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versuchte es verschiedene Mal, mich zu unterbrechen und mich durch ungnädige Mienen in Furcht zu setzen, aber vergebens! Ich fuhr ernstaft fort; und als ich fertig war, wollte ich ihn verlassen. Nun spannte er andre saiten auf, lobte meine Redlichkeit, versprach, mich zu unterstützen, und bat mich nur, nicht gar zu unvorsichtig zu Werke zu gehen. Das verhiess ich ihm denn sehr gern, und wir schieden als Freunde auseinander.

Gegen Abend fand ich mich wieder bei meinem Monarchen ein, der mich mit heiterm gesicht empfing. "Heute", sprach er, "sollst du mir etwas von der Verfassung eurer deutschen Höfe erzählen. Ich denke, das wird ganz lustig anzuhören sein, und ich erlaube dir, von nun an immer ebenso offenherzig wie gestern mit mir zu reden. Fange nur gleich an!" Das tat ich denn und machte ihm ungefähr nachstehende Schilderung:

"Unsre grösseren deutschen Staaten werden mehrenteils nach menschlichen und gerechten grundsätzen regiert; ein mächtigrer Fürst fühlt lebhafter die Wichtigkeit seines Berufs, weiss, dass so viel Augen auf ihn gerichtet sind, dass er einst in der geschichte seines Zeitalters auftreten muss; er wird sorgsamer erzogen; seine Verbindung mit andern Reichen leidet nicht, dass er willkürlich sein Regierungssystem ändern könne, und fremde Mächte wachen über ihn und sein Land als einen wichtigen teil des Ganzen. Grosse, allgemeine Gebrechen, worüber ganz Europa seufzt, drücken freilich diese mächtigern Staaten auch; die täglich anwachsenden, ungeheuren stehenden Heere, die der Bevölkerung und der Industrie schaden und müssige Menschen auf Kosten der arbeitsamen ernähren; schädliche Vergrösserung der Residenzen, wohin aller Reichtum aus den öden Provinzen fliesst, unnützer Aufwand, Sittenlosigkeit, Liebe zur Pracht, Üppigkeit und Wollust, die von daher sich in alle Klassen verbreiten – das alles sind freilich schwere Landplagen; aber sie werden von dem unaufhaltsamen Strome der Kultur herbeigeführt, und es steht fast nicht in der Macht des Landesherrn, diesen Lauf zu hemmen. – Im ganzen herrscht denn doch in diesen beträchtlichern deutschen Staaten eine gewisse, wenigstens nicht ganz unsystematisch verteilte Summe von Wohlstand und Zufriedenheit unter allen Klassen der Bürger, und wenngleich die albernen Grundsätze von Fürstenrechten, die nun einmal allgemein angenommen sind, echte, der freien Menschheit zukommende Behaglichkeit verdrängen, so tritt doch an deren Stelle eine Art konventioneller Glückseligkeit, und alles ist so kalkuliert, dass wenigstens jeder Stand diejenige kleine Portion von Lebensgenuss schmeckt, die man ihm, nach jenen grundsätzen, gestatten kann. Die Völker beruhigen sich dabei, wenn es nicht zu arg wird und man sie nicht zur Verzweiflung bringt; und vielleicht würde es noch schlimmer werden, wenn sie auf einmal dies System über den Haufen werfen wollten.

Ganz anders aber sieht es mit den kleinern Fürsten aus. Diese könnten, nach Verhältnis, sehr viel glücklicher sein und sehr viel mehr Gutes verbreiten als die mächtigern. Auch sind unter ihnen edle, vortreffliche Männer, die ihre Untertanen wie ihre Kinder betrachten und behandeln und von ihnen wie Väter geliebt werden. Ein kleinerer Zirkel ist leichter zu übersehen; es ist leichter, da zu helfen, wo es fehlt, wenn das ganze Ländchen gleichsam nur eine ruhige Familie ausmacht. Sie bedürfen des ungeheuren Aufwandes von Kriegsheeren, Hof- und Staatsbedienten, Tafeln, Festen, Gesandten und dergleichen nicht. – Und ist es nicht rühmlicher, erhabner, grösser, in der Stille tausend Menschen an Leib und Seele glücklich, frei und froh zu machen, von ihnen gesegnet und zärtlich geliebt zu werden, als Millionen Sklaven mit eisernen Ketten an ein Joch zu schmieden, damit die Nachwelt den Mann, der nicht einen Freund je gehabt, für den nicht eines Menschen Herz je geschlagen hat, als einen – merkwürdigen Beherrscher bewundre?

Und diese Wonne könnten alle unsre kleinen Fürsten schmecken; allein dafür haben nur wenige unter ihnen Sinn. Die rasende Begierde, es den grössten Monarchen gleichzutun, sich bemerken zu machen, von sich reden zu lassen, verleitet sie zu hundert Torheiten und bösen Streichen. Der Fürst will einen kurfürstlichen Hofstaat haben, der Graf kauft sich den Fürstentitel. Die kleinen, von arbeitsamen Menschen leeren, hölzernen Residenzen wimmeln von müssigen, liederlichen, hungrigen, bunten Soldaten und von hirnlosen, niederträchtigen, bettelarmen Hofschranzen, die sich untereinander hassen, verleumden, verfolgen und, durch die schändlichste Schmeichelei und durch die Bereitwilligkeit, sich zu den entehrendsten Diensten brauchen zu lassen, den schwachen Fürsten noch täglich mehr verderben. Feile, menschenscheue Schriftsteller und erkaufte Zeitungsschreiber posaunen dann Handlungen von diesen durchlauchtigen Sündern aus, um welche gelobt zu werden ein Privatmann sich schämen würde, und beschreiben ihre geschmacklosen Feste. Noch geht es leidlich, wenn die Potentaten ihr Unwesen nur zu haus treiben und das, was der arme Untertan im Schweisse seines Angesichts aufbringt, wenigstens im land wieder verzehren; allein da kutschieren manche von ihnen alle Jahre nach Frankreich, Italien oder England oder figurieren im Dienste grösserer Herren; und wenn sie denn einmal nach haus kommen, so wissen sie nichts zu treiben, als vor Langerweile die Torheiten nachzuahmen, die sie auswärts gesehen haben. Dazu bringen sie auch noch wohl einen Schwarm fremder Windbeutel und Schelme mit, die dann an die Spitze der Geschäfte gestellt werden, verdienstvolle Einheimische verdrängen und die grösste Verwirrung in einem land anrichten, von dessen Verfassung sie nichts verstehen. Diese Fremde setzen dem Fürsten nun vollends allerlei kostbare Spielereien in den Kopf. Da wird das ganze Land zu einem Jagdpark umgeschaffen, oder es werden prächtige Teater erbauet