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wurden sie von den übrigen zu allen Arten von Lastern verführt, die durch sklavische Behandlung, Müssiggang und böses Beispiel erzeugt und genährt werden. Von ihrem geringen Solde konnten sie in der Residenz nicht leben; ein jeder half sich, so gut er konnte, und trieb nebenher irgendein mitunter sehr unedles Gewerbe, um Brot zu haben. Wer Verwandte auf dem land hatte, dem brachten diese Nahrungsmittel in die Stadt; und nicht genug, dass man den Vater seines Sohnes beraubt hatte, der ihm in der Arbeit beistehen konnte, musste er diesem noch obendrein seinen kleinen Vorrat zutragen. Die Schwestern und Geliebten der jungen Krieger kamen bei dieser gelegenheit häufig in die Residenz, wurden von dem Flitterglanze geblendet, verführt und nicht selten von ihrem eignen Bruder vornehmen Wollüstlingen in die hände geliefert. Andre Soldaten erhielten die Erlaubnis, auf gewisse Zeit bei ihren Verwandten in den Provinzen sich aufhalten zu dürfen; dann brachten sie alle Stadtlaster mit hinaus auf das Land; und so wurde denn durch die stehenden Heere die Korruption auch in den Strohhütten verbreitet, und Einfalt der Sitten und Unschuld verschwanden aus allen Ständen.

Damals kam ein Negus zur Regierung, der sich gern auf wohlfeile Weise einen grossen Namen machen wollte. Er bekam Lust, ein wenig Krieg zu führen und fremde Provinzen zu erobern. Die Armee war da, war einmal bestimmt, sich zur Schlachtbank führen zu lassen, wohin man wollte. Der oben schon rühmlichst genannte Jesuite bewies Sr. Majestät nicht nur, dass die Könige dazu ein Recht hätten, sondern dass es auch höchst nötig sei, bei dem Soldaten nicht, durch gar zu langen Frieden, die Kriegszucht sinken zu lassen. Es wurde also der erste mutwillige Krieg geführt. Hunderttausend vernünftige Wesen wurden von beiden Seiten ermordet; man schloss endlich einen Frieden, durch welchen man halb soviel Land gewann, als die Heere verwüstet hatten; der Negus hielt ein grosses fest, das den schon verarmten Untertanen den letzten heller aus dem Beutel lockte, und fand nun Vergnügen daran, mehr dergleichen unschuldige Possen zu treiben.

Einem seiner Gesandten wurde an einem hof in Nubien eine unbedeutende Ehrenbezeugung versagt – und man fing einen Krieg an. Der Liebling des Negus hatte einen Privatass gegen den Minister des Königs von Sennar – und man fing einen Krieg an.

Man würde sich irren, wenn man glaubte, die Völker Abyssiniens hätten nicht endlich die Abscheulichkeit dieser Handlungen gefühlt, hätten nicht sich dagegen sträuben wollen, mit Gut und Blut der Ball der törichten Leidenschaften und Grillen ihres Despoten zu sein. Wirklich entstand in der Provinz Hangot ein fürchterlicher Aufruhr; allein man schickte einen teil des Heers dahin, und nun zum erstenmal besudelten die Krieger ihre hände mit dem Blute ihrer Brüder, halfen Menschen unterjochen und morden, von denen sie besoldet, ernährt, gepflegt wurden. Der Sohn musste gegen den Vater fechten, der Freund den Freund zu Boden strecken. Nun erst war der Despotismus fest gegründet, das Volk zu Sklaven gemacht; keiner wagte es ferner zu murren; der gekrönte Schurke spielte mit dem Leben, mit dem Vermögen, mit der ganzen natürlichen, bürgerlichen und moralischen Existenz derer, die ihm freiwillig und zutrauvoll ihr zeitliches Glück in die hände gegeben hatten. Ein einziges freies Wort brachte den redlichsten, weisesten Mann ohne Urteil und Recht, ohne Verhör, ohne Mitleid gegen seine trostlose Familie auf das Blutgerüste; die bewaffneten Henker rissen den edlen, der dem Günstlinge nicht zu schmeicheln verstand, aus den Armen seines treuen Weibes, schleppten ihn in den Kerker und liessen ihn da verschmachten.

Doch das war nicht der letzte Missbrauch, den der Despot von seinem Kriegsheere machte; man zeigte ihm noch einen Weg, Vorteil davon zu ziehen. Er verkaufte nämlich das Leben seiner Untertanen an benachbarte Mächte, vermietete vernünftige Wesen, wie man Lasttiere vermietet, liess sich grosse Summen bezahlen, die in seine Kassen flossen und die er mit seinen Lieblingen und Kebsweibern verschwelgte. – Höher, sollte man meinen, könne der Despotismus nicht steigen; allein da würde man irren; das folgende Kapitel wird dies klarmachen.

Dreizehntes Kapitel

Schluss des vorigen

Frei geborne Menschen durch stufenweise verstärkte Eingriffe in ihre Rechte, dann durch immer mehr gewagte Misshandlungen, nebenher durch Korruption ihrer Sitten, wodurch Seele und Leib geschwächt, zum Widerstande unfähig gemacht werden, endlich durch erschreckliche Strafen sich unterwürfig zu machen, das heisst, Meister über alle ihre Handlungen zu werden; das ist freilich ein abscheulicher Despotismus! – Aber was bedeutet das gegen die Tyrannei, die man ausübt, wenn man auch über ihre Meinungen, über ihre Vorstellungen und über ihren Glauben sich eine herrschaft anmasst? Dennoch kam es auch so weit in Abyssinien. Dass dies das Werk der Priester war, versteht sich wohl von selber.

Bis jetzt habe ich von dem Religionswesen in Abyssinien noch gar nichts gesagt; hier ist der Ort dazu. In den ältesten zeiten, das heisst, in den zeiten, die unmittelbar auf die grosse Überschwemmung folgten, war der Gottesdienst der Abyssinier äusserst einfach; ihre Religion beruhete auf sehr dunklen Ideen vom göttlichen Wesen, und von Teologie und Priesterstande hatten sie das Glück nichts zu wissen.

Die Tradition von der Überschwemmung durchkreuzte ihre Traditionen über die Schöpfung der Welt und über das, was bis zu jener Überschwemmung in ihren Gegenden vorgefallen war. Indessen glaubten sie, dass die ganze Welt von einem einzigen unsichtbaren Wesen wäre geschaffen worden und noch im Gange erhalten werde; dass dies Wesen ehemals sich den Menschen sichtbar gezeigt hätte; sie wären