ihm aber ungehorsam gewesen und hätten sich der Abgötterei ergeben; da wäre das Wesen erzürnt worden und hätte sie alle vertilgt, bis auf eine fromme Familie, durch welche nachher Abyssinien wieder wäre bevölkert worden.
Ihr Gottesdienst bestand nur in Verehrungsbezeugung und Huldigung gegen das unsichtbare höchste Wesen, dem sie ihre Unterwürfigkeit und ihren Gehorsam zu bezeugen suchten, um es zu bewegen, nie wieder eine so schreckliche Verwüstung auf dem Erdboden anzurichten. Die wenigen Zeremonien, deren sie sich bedienten, trugen noch das Gepräge des Schreckens, der durch die Überschwemmung damals in den Herzen derer, die sie erlebt hatten, war erzeugt worden. Sie gossen an gewissen Tagen wasser in die Luft und heulten und klagten dabei; sie wuschen und badeten mit Feierlichkeiten ihre Kinder, wenn diese ein gewisses Alter erreicht hatten; sie warfen sich bei Aufgang und Untergange der Sonne zur Erde nieder, stiessen Seufzer aus, wenn die Nacht heranbrach, und Freudentöne, wenn sie des Morgens, ohne Unfall zu erleben, erwacht waren.
Allen diesen Gebräuchen nun stand jeder Hausvater an der Spitze seiner Familie vor; nur an dem grossen Versöhnungstage, wenn alle Familien sich vereinigten, um die oben beschriebne Libation vorzunehmen, präsidierte der Älteste unter ihnen oder, nachdem sie sich ein Oberhaupt gewählt hatten, dieses bei der grossen Feierlichkeit. – Also noch einmal! sie hatten damals keine Priester.
Über das Wesen Gottes, über seine Ökonomie bei Schöpfung und Erhaltung der Welt, über den Zustand jenseits des Grabes nachzudenken, das fiel ihnen vielleicht nicht einmal ein; vielleicht glaubten sie auch, dass das Grübeln über Gegenstände, in denen die Vernunft doch nie sich Licht zu verschaffen vermag, Torheit wäre; vielleicht endlich liess ihnen ein tätiges Leben, im Schweisse ihres Angesichts, auch nicht die Musse, sich mit Spekulationen abzugeben. – Also hatten sie auch keine Teologie, und was jeder in müssigen Stunden über solche Dinge denken und träumen wollte, das blieb ihm überlassen.
Indessen kamen lange nachher durch einen Zufall unter den Abyssiniern die Traditionen in Kurs, welche in den Geschichtsbüchern des jüdischen volkes entalten sind. Dies geschahe in einer Periode, wo schon die Kultur weiter um sich gegriffen hatte und die Neugier zuweilen, von den täglichen Bedürfnissen ab, in das Gebiet der Phantasie einen gang zu wagen Zeit gewann. Da fassten dann die in den Mosaischen Gedichten entaltnen teologischen, teosophischen, teokratischen, kosmogonetischen und übrigen Begriffe von Gott, der Schöpfung und dem Weltgebäude in Abyssinien Wurzel, und es wurden auch einige der orientalischen Religionsgebräuche, unter andern die Beschneidung, Opfer und dergleichen, dort eingeführt.
Als sich verschiedne Stände im land abzusondern begannen und jeder sich einer eignen Lebensart widmete, sich ein eigenes Gewerbe ausschliesslich wählte und nach und nach auch die Abyssinier an äusserm Prunk und an Feierlichkeiten Geschmack fanden, ordnete man mehr jährliche öffentliche Feste, Busstage und, nach dem Beispiele der Israeliten, auch einen wöchentlichen, dem Gottesdienste und der Ruhe von Geschäften gewidmeten Sabbat an, bauete Tempel und ernannte einen Stamm, der, wie der Stamm Levi, den religiösen Zeremonien vorstehen, dem volk vorbeten und die Opfer verrichten sollte. Da dieser Stamm, wie billig, vom staat ernährt werden musste, so wies man ihm einen Anteil an den Opfern an, verwilligte ihm den Zehnten von gewissen Feldern, beschenkte ihn auch wohl mit heimgefallnen Gütern. Zu bereichern suchten sich diese Leviten, wie alle Priester; allein sie durften doch ohne Bestimmung des Fürsten nichts an sich reissen. Geherrscht hätten sie gern, wie alle Priester; aber dazu fand sich noch keine gelegenheit. Freilich suchten sie sich in den Ruf zu setzen, als seien sie in unmittelbarer Verbindung mit dem höchsten Wesen, gaben Wunder und Weissagungen vor, wollten zu Rate gezogen sein, wenn etwas Grosses in dem staat unternommen werden sollte; doch war ihr Kredit noch immer sehr eingeschränkt. Auf unnütze Spekulationen fielen sie auch, wie alle Müssiggänger; sie fingen an, die jüdischen heiligen Bücher auf mannigfaltige Weise zu kommentieren; allein sie zankten sich nur unter sich, und die Laien nahmen keinen Anteil an ihren teologischen Streitigkeiten. Da wurde zum Beispiel die grosse, wichtige Frage unter ihnen aufgeworfen, wieviel Sprossen die Himmelsleiter gehabt, welche Jakob im Traume gesehen hätte, ob es Engel weiblichen Geschlechts gäbe und dergleichen mehr; aber das Volk ging seinen Nahrungsgeschäften nach und liess die Priester das unter sich verfechten.
Da alle diese Mittel, sich gelten zu machen, nicht anschlagen wollten, so erlauerten sie den Zeitpunkt, als grade ein schwacher, abergläubischer Fürst auf dem Trone sass, suchten diesem eine grosse Meinung von der wirkung ihres Gebets und von ihrer Gabe, Wunder zu tun und zu weissagen, beizubringen und erlangten von ihm das Privilegium, schulen anzulegen und Menschen, die zu nützlicher bürgerlichen Lebensart bestimmt waren, und überhaupt ohne Unterschied alle Bürger mit Gewalt in der Teologie zu unterrichten.
Die Folgen davon sind leicht einzusehen. Der Geist des ganzen volkes wurde von dem graden Wege der gesunden Vernunft, die sich berechtigt glaubt, nichts als wahr annehmen zu dürfen, als wovon sie den Grund einsieht, auf Spitzfindigkeit, Sophismen und Aberglauben, von zweckmässiger Tätigkeit auf unnütze Spekulationen geleitet, nicht nach Überzeugung, sondern nach Autorität zu urteilen, nach Autorität zu glauben und darnach zu handeln; das Herz wurde für warme, innige, einfältige Gottesverehrung unempfänglich gemacht und an Formeln, kalte Feierlichkeiten und mechanische Andächtelei gewöhnt; die schönsten Jugendjahre, wo es Zeit gewesen wäre, den Verstand aufzuklären und das Gedächtnis mit