1791_Knigge_061_106.txt

dafür aber sucht doch die Regierung zu sorgen, dass ein edler, einfacher Geschmack herrschend werde und weder das Kleinliche, Spielende, Witzelnde, noch das Wilde, Unregelmässige, Ungestüme, noch das Luxuriose, die gröbere Sinnlichkeit Reizende die Oberhand gewinne. Was für Anstalten in Ansehung der Baukunst getroffen sind, das ist vorhin erwähnt worden. Für Musik und Poesie ist insofern gesorgt, dass man die Verfertigung der Hymnen, welche an grossen feierlichen Tagen abgesungen werden, solchen Dichtern und Tonkünstlern aufträgt, von deren reinem Geschmacke man überzeugt ist; sie werden für ihre Bemühung belohnt; in den schulen werden, wie schon ist gesagt worden, die jungen Leute auch in der Tonkunst unterrichtet; und auch auf diesen Unterricht hat die Regierung ein wachsames Auge. Über die Meisterstücke unsrer besten Dichter werden gleichfalls in den schulen Vorlesungen gehalten, um den Geschmack der Jugend zu bilden. Endlich werden auch die besten Werke von der Art auf Kosten des staates gedruckt und eine grosse Anzahl Exemplare in allen Gegenden des Reichs unter den Mitbürgern ausgeteilt.

Schauspiele werden bei uns nicht geduldet. Wir können uns von ihrem überwiegenden Nutzen nicht überzeugen, sind aber sehr gewiss von dem nachteiligen Einflusse, den ein mittelmässiges Schauspiel und ein solches, dessen Inhalt nicht mit soviel Strenge gesäubert ist, als es fast nicht möglich scheint, ohne ihm das Interesse zu benehmen, wir sind gewiss von dem nachteiligen Einflusse, den ein solches Schauspiel auf die Jugend haben kann. Was die grossen Nationalschauspiele betrifft, zu deren Verteidigung man uns soviel von den Wirkungen der alten griechischen Schauspiele erzählt, so verlangen wir gar nicht, so gar gewaltsame Eindrücke auf die Herzen und die Phantasie unsrer Mitbürger zu machen. Sie sollen zu keinen Handlungen angefeuert werden, die eine Art von Berauschung erfordern, sondern wir wünschen alle, immer recht nüchtern, in der ruhigsten Gemütsstimmung und nach Vernunft handeln zu können, und unser Entusiasmus soll nie von kochendem Blute und erhitzter Phantasie, sondern von unwiderstehlicher Bewunderung und fester Überzeugung von der Schönheit der Tugend und Weisheit herrühren.

Dies, meine lieben Mitbürger, wäre dann die Skizze meines Plans zu einer neuen Verfassung von Abyssinien. Wie manches kleine Detail ich übergangen bin, wie oft meine Einrichtungen sich in unbedeutenden Nebenstücken zu durchkreuzen, zu widersprechen scheinen, wie manches wohl vorerst noch ganz unausführbar ist, das wird euch freilich leicht in die Augen fallen. Allein lasset euch dadurch nicht abschrecken, den Hauptinhalt meiner Vorschläge zu prüfen! Verwerfet, verbessert, sichtet; aber wenn ihr denn doch gestehen müsst, dass die Hauptsätze meines Systems aus der graden, natürlichen, gesunden Vernunft entlehnt sind, so lasset euch nicht durch Vorurteile und Schwierigkeiten davon abhalten, das Übel bei der Wurzel anzugreifen und auszurotten! Jetzt ist der Zeitpunkt da – so vorteilhaft kommt er gewiss nie wieder; begnügt ihr euch aber jetzt mit halben Verbesserungen, so habt ihr ewiges Flickwerk.

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Des Verfassers Gespräch mit dem Prinzen

Bevor der edle Prinz diesen Entwurf den versammelten vierundzwanzig Deputierten der Nation vorlegte, war er so gütig, ihn meinem Herrn Vetter und mir zum Durchlesen zu geben. Ich war so entzückt über den Inhalt – er war so ganz aus meiner Seele hingeschrieben –, dass ich mich in dem Drange meiner Empfindungen dem Prinzen zu Füssen warf und ausrief: "Erhabenster Monarch! Wie ist es möglich, dass ein Fürstensohn so den heiligen Naturgesetzen und Menschenrechten das Wort reden kann? Du allein bist würdig, als König und Kaiser über Abyssinien, ja, über die ganze Welt zu herrschen. Oh! erlaube mir, dass ich diesen Entwurf in Deutschland drucken lasse, damit meine Landsleute gewahr werden, dass noch ein Platz auf dem Erdboden ist, wo die gesunde Vernunft nicht ganz durch die konventionellen, erkünstelten Begriffe ist verdrängt worden! Erlaube, grosser Monarch, dass ich zugleich die geschichte dieses Reichs und die Erzählung dessen, was ich selbst nebst meinen deutschen gefährten hier erlebt habe, der Welt mitteile! Erlaube endlich, dass ich mein Buch unter deinem Schutze, mit deinem Privilegio versehen, herausgebe! Vielleicht respektieren die räuberischen Nachdrucker mehr diesen abyssinischen Schutzbrief als die Privilegien, welche unsre Fürsten erteilen, gegen die sie sowenig achtung bezeugen. Ich will dies Werk in einem land herausgeben, das von einem edeldenkenden, grossen Könige regiert wird, der Menschenwürde ehrt, in dessen Staaten die Rechte des Eigentums heiliggehalten werden, wo persönliche Sicherheit unangetastet bleibt, wo auch der geringste Untertan, geschützt vor jeder Gewalttätigkeit, selbst gegen die Landesregierung frei seine Rechte verfechten darf, wo gesetz, nicht Willkür, das Schicksal der Untertanen bestimmen, wo man der Wahrheit, die mit Bescheidenheit vorgetragen wird, kein Stillschweigen auflegt – dort will ich mein Werk drucken lassen, und es wird gewiss Beifall finden."

PRINZ: Stehe auf, Noldmann! Ich sehe wohl, dass du den Europäer nicht ganz vergessen kannst, soviel Sinn du auch für Wahrheit und Freiheit zu haben scheinst. Du glaubst mich zu ehren, indem du mich zum Monarchen von Abyssinien erheben willst, und überlegst nicht, dass mir dein Lob tausendmal willkommner sein würde, wenn du mir sagtest, dass du mich würdig hieltest, ein Privatmann in einem freien staat zu sein. Du glaubst mit der Bekanntmachung meines Entwurfs in Deutschland grosse Ehre einzulegen und bedenkst in dem Augenblicke nicht, dass eure schiefköpfigen Rechtsgelehrten ihn um so alberner und phantastischer finden werden, je mehr gesunde Vernunft darin herrscht. – Doch führe immerhin deinen Plan aus; aber lass uns jetzt von deiner und deiner Landesleute künftigen