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Verehrung und Bereicherung der Priester und Unterwürfigkeit gegen sie beruhete, so sahen diese nicht nur dem Scheinheiligen, bei allen seinen heimlichen und öffentlichen Lastern und Verbrechen, durch die Finger, sondern der Andächtler wusste sich auch von dem abergläubischen volk durch verstellte Demut und Gottesfurcht Ehrerbietung zu erzwingen. Leute hingegen, die an den Glaubenslehren zweifelten, schüttelten nicht selten, da in dem Religionsunterrichte, den sie genossen hatten, alle sittliche Pflichten aus den Glaubenslehren waren herbeigeleitet worden, sobald ihr Glauben an diese wankte, zugleich die reine, hier auf Erden ewig wahre Moral von sich. – Auf diese Weise untergrub also auch die Teologie die moralische Glückseligkeit der Menschen.

Die Folgen dieses Priesterunwesens wurden noch abscheulicher, als endlich gar die pfaffen unter sich selber in Uneinigkeit gerieten. Dies geschahe zuerst bei einer sonderbaren Veranlassung. Es hatte nämlich ein Pfaffe in Sire, einer Stadt, die noch grösser ist als die ehemalige Residenz Axum, sich unterstanden, in der Schule, die er hielt, zu sagen, man dürfe die geschichte von Elias' Wagen nicht wörtlich verstehen; jedermann wisse, dass es nicht möglich sei, mit einem Wagen durch die Luft zu kutschieren, und ein feuriger Wagen sei nun gar etwas, wobei ein ehrlicher Mann, der sich daraufsetzte, seine fleischernen Hinterteile in grosse Gefahr bringen würde; die ganze geschichte sei also so zu verstehen, dass ein starkes Gewitter das Vehikulum gewesen sei, dessen sich Gott bedient habe, den Propheten aus der Welt zu nehmen. – Kaum war das Gerücht von dieser fürchterlichen Ketzerei den Mitgliedern des Glaubenskollegium in Axum zu Ohren gekommen, so wurde der irrgläubige Priester vorgeladen, verhört und ihm zugemutet, öffentlich zu widerrufen. Er war ein Mann von grundsätzen und – widerrief nicht. Man liess ihm drei Wochen Zeit, die erfordert wurden, die nötigen Anstalten zu seiner feierlichen Exekution zu machen, und als er da sein Wort nicht zurücknahm, wurde er mit grosser Pracht, in Gegenwart des Hofs und vieler tausend Zuschauer, auf dem Markte in Axum am Spiesse gebraten.

Ich, Benjamin Noldmann, muss bei dieser gelegenheit meine Schwäche bekennen, wenn es anders eine Schwäche ist. Ich würde mich, eines bloss teoretischen Satzes wegen, gewiss nicht braten lassen, sondern augenblicklich widerrufen, glaube auch, der Schöpfer, welcher mir das Leben gegeben hat, womit ich kein Spielwerk treiben darf, würde mir's zur grossen Sünde anrechnen, wenn ich, aus Eigensinn und um meine Überzeugung öffentlich dartun zu dürfen, mir auch nur ein Glied verstümmeln liesse. Durch mich wird daher nie die Feierlichkeit eines Autodafé vermehrt werden.

Wer hatte bis dahin sich um die Konstruktion jenes Wagens bekümmert? Jetzt wurde des Propheten Kalesche der Gegenstand des allgemeinen Interesse. – Eine Lehre, für die ein Mann sein Leben lässt, muss doch wohl wahr und von der höchsten Wichtigkeit sein. – Ehe ein Jahr verging, war die sekte derer, die öffentlich erklärten, sie könnten und würden nie glauben, dass man mit einem feurigen Wagen zum Himmel fahren könnte, zu mehr als tausend angewachsen. Man ergriff eine Menge von ihnen; einige widerriefen bei den schrecklichen Martern, womit man sie peinigte; die Hartnäckigsten versiegelten ihre Lehre mit dem Märtyrertode; aber je mehr Anti-Kaleschianer gefoltert, gespiesst, gebraten, gekreuzigt, geschunden, gesteinigt und ihrer Augen beraubt wurden2, desto zahlreicher wurde diese sekte, die endlich anfing, sich eine eigne kirchliche Verfassung zu errichten, sich Oberhäupter und eigne Priester zu wählen und sich der Obrigkeit zu widersetzen, die ihre Anführer gefangennehmen wollte.

Nun war es Zeit, die Kriegsvölker gegen diese Rotte anrücken zu lassen; allein die Ketzer hatten dies vorausgesehen, sich bewaffnet und mit einer der nubischen Völkerschaften verbunden. Da fing denn ein blutiger Religionskrieg an, und Elias' Wagen kostete tausend arbeitsamen Bürgern das Leben.

Mit abwechselndem Glücke wurde dieser einländische Krieg eine lange Reihe von Jahren hindurch geführt. In einem Feldzuge wurde die schöne Stadt Axum von Grund aus zerstört (noch jetzt sieht man nur die Rudera davon); der grosse Negus musste fliehen und bauete die neue Residenz Gondar. Im folgenden Jahre war der Nachteil auf der Seite der Ketzer; und so ging es fort; zuweilen siegte die eine, dann die andre Partei; Ströme von Blut flossen, und die schönsten Provinzen wurden in Wüsteneien verwandelt. Zuweilen schloss man einen Frieden mit den Ketzern, der aber, wie sich das von Priestern nicht anders erwarten lässt, jedesmal von seiten der Ortodoxen treulos gebrochen wurde. Das Ende von diesem allen aber war, dass zuletzt, der fortdauernden Bedrückungen und Verfolgungen müde, mehr als hunderttausend fleissige und geschickte Untertanen, die nicht glauben konnten, dass man in einem Räderfuhrwerke durch die Lüfte fahren könne, zum land hinaus wanderten und sich in Nubien festsetzten, wo sie geduldet wurden, Handel und Manufakturen in Flor brachten und sich als ruhige Bürger betrugen.

Vierzehntes Kapitel

geschichte der letzten Vorfälle in Abyssinien, bis zu

der Ankunft des Verfassers

Als sich dieser letzte Vorfall zutrug, starb grade der damals regierende Negus, der sich den Titel des allerrechtgläubigsten Monarchen hatte erteilen lassen. Sein Nachfolger, obgleich auch unter Pfaffenhänden aufgewachsen, war, durch ein Ungefähr, dergleichen in dieser Welt oft das Schicksal von Ländern und Völkern entscheidet, ein wenig aufgeklärter und verständiger, als wohl den geistlichen Herren lieb sein mochte. Er sah bald den Fehler ein, den man begangen hatte, die besten Untertanen aus dem Reiche zu jagen, und suchte ihn wieder zu