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dass ihm nicht anders als durch Bestechung beizukommen wäre.

Da das Ländchen Contisch durch seine Armut und seine Lage gegen alle feindliche Angriffe gesichert ist und der Landesherr doch wünschte, seine Untertanen möchten einige Kenntnis vom Kriegswesen erlangen, wozu ihm schon in seiner Kindheit sein Hofmeister, der, man weiss nicht recht warum, ein alter Soldat aus Abyssinien war, grosse Neigung erweckt hatte, so teilte er seine sämtlichen Untertanen in Regimenter ein, belegte alle übrige Stände mit einer Art von Schimpfe und wird dadurch den Zweck erreichen, dass, wenn nun bald niemand mehr im land die Felder bauet, er ein wohlgeübtes Heer hat, an dessen Spitze er die blühenden Fluren seiner Nachbaren erobern kann.

Das ist eine treue Schilderung der Höfe, die ich in Nubien, als Gesandter des Königs von Abyssinien, besucht habe! Doch muss man keineswegs glauben, es herrschten in dem grossen, zum teil noch gänzlich unbekannten Afrika nicht auch edle, weise Könige und Königinnen, Fürsten und Fürstinnen; vielmehr habe ich deren, besonders in dem mittägigen Teile, einige in der Nähe und Entfernung zu bewundern gelegenheit gehabt, die von ihren Völkern verehrt, geliebt und deren Namen wie die Namen Adolph, August, Carl, Catarina, Christian, Ernst, Franz, Franziske, Friedrich, Georg, Gustav, Joseph, Leopold, Ludwig, Maximilian, Peter, Stanislaus, Victor, Wilhelm, Wolfgang und andre uns in Europa so teure, heilige Namen mit Segen genannt werden; allein es liegt ausser meinem Gesichtskreise, von diesen hier zu reden, und sie sind über das Lob eines armen, unbedeutenden Schriftstellers, wie ich bin, erhaben. – Wahre Grösse kann nur im stillen bewundert, angestaunt, mit warmen Herzen gefühlt, aber sie muss und will nicht gelobt werden.

Es gibt auch kleine Freistaaten in Nubien; allein sie sind es mehrenteils nur dem Namen nach, sind Oligarchen-Regierungen, wo man statt eines Tyrannen deren zehne hat, von denen sowie von ihren Weibern, Kindern und Kreaturen man abhängen, kriechen, schmeicheln und sich krümmen muss, wenn man sein Glück machen will, insofern man nicht zu den herrschenden Pinselfamilien gehört – Tyrannen, ohne Erziehung, ohne Ehrgefühl, die nur darauf denken, sich und ihre Vettern zu bereichern, die nicht, wie in Monarchien, durch irgendeinen äussern Sporn zu grossen Taten getrieben werden, weder durch die stimme des Rufs noch durch die Feder des Geschichtschreibers, sondern die, ohne Verantwortung und Scheu, alles Böse tun können, weil man voraussetzen darf, es sei durch die Mehrheit der Stimmen also entschieden, und die selten Reiz haben, etwas Gutes zu bewirken, weil sie die Ehre doch teilen müssen; die, wenn sie auch dies Gute ernstlich und uneigennützig wünschen, unendliche Schwierigkeiten finden, es durchzusetzen, weil die Zahl der Edlern immer die kleinere Zahl ist, der grössere Haufen aber teils aus Schelmen, teils aus unbedeutenden Menschen besteht, die nicht zu erwärmen sind und sich leichter von Schurken und Schleichern als von graden, edlen Männern stimmen lassen. Da lässt man denn kein eminentes Genie emporkommen, sondern macht es dem volk verdächtig; da heisst Eifer für das Gute – Empörungsgeist, Bekämpfung schädlicher Missbräuche und Vorurteile – Neuerungssucht und Ketzerei; da heisst der Mann, der die Schliche der heuchlerischen Bosheit aufdeckt und der ernstaften Dummheit die Larve abreisst – ein Satiriker, ein gefährlicher Friedensstörer. – Oh! wer würde nicht lieber einem gekrönten Pinsel gehorchen, der doch nicht unsterblich ist und endlich einmal einem bessern Menschen Platz macht, als das Joch von unzähligen solchen Geschöpfen tragen, die nie aussterben?

Und nun, liebe Leser, muss ich Sie, ehe ich dies Kapitel schliesse, fragen, ob Sie, bei der Schilderung des Despotismus in Nubien, nicht mit mir Ihr Schicksal gesegnet haben, das Sie in Europa hat geboren werden lassen, wo wir dergleichen Tyranneien nicht kennen, wo die Rechte der Menschheit heiliggehalten werden und die echte Philosophie Regenten und Volk über ihre gegenseitigen Pflichten aufgeklärt hat? Aber auch in Nubien wird es einst dahin kommen, dass man diese Rechte und Pflichten näher beleuchtet. Dann wird man es laut und kühn sagen: es ist gegen die Ordnung der natur, dass Millionen bessere Menschen, ohne Wahl, ohne Übereinstimmung, grade dem Schwächsten, dem Elendesten unter ihnen gehorchen; gegen die Ordnung der natur, dass nicht das Gesetz, sondern die Willkür eines einzigen Tod und Leben, Eigentum, Ehre und Schande frei und gleich geborner Menschen bestimmen soll, dass ein Knabe, ein Blödsinniger, ein Bösewicht an der Spitze grosser, edler, gesunder und weiser Männer stehen und diese zum Spielwerke seiner Grillen und Torheiten machen soll; gegen die Ordnung der natur, dass es vom blinden Ungefähr abhängen soll, ob der, welcher in ein Hospital oder Waisenhaus gehörte, auf einem Fürstentrone sitzen und mit Ländern und Völkern Possen treiben soll; gegen die Ordnung der natur, dass man Menschen und Provinzen und Recht über Leben und Tod erben kann. Wir wollen gern gehorchen, aber nur den Gesetzen, denen wir uns freiwillig unterworfen haben, nicht der Willkür, und einer soll an unsrer Spitze stehen und über Haltung der gesetz wachen; aber dieser eine soll ein weiser und guter Mann und, wäre er auch nicht der Beste und Weiseste unter uns, wenigstens nicht der allgemein anerkannt Schwächste und Schlechteste sein. Unsre Fürsten sollen es erfahren, dass alles, was sie besitzen und verwalten, unser Eigentum ist; dass ihr