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für unedel, sobald es nur Geld einbrachte. Die notwendigkeit, sich einzuschmeicheln, um sich gönner oder Käufer zu verschaffen, benahm dem Charakter Eigenheit und Energie, erzeugte Falschheit, Verstellung, Höflichkeit und feine Lebensart, und da man den Handel als einen freiwilligen Kontrakt ansah, so nahm man sich's nicht übel, wenn der andre den Wert der Ware nicht verstand, ihn zu überlisten, zu betrügen. – Treue und Wahrheit verschwanden.

Die Begierde, Geld zu erwerben, gab indessen doch auch gelegenheit zu Erfindung mancher nützlichen Künste.

Die täglich zunehmende Vervielfältigung der Verhältnisse erforderte eine Menge neuer gesetz. Je grösser die Zahl derselben wurde, desto mehr verloren sie von ihrer Ehrwürdigkeit und Heiligkeit. Bald machte man sich kein Verbrechen mehr daraus, sie heimlich zu übertreten, wenn man seinen Vorteil dabei fand.

Der Fürst, der nun immer mehr anfing, sich an die Stelle des ganzen staates zu setzen, wagte es, zuerst unwichtige und nachher wichtigere gesetz aus eigner Macht zu geben. Man liess ihn wirken; die mehrsten dachten an ihren Privatnutzen und liessen im staat alles geschehen, insofern sie nicht unmittelbar dabei verloren; viele traueten dem Fürsten; auch hatte er ja noch kein Interesse dabei, schlecht zu handeln: allein die Sache war wichtig der Folgen wegen. Seine Macht wurde durch Indolenz der Nation immer grösser; man hätte ihn im Zaume halten sollen; aber die Kollegien bestanden aus seinen Kreaturen, die Zahl der hungrigen Schmeichler nahm täglich zu, erfüllte ihn mit törichter Eitelkeit und verschrob ihm, seinen Weibern und seinen Kindern Kopf und Herz.

Auf einer grossen Versammlung der Nationaldeputierten wurde nun aufs neue die Frage wegen der Erbschaften aufgeworfen. Man wollte es unbillig finden, dass einem Menschen, der keine Familie hinterliess, nicht das Recht zustehen sollte, das liebe, schöne Geld, welches er gesammelt hatte, nach seinem tod einem Freunde zuzusichern, sondern dass diese Reichtümer in den öffentlichen Schatz kommen sollten. Diese Motion bewies genug, wie sehr man jetzt das Privatinteresse vom allgemeinen trennte. Wirklich wurden die Erlaubnis zu testieren und die Rechte der Seitenverwandten auf den Nachlass eines Menschen, der ohne Testament starb, festgesetzt, und dies öffnete dann den Weg, durch Schmeichelei Erbschaften zu erschleichen, gab reichen Leuten gelegenheit, ihre ärmern Verwandten zu tyrannisieren, brachte Eigennutz in die ehlichen Bündnisse, machte, dass die Leute anfingen, sich in ihrer Verwandten häusliche Geschäfte und Ehestandssachen zu mischen, und da der Staat nun nicht mehr gelegenheit hatte, durch Verschenkung solcher heimgefallenen Güter an Ärmere eine gewisse Gleichheit der Vermögensumstände herzustellen, so wurden einige Stämme durch Erbschaften ungebührlich reich.

Das waren die ersten und natürlichsten Folgen, welche die Schätze, die man der Erde entlockt hatte, sodann der Geldumlauf, der inländische Handel und die dadurch entstandne grosse Verschiedenheit unter den Vermögensumständen in Abyssinien nach sich zogen. Der ausländische Handel aber bewirkte, ausser allen diesen, noch weit wichtigere Revolutionen, wovon ich jetzt reden will.

Der Verkehr mit den benachbarten Nationen erzeugte den Luxus, machte die Abyssinier mit Annehmlichkeiten und Gemächlichkeiten des Lebens bekannt, die ihnen bis dahin fremd gewesen waren und die, nachdem sie dieselben einmal geschmeckt hatten, ihnen bald zum Bedürfnisse wurden. Sie lernten die Zubereitung betäubender, starker Getränke, den Gebrauch langsam vergiftender Gewürze, nervenkitzelnder Opiate, des Tobaks, des Rauchwerks und balsamischer Wohlgerüche. Die durch den Handel reich gewordnen Leute fingen an, einen asiatischen Aufwand in ihrem Hausrate, in ihrer Kleidung zu machen, schliefen des Nachts auf weichen Betten, wälzten sich bei Tage auf seidnen Polstern. Die starken Körper wurden entnervt; da erwachte eine Menge unmässiger Begierden, heftiger Leidenschaften – Grillen, Launen, Kränklichkeit, kurz, Verderbnis der Sitten. Herabwürdigung an Leib und Seele waren die sichern Wirkungen dieser weichlichen, wollüstigen Lebensart. Hohe Tugenden schliefen; der Nerv zu grossen Taten wurde gelähmt; Einfalt, häusliche Glückseligkeit, unschuldige Freuden, Kindersinn, Treue, herzliche Hingebung und froher, reiner Genuss verschwanden.

Da die Bedürfnisse immer mannigfaltiger wurden und die Preise der Lebensmittel stiegen, so bedurfte nun jedermann mehr als bisher; reich zu sein wurde also täglich wichtiger, nötiger; denn einfach, mässig und weise sein hiess nun schon: sich etwas versagen; arm zu sein, kein Geld zu haben war eine Art von Schimpf; der Wohlhabende wurde geschmeichelt, geehrt, um von ihm zu ziehen, der Dürftige zurückgesetzt, verachtet; persönliches Verdienst kam nicht mehr in Anschlag; Eigennutz war die grosse Triebfeder, und man erlaubte sich, um reich zu werden, alle, auch die niedrigsten, schiefsten Mittel und Wege.

Der Reiche wollte nun nicht mehr arbeiten, hatte für nichts Sinn als für Genuss. Um sich her versammelte er einen Haufen bezahlter Schmeichler und Gaukler, die ihm die Zeit vertreiben halfen. Der Müssiggang erzeugte teils neue Laster und Torheiten, teils gab er gelegenheit zu Erfindung und Vervollkommnung der schönen Künste. Der Missbrauch derselben machte nun vollends weibisch, erhitzte die Phantasie, erregte die Begierden. Bald war der Geist der ganzen Nation nur für Kleinigkeiten, Torheiten, Spielwerke empfänglich. Witz galt mehr als gesunde Vernunft, Bombast in Worten mehr als nüchterne Weisheit. Die Sinne wollten ohne Unterlass gekitzelt sein. Man entfernte von sich alles, was Anstrengung, Ernst, Ausdauer erforderte, und sehnte sich nur nach dem Genuss des Augenblicks; floh alles, was unangenehme Eindrücke machte, lebte und webte in immerwährendem sinnlichem Taumel und haschte nach Idealen.

Jetzt entstanden eine grosse Menge neuer