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Zeit der Messe grade der Ort, wo ich teils einige derselben persönlich kennenlernen, teils von den Buchhändlern erfahren könnte, welche unter ihnen in vorzüglich grossem Rufe stünden. Die jungen reisenden Prinzen müssen, wie bekannt, daran Geschmack finden, was ihre Hofmeister wählen; also war auch mein schwarzer Prinz sogleich bereit, meinem Plane zu folgen.

Wir kamen gegen Abend an und traten in einem grossen Gastofe ab. Indes die Tafeln für Seine Hoheit und uns alle bereitet wurden, ging ich hinunter in das allgemeine Gastzimmer und unterhielt mich ein wenig mit den dort sitzenden Gästen. Es waren auch, wie ich bald merkte, Gelehrte und Buchhändler darunter. Einer von ihnen zeigte mir den grossen Messkatalogus. – Mein Gott! wie erschrak ich! Gegen ein Werk von nützlichem Inhalte zehn dickleibichte Romane, deren Titel nicht einmal von Sprachfehlern und Albernheiten frei waren; ebensoviel in acht Tagen verfertigte Lust- und Trauerspiele, ebensoviel Werke über Freimaurerei, Taschenspielerkünste, Geistersehen und Goldmachen; ebensoviel Schmähschriften gegen den persönlichen Charakter solcher Männer, die man, bei ihrer ersten Erscheinung in der gelehrten Welt, zur Ungebühr ausposaunt hatte, an denen man nun seine eigne Blödsinnigkeit bestrafte, alles wirklich Gute an ihnen mit Füssen trat und auf die unwürdigste Weise kleine Anekdoten aus ihrem Privatleben, die niemand nichts angingen, hervorsuchte, um den Mann öffentlich zu beschimpfen und preiszumachen, der im grund nichts weiter versehen, als dass er das Unglück gehabt, einst, mehr als er gefordert hatte, hoch gepriesen zu werden; ebensoviel Märchensammlungen, in welchen Geschichtchen, die schon hundertmal gedruckt waren, ja, deren einige in aller Ammen mund waren, neu aufgestutzt erschienen. – Und endlich Musenalmanache, Blumenlesen! – Einer von den Gästen holte ein solches Büchelchen aus der tasche hervor; ich blätterte darin und erstaunte. "O Himmel!" rief ich, "sind das Verse? Ist es genug, dass man seinen Unsinn in kurzen, langen und mittelmässig langen Zeilen absetze, um das ein Gedicht zu nennen? So kann ja jeder Knabe seine Schulexercitia, wenn er sie auf diese Weise schreibt, zu Versen erheben! Wo man verlegen ist, eine lange Silbe zu finden, da nimmt man statt dessen fünf kurze oder macht auch nach Belieben zu kurzen Silben solche, in denen sechs rauhe Konsonanten, zwei doppelte M und dergleichen vorkommen. Was in aller Welt", fragte ich, indem ich weiter blätterte, "will dieser Barde aus Wien mit seinem holprichten reimlosen Gewäsche voll Provinzialismen? Kann etwas als Gedicht wohlklingen, was schon als Prosa das Ohr beleidigen würde? Und welch eine unwürdige Veranlassung zu diesem kleinen lied? Kann man in Dichterfeuer gesetzt werden von einem gegenstand, der der Aufmerksamkeit jedes verständigen Mannes unwert ist? Und dies platte Sinngedicht! Ist ein Einfall, dessen sich ein Knabe von einigen Anlagen schämen sollte, wert, in der erhabnen Sprache der Begeisterung vorgetragen zu werden? Und diese Kleinigkeit von dem edlen Gleim! Kann der würdige Sänger der Kriegslieder sich, aus gefälligkeit gegen ein entnervtes Publikum, zu solchen wässrichten Spielereien herablassen? Lieset denn niemand mehr unsre alten Lehrer, Hagedorn, Gerstenberg, Lessing, Kleist, Utz, Gellert, Ramler, Wieland, Klopstock und andre, um zu lernen, was Versbau, Wohlklang, Erhabenheit heisst? Und was sagen unsre Kritiker dazu?" Als ich der Kritiker Erwähnung tat, sah ich, wie ein paar von den Buchhändlern schelmisch einander anlächelten. Ich bat sie, mich zurechtzuweisen, wenn ich etwas Albernes sollte gesagt haben. "Nein!" antwortete der eine, der ein stattlicher Mann aus Hamburg war, "Sie würden vollkommen recht haben, von der Kritik zu verlangen, dass sie Schriftsteller und Dichter vor Vernachlässigung weiser Regeln warnte, wenn unsre Kunstrichter bekannte Männer von Kenntnissen und Ruf wären. Wenn aber jeder unbärtige Knabe, der ein wenig Lectur hat, sich mit einer Gesellschaft von Halbgelehrten seinesgleichen vereinigt und dann hinter der Maske der Anonymität die Werke der grössten Männer von entschiednem Rufe mit Machtsprüchen für lose Ware erklärt, seiner unbedeutenden Freunde unreife Geburten hingegen als Meisterstücke ausposaunt; oder wenn ein elender Zeitungsschreiber seinen interessanten Nachrichten von den geschmacklosen Festen, welche die Fürsten und Gesandten gegeben haben, von Universalarzeneien und von Kuriern, deren Depeschen noch niemand gelesen hat, grösseren Gewinstes wegen, auch einen sogenannten gelehrten Artikel anhängt, das heisst ein leeres Blatt, bestimmt, um darauf gegen gute Bezahlung die Lobeserhebungen abzudrucken, welche wir Verleger oder die Schriftsteller selbst von ihren eignen Büchern ihnen einschicken; oder wenn ein Dutzend junger Leute, unter der Firma eines Mannes von einigem Rufe in der gelehrten Welt, in einem kritischen Journale, statt unparteiisch die herauskommenden Werke nach dem inneren Gehalte zu beurteilen, den darin herrschenden bestimmten Begriffen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die schwankenden hingegen zu widerlegen, wenn sie, sage ich, statt dessen die Lieblingsmeinungen ihres Anführers allgemein zu machen suchen und jedes Buch tadeln müssen, in welchem gegenteilige Sätze vorgetragen werden; oder wenn nun gar, unter dem Namen von gelehrter Kritik, der persönliche Charakter der Schriftsteller hämischerweise angegriffen wird; wenn man ehrliche, harmlose Leute dem Publico verdächtig zu machen sucht, Szenen aus ihrem Privatleben, die niemand nichts angehen, auf die gehässigste Art hervorzieht, um dem mann, dessen literarische Verdienste man vielleicht beneidet, die öffentliche achtung zu rauben, von welcher sein bürgerliches Glück abhängt – sagen Sie mir, mein Herr, ob dann noch die Kritik bei uns in Ansehen stehen kann und ob nicht