ich selbst oft für meine und Eure Sicherheit bange bin. Hier ist der Ort nicht, davon zu reden. kommt morgen früh in mein Kabinett! da will ich Euch weitläufig instruieren."
Ich ermangelte nicht, diesen Befehl des Herrn Ministers zu vollziehen, und ging des andern Tages nach der Tafel, vollkommen vorbereitet, zu meinem allergnädigsten Negus.
Die Leser werden es mir, wie ich hoffe, nicht zur Eitelkeit auslegen, wie einige von ihnen es einem grossen deutschen Schriftsteller bei einem ähnlichen Falle dafür ausgelegt haben, wenn ich ihnen noch ein paar von meinen Gesprächen mit dem Monarchen Abyssiniens erzähle. Es ist notwendig, dass ich berichte, wie der Negus über manche Gegenstände, welche auf die Aufklärung seines Landes Bezug haben konnten, dachte, wenn ich von meinen und meines Herrn Vetters Bemühungen, dort alles auf europäischen Fuss zu setzen, Rechenschaft geben will. – Also ohne Umschweife!
Ich las heute dem Negus aus Wielands "geschichte der Abderiten" vor, wobei Seine Majestät herzlich lachten, als wir durch einen grossen Lärm, der draussen vor den Fenstern des Schlosses entstand, unterbrochen wurden. Ich erschrak und fürchtete einen Auflauf des volkes; allein der König beruhigte mich und erklärte mir den Vorfall. Es war nämlich von undenklichen zeiten her in Abyssinien eingeführt, dass täglich, um eine gewisse Stunde, eine Anzahl Menschen vor die Fenster der königlichen Zimmer treten und mit grossem Geschreie Gerechtigkeit und hülfe erflehen und fordern mussten.3 Der Zweck dieser Zeremonie war, den Monarchen, mitten in seinen Freuden und Wollüsten, aus dem Schlummer der Sinnlichkeit zu erwecken und ihn daran zu erinnern, dass tausend Menschen jeden Augenblick auf seine Tätigkeit und Wachsamkeit Anspruch zu machen ein Recht hätten.
Diesen Gebrauch lobte ich und fügte hinzu: ich wünschte, es möchte etwas Ähnliches bei uns in Deutschland eingeführt werden.
"Ich hoffe", sprach der Negus, "eure Könige und Fürsten werden solcher Erinnerungen so wenig als ich bedürfen." – "Wenigstens", erwiderte ich ganz freimütig, "kann es wohl nicht schaden, wenn man es ihnen zuweilen an das Herz legt, dass sie Menschen sind wie wir alle. Auf dem Trone, umringt von Schmeichlern, die jedes halbkluge Wort, das aus ihrem mund geht, wie einen Orakelspruch bewundern, jede menschliche Handlung, deren ein guter Privatmann, nach Verhältnis seines Vermögens, ohne einmal zu ahnden, dass er etwas anders als seine Pflicht getan hat, unzählige begeht, in Zeitungen und Gedichten ausposaunen; angebetet von Sklavenseelen, die sie ohne Unterlass in dem Wahne erhalten, als sei jeder Fürst ein Stattalter Gottes, folglich alles Gute, was er seinen Untertanen erwiese, und alle Sorgfalt, welche er ihnen widmete und wofür er doch ernährt, gepflegt und geehrt wird, eine Gnade, als sei das Geld, welches er ausspendet, das Almosen, welches er gibt, die Besoldung, womit er den Fleiss belohnt, aus seinem Schatze hergegeben, da es doch nur das Eigentum des Landes ist, welches er verwaltet; in eitlen Freuden, Zerstreuungen und Lüsten herumtaumelnd, vergessen die Grossen der Erde, wenn sie nicht so erhaben, so edel wie Euer Majestät denken, gar zu leicht, dass indes Millionen Menschen nach Brot und nach Sicherheit gegen Unrecht und Bedrückungen seufzen. Man entfernt von ihnen den Anblick des Elendes, damit sie nicht auf die Spur kommen, woher dies Elend rührt, nicht erfahren, dass die kleinen Untertyrannen es sind, die das Volk so unglücklich machen; damit sie nicht böser Laune werden, noch verstimmt seien, wenn irgendein Liebling für sich oder seine Kreaturen eine neue Gunst auf Unkosten andrer erbetteln will. Da würde es denn ganz heilsam sein, wenn man sie zuweilen durch die laute Volksstimme daran erinnerte, dass dies Volk ein Recht hat, sie zu ihrer Pflicht aufzufordern, und dass, wenn sie auch vor dieser lauten stimme ihre Ohren verschlössen, jeder dieser schreienden Mäuler auch zwei arme hat, womit man Felsen sprengen, also auch Trone umstürzen kann."
NEGUS: Darfst du das in Deutschland laut sagen, was du dich unterstehst, hier vor mir zu reden?
ICH: Allergnädigster König! Ein grosser, edler Regent fürchtet die stimme der Wahrheit nicht und hasst nicht den, welcher die stimme führt; und die kleinen, niedrigen Despoten scheuet man jetzt nicht mehr. Man schreibt und redet schon ziemlich laut über Menschenrechte und Regentenpflichten und wird bald noch lauter darüber reden. Nur ist es zu bedauern, dass solche Wahrheiten selten zu den Ohren unsrer Fürsten kommen. Die Wesirs und Muftis, die mehr als die Sultane dabei interessiert sind, dass alles auf dem alten fuss bleibe, verstopfen ihren Herrn die Ohren und verbinden ihnen die Augen. Unsre Fürsten sind zum teil gutgeartete Menschen; wenn man ihnen an das Herz redete, so würden wohl viele von ihnen auf bessere Wege zu lenken sein, ja, sie würden die notwendigkeit einsehen, ihr System zu ändern. – Denn das lässt sich doch begreifen, dass, früh oder spät, das gemisshandelte Volk die Last der unnatürlichen Ketten fühlen und sich wundern wird, wie es wohl kommt, dass es erst jetzt einsieht, es liege nur an ihm, diese Fesseln abzuschütteln. Und dann möchte vielleicht eine ärgre Revolution erfolgen, als gegenwärtig zu befürchten wäre, wenn die Despoten gutwillig sich den ersten, heiligsten Gesetzen, den Gesetzen der Menschheit, unterwürfen.
NEGUS: Aber wenn eure Fürsten das, was gegen die Missbräuche ihrer Gewalt