Beförderer der Aufklärung auf das Spiel zu setzen, wenn sie, so ungern sie auch manches hörten, die natürliche Befugnis der Leute, über alles ihre Meinung zu sagen, einschränkten. Es schlich sich also unvermerkt eine gänzliche denke- und Pressfreiheit ein, von welcher denn auch, wie von allen guten Dingen in der Welt, vielfältig Missbrauch gemacht und weder die häusliche Ruhe der Bürger noch die wohltätigen Vorurteile der Schwächern, noch der Ruf der Edlern, noch das Vertrauen der Freundschaft, noch das Familiengeheimnis – kurz, nichts geschont, sondern alles an das Tageslicht gezogen, beurteilt, verdächtig gemacht, angegriffen, verspottet und ohne Ersatz vertilgt wurde.
Unmittelbar aber traf diese Folge auch den ersten Beförderer der Aufklärung, den König selber. Das Licht, welches er angezündet hatte, leuchtete weiter, als seine Absicht gewesen war. Nachdem man lange genug frei und kühn über Moral, Religion und Privatverhältnisse geredet und geschrieben hatte, fing man auch an, ebenso ungezwungen über Menschen- und Völkerrechte, über Fürstenansprüche und -befugnisse, über Sklaverei und Freiheit zu räsonieren.
So standen die Sachen, als meine deutschen Philosophen und Pädagogen nach Abyssinien kamen. Diese, besonders die letzteren, hätten nun viel dazu beitragen können, alles in ein vernünftiges Geleise zu bringen. Unglücklicherweise aber taten sie das Gegenteil. Ich habe immer geglaubt, dass sich über Erziehung keine allgemeine Regeln geben liessen, sondern dass sich diese nach Zeit und Umständen richten müssten, weil doch ihr Hauptzweck ist, Menschen zu bilden, die in ihr Zeitalter passen und als nützliche Bürger zu ihrer und ihrer Mitbürger Vervollkommnung und Glückseligkeit alles mögliche beitragen sollen. In einer Periode also, in welcher die Abyssinier ausschweifende Begriffe von Freiheit und Zwanglosigkeit hatten, jede ernstafte Anstrengung scheueten, sehr vorlaut und egoistisch waren, alle Konventionen und alle Rücksichten auf Stand, Alter und Erfahrung verachteten und, über ihren Gesichtskreis hinaus, über alles im Himmel und auf Erden räsonierten, schien es der Klugheit gemäss, die Jugend an mehr Ordnung, Pünktlichkeit, Gehorsam, Bescheidenheit, Misstrauen in eigne Fähigkeiten, emsigen Fleiss, Überwindung von Schwierigkeiten und Aufopferung zum allgemeinen Besten zu gewöhnen; allein daran dachten, leider! meine Pädagogen nicht. Sie ermunterten vielmehr in den Knaben den übel verstandnen Freiheitssinn, deklamierten gegen Pedanterie, Autorität, Sklaverei und Despotismus und erzogen die jungen Leute so, dass sie sich hernach durchaus nicht in den Zwang des bürgerlichen Lebens fügen wollten und die frohen, im Spielen hingetändelten Stunden, welche sie in den Erziehungsinstituten genossen, nachher durch manche unbehagliche, bittre büssen mussten, folglich die Summe der unzufriednen, unruhigen Bürger vermehrten.
Noch etwas verstärkte diese allgemeine Gärung, und das waren die geheimen Verbindungen, wovon ich doch auch noch ein Wort sagen muss. Nachdem die Abyssinier in allen Gebieten wissenschaftlicher Kenntnisse herumgeirrt waren und über alles nachgedacht zu haben glaubten, was den Menschen wichtig sein kann, fanden sie, was man auf der letzten Seite jedes Systems findet, dass unser Wissen und Wollen und Wirken Stückwerk, unvollkommen und dunkel bleibt. In diesen Grenzen irdischer Weisheit und Tätigkeit aber sich einpfählen zu lassen, das dünkte Menschen von so reizbaren Nerven, schwärmender Phantasie und unruhigem Tätigkeitstriebe zu gemein; weil indessen ihre Begriffe nicht gehörig geordnet, sondern verwirrt und schwankend waren, so nährten sie unaufhörlich heimliche Wünsche und dunkle Ahndungen. Hie und da teilten sich Menschen, in denen dies kochte und wurmte, solche Empfindungen mit und freueten sich, wenn sie sahen, dass sie einander verstanden oder zu verstehen glauben durften, obgleich sie nicht imstande waren, mit Worten deutlich zu machen, was sie eigentlich wollten und suchten. Sie wurden aber über gewissen Hieroglyphen, Zeichen und Phrasen einig, wodurch sie ineinander ihre dunkle Ideen wieder erwecken konnten, und der Gedanke, dass dies nun eine Sprache war, die nicht jeder verstand, hatte etwas Angenehmes, Kitzelndes. Bald hielten sie diese neue Typen für wirkliche neue Sachen, für neu erfundene Wahrheiten, täuschten sich selbst, sprachen von ihren geheimen Kenntnissen, nahmen andre in diesen Bund auf, welche auch diese Bilder lernten, einen Sinn damit zu verbinden glaubten, aber eigentlich nichts Bestimmtes darüber zu sagen wussten, als dass sich so etwas mit gemeinen Worten gar nicht ausdrücken liesse. Der gemeinschaftliche Besitz eines Geheimnisses bindet die Bewahrer desselben enge zusammen, und in einem Zeitalter, wo alle natürliche Bande locker geworden sind und den Menschen zu alltäglich und langweilig vorkommen, erweckte eine neue Art von Verhältnis, das gar nicht auf den gewöhnlichen Konventionen beruht, den doch zur Geselligkeit geschaffenen Menschen zu neuer Wärme für seine Nebenmenschen. Er vergisst dann, dass er dies Glück auf eine viel natürlichere Weise finden könnte, schimpft auf die Mängel der bürgerlichen Einrichtungen, ohne Vorschläge zu ihrer Verbesserung zu tun, und schafft sich neue Verbindungen, die noch grössere Mängel, aber den Reiz der Neuheit und das Verdienst haben, dass er selbst ihr Schöpfer ist. Dies alles wohlüberlegt, so darf man sich darüber nicht wundern, dass in kurzer Zeit die Wut zu geheimen Bündnissen in Abyssinien sehr hoch stieg und dass deren eine Menge von allerlei Art errichtet wurde.
Solange die ersten Stifter noch lebten, verband man doch einigen dunkeln Sinn mit der Bildersprache und den mystischen Gebräuchen dieser Gesellschaften; nachher fing man an, sich nicht viel um die Deutung zu bekümmern, sondern hielt sich an die geselligen Zwecke; als aber die Gärung in den Köpfen und Gemütern der Abyssinier unter allen Ständen so allgemein wurde und Aufklärer, Reformatoren und Aufrührer von