den armen Bedienten blieb man den Gehalt schuldig.
In Agazan herrschte ein Monarch, der allen guten Willen hatte, sein Land glücklich zu machen, verjährte Vorurteile auszurotten und eine vernünftige Gleichheit unter allen nützlichen Ständen in seinem Reiche einzuführen; allein der Ungestüm, mit dem er das alles trieb, Mangel an weiser, nüchterner Übersicht, an Überlegungen und Festigkeit, verdarben auch seine edelsten Absichten. Er musste oft Schritte zurückgehen, die er übereilt getan, oft widerrufen, was er befohlen hatte, weil es nicht ausführbar war. Dabei respektierte er zuwenig die Freiheit der Menschen und ihr Eigentum, rechnete zuwenig auf ihre verschiednen Stimmungen und Vorstellungen von Glückseligkeit, denen der Weise zur rechten Zeit in Kleinigkeiten nachgibt, um grössere Zwecke zu erreichen. Er wollte alles gewaltsam, nach Willkür, mit der eisernen Hand des Despotismus durchsetzen; und so erbitterte er denn die Gemüter des volkes, so wie er von einer andern Seite die Grossen durch zuviel Popularität vor den Kopf stiess und demütigte, die Andächtler gegen sich aufbrachte und die strengen Moralisten durch seine unreinen Sitten empörte. Er war krank, als ich ihm vorgestellt wurde, aber ich konnte mich nicht entalten, Interesse für ihn zu empfinden, und wenn er länger in der Welt lebt und nicht durch seinen Ungestüm mehr verdirbt, als wiedergutzumachen möglich ist, so kann noch einst sein Reich sehr glücklich unter seiner Leitung werden.
Der König von Nemas hatte keinen Sinn für andre Freuden als für die elenden Freuden der Jagd. Das Land wimmelte von Löwen und Hyänen, welche ungeheure Verwüstungen anrichteten, aber nicht geschossen werden durften, damit der Monarch seine rasende Mordlust befriedigen konnte, sooft er wollte, das heisst: täglich, vom Morgen bis zum Abend. Er sah sein ganzes Land nur als einen grossen Park an, der ihm zum Vergnügen vom Schöpfer angelegt wäre. Seine Untertanen, nebst ihrem Viehe und ihren Früchten, betrachtete er als das bestimmte Futter für die Tiere, unter denen er sein Wesen trieb. Was aber die Löwen und Hyänen nicht frassen, das nahmen die Beamten und Stattalter weg. Die Klagen der Bauern über Not, Druck und Armut zu hören, dazu hatte er weder Musse noch Lust. Es fand sich kein Augenblick, wo man ihm eine Bittschrift überreichen konnte, als wenn er durch die Galerie ging, um sein Jagdpferd zu besteigen; dann nahm er kalt und unteilnehmend die Papiere an, achtete der Tränen nicht, lachte über die komischen Figuren, welche die um hülfe Flehenden machten, wenn sie vor ihm niederfielen und seine Knie umfassen wollten, oder befahl den Leuten, wenn er einmal recht gnädig war, aufzustehen, indem er hinzufügte, er sei ja nicht der liebe Gott (welches sie nun freilich wohl merkten), übrigens wolle er die Sache seinen Räten empfehlen. Und dabei blieb es. Die Bittschriften wurden an die verschiednen Departements abgeliefert; – und wehe dem, der darin über Ungerechtigkeit und Bedrückung geklaget hatte! Ihm wussten es die Bassen einzudrängen! Wurde aber einer, dem man es recht arg gemacht und der nun nichts mehr zu verlieren, nichts mehr zu fürchten hatte, gar zu laut, ging hin zu dem Könige und wusste sich Gehör zu verschaffen, so dass Seine Majestät etwa einmal aus ihrem Seelenschlafe erwachten und ernstlich befohlen, dem Armen zu helfen, dann verbanden alle sich gegen ihn; er wurde dem Monarchen als ein Querulant, als ein unruhiger Kopf geschildert, der nie zufrieden wäre, den man gar nicht anhören müsste. Zugleich machte man ihn dem volk verdächtig, brachte allerhand böse Gerüchte von ihm in Umlauf, als sei er ein gefährlicher, boshafter Mann; und so fand denn der Unglückliche weder Gehör noch Glauben, noch Beistand.
Der König von Orawad schien eine unförmliche Fleischmasse ohne Geist und Leben zu sein; unfähig, an irgendeiner Sache wahres Vergnügen zu finden, für irgendeinen Gegenstand Interesse zu fassen, irgendein paar Begriffe zu verbinden und zu ordnen, war er nicht nur weit entfernt, seine Regentenpflichten erfüllen zu können, sondern auch ungeschickt, mitten in dem Schlaraffenleben, das er führte, einen Augenblick von Genuss zu haben und eine leidlich anständige, ernstafte Miene anzunehmen, wenn seine Hinterviertel den Tron seiner Väter ausfüllten. Echte Stupidität und Langeweile dehnten sich auf seiner Stirne, und wenn er den Mund öffnete, so geschah es, um eine Albernheit zur Welt zu bringen. Unter seinen Weibern das wollüstigste und ränkevollste beherrschte ihn, und das auf eine so verächtliche, erniedrigende Weise, dass sie ihn bei jeder gelegenheit öffentlich zu einem gegenstand des Spottes machte. So unersättlich wie ihre körperlichen Begierden, so grenzenlos war ihr Hang zur Pracht und Verschwendung. Da war keine Art von Auflage zu erdenken, womit man nicht das arme Land heimsuchte, um den unvernünftigen Aufwand der Königin zu bestreiten und ihre niederträchtigen Sklaven, Lieblinge und Buhler zu bereichern. Der höchste Grad von Verderbnis der Sitten herrschte in allen Ständen und verhinderte das an Leib, Seele und Vermögen zugrunde gerichtete Volk, sich dem abscheulichen Despotismus entgegenzustemmen, womit es geschunden wurde. Ein zweideutiges Wort, ja, nur ein lauter Seufzer war hinlänglich, den, welchem dies Wort oder dieser Seufzer entfahren war, auf seine Lebenszeit im Kerker schmachten zu lassen. Verhaftbefehle und Todesurteile wurden, unter mutwilligen Scherzen, in der Garderobe und im wollüstigen Taumel ausgefertigt, indes man dem seelenlosen Monarchen, in dessen Namen man dies Unwesen trieb, kleine Nüsse hinwarf, womit er spielen musste, und ihn mit Hohn in die Schranken