtigen Handel mit Klärchen, eine Ausnahme verdient. Sie wird nebenbei, wenn Du Dir etwa einfallen liessest an der Aechteit meiner Urkunde zu zweifeln, schon das ihrige beitragen, Dich eines bessern zu überzeugen. Ich wurde erst in dem Augenblicke mit ihrer Entdeckung überrascht, und aufs neue fortzulesen ermuntert, da ich, aus Unvermögen meine Augen länger anzustrengen, schon das Blatt, wo ich stehen blieb, gezeichnet, und das anziehende Buch zugeschlagen hatte. Indem ich es gähnend von mir schob, geschah es, dass ich zufällig einen blick auf den Ablassbrief warf, der, wie eine Post- und Reisekarte, ausgebreitet auf meinem Tische lag; und das brachte mich auf den Einfall, in der Geschwindigkeit noch, ehe ich mein Licht auslöschte, nachzusehen, was wohl ihr Päpstliche Heiligkeit denselben Tag begannen, da Sie das für mich so wichtig gewordene Dokument auszustellen geruhten, und das Sonntags den vier und zwanzigsten Oktober datirt war. Ich hatte kaum das Diarium des ehrlichen Burchard wieder aufgeschlagen, so fand ich auch bald, kraft der guten Ordnung, die darin herrscht, was ich suchte. Der Autor, der, wie das Titelblatt sagt, Ceremonien-Meister Seiner Heiligkeit war, welches ich nicht zu vergessen bitte, beschreibt unter demselben Tage eine Feierlichkeit, die ihn wohl selbst sein Amt nötigte mit anzuordnen – einen Abendzeitvertreib, mit welchem der gottselige Papst den Festtag des heiligen Martinus beschloss.

Dominica ultima, erzählt er, mensis Octobris in sero fecerunt coenam cum Duce Valentinensi in Camera sua, in palatio Apostolico quinquaginta meretrices honestae, Cortegianae nuncupatae, quae post coenam chorearunt cum servitoribus et aliis ibidem existentibus, primo in vestibus suis, deinde nudae.

Post coenam posita fuerunt candelabra communia mensae cum candelis ardentibus, et projectae ante candelabra per terram castaneae, quas meretrices ipsae super manibus et pedibus, nudae candelabra pertranseuntes colligebant, Papa, Duce, et Lucretia sorore sua praesentibus et adspicientibus: tandem exposita dona ultimo, diploides de Serico, paria caligarum bireta et alia, pro illis, qui plures dictas meretrices carnaliter agnoscerent, quae fuerunt ibidem in aula publice carnaliter tractatae arbitrio praesentium, et dona distributa victoribus.

Ich überlas diese unbefangene Erzählung mehr als

Einmal, und klatschte dem grossen geist wiederholt meinen Beifall zu, der frei genug von Vorurteilen war, ein solches fest zu veranstalten, und so hochgesinnt seine Freunde und Dienerschaft daran teil nehmen zu lassen. Denken wir uns diesen unumschränkten geistlichen Fürsten an jenem fröhlichen Abende, so wird es begreiflich, wie eine so volle Freude sein Herz bis zu der – beinahe möchte man sagen ü b e r t r i e b e n e n – christlichen Freigebigkeit erheben konnte, die aus seinem Ablassbriefe hervorstrahlt, sich übrigens ganz herrlich mit dem schönen Vorrechte verträgt, das ihm die Kirche verlieh, über alle mögliche sinnliche Einfälle seiner Heerde den Schwamm zu ziehen.

Je seltener es ist, dass Züge aus dem Privatleben der

Grossen zur Erläuterung ihrer gesetz dienen, desto mehr musste es mich freuen, hier beides einmal in s o g u t e m Verhältnisse zu finden, dass diese Hof-Lustbarkeit des Oberhauptes der Kirche, und der Ablassbrief, den er wahrscheinlich während derselben unterschrieb, eins das andere auf das ungezwungenste kommentirt. Ein Glück für mich, dass die Gräfin Vanotia nicht so gut dabei war, als seine berühmte Schwester, die dem Namen so viele Ehre machte, den sie in