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Wie vieles andre mag das Wesen in uns tun, ohne dass wir uns dessen bewusst sind und wofür die Sinne keine Sprache haben! Unsre innige Vereinigung mit dem Ganzen herrscht immerfort, und wir sind nur zum Schein ein teil davon und jedes besondre Ding ein Spiel, ein Mutwille des Wesens, und kann keinen Augenblick ohne das Ganze bestehen.

Das ist eine ganz andre Hoffnung, Sicherheit von Unsterblichkeit, wenn ich Stürme durch die Atmosphäre brausen höre und in mir fühle: bald wirst auch du die Wogen wälzen und mit dem Meer im Kampf sein! Wenn ich den Adler in den Lüften schweben sehe und denke: bald wirst auch du in mächtigem Fluge so über dem Rund der Erde hangen, als Komet durch die Himmel schweifen, Sonne Welten beglückken! und, stolzer Gedanke! wieder in das Meer des Wesens der Wesen einströmen!

Aber auch das Verächtlichste werden?

Wer weiss alles, woran das Wesen seine Freude hat? Offenbar erscheint es uns in unendlichen Gestalten. Und dann könnten wir noch für so viel Genuss ein wenig leiden, für so lange herrschaft kurze Zeit dienen.

Eins zu sein und Alles zu werden, was uns in der natur entzückt, ist doch etwas ganz anders als das Schlaraffenleben, welches, vernünftigerweise und aller Erfahrung nach undenkbar, bezauberte Phantasien sich vorstellen.

Und warum sollten wir nicht in der ewigen natur noch verehren, was wir immer wirksam, schön und gewaltig darin empfinden? Die ersten Ausgesandten – Diener Gottes? – uns sinnlich vereinigen mit den höhern Schwestern und Brüdern? Nur Verstand von wenigen dringt durch all das prächtige Getümmel durch bis zum Trone des Herrn! Warum wollen wir die Welt nicht nehmen, wie sie ist?

Aber wir alle sind über kurz oder lang mit der Gegenwart nicht zufrieden, und das Wesen trachtet immer nach Neuem. – So viel mögen wir wohl auch bei dem hartnäckigsten Zweifler herausgebracht haben, dass etwas ausser uns ist, unermesslich unsern Sinnen; und da Anfang aus Nichts der Realität nach unmöglich ist, notwendig und ewig; und dass dies Wesen, bis auf das alleräusserste aufgelöst, entweder durchaus einerlei sein muss oder verschieden.

Wenn verschieden, so muss eine Art davon, wo nicht das Höchste, Beste und Mächtigste, doch wenigstens so gut sein als die Art Wesen, die in uns (und allem Lebendigen) denkt und Verstand hat. Und wo nicht verschieden, so muss es wenigstens wieder ebenso gut sein, da es alles ist. Und da wir augenscheinlich nur geringe Kleinigkeiten sind gegen das Universalwesen entweder unsrer Art oder das Wesen überhaupt, so wär es arg, wenn wir es nicht als etwas Höheres verehren wollten.

Das letztere wäre denn die allerreinste Weltmonarchie.

Und darauf beruhte vielleicht (denn wer kann die farbenwechselnden Einbildungen der Hohenpriester und Schriftgelehrten darüber bestimmt ansagen?) das jüdische System und das geheime ägyptische und noch das christliche. Jesus, der Stifter des letzteren, wäre mit seiner göttlichen natur Symbol des unendlichen Wesens in Formen,29da das unendliche Wesen ganz und vollkommen, ohne Widerspruch kein Mensch in person sein kann. Die alten Ägyptier mochten bei Verehrung verschiedner Geschöpfe und Gewächse ähnliches denken. Und noch andre alte morgenländische Religionen scheinen davon auszugehn.

Das erstere wäre entweder reine Weltaristokratie, jedes Element nämlich so göttlich als das andre; wo nach dem Homer Juno, Neptun und Apollo den Zeus binden könnten. Oder aristokratische Weltmonarchie; ein Element unter den andern der König. Oder demokratisch-aristokratische Weltmonarchie; Tiere und Pflanzen schon der Form nach von Ewigkeit da, wie Ihr oben selbst meintet.

Aus diesem haben die Griechen ihre reizenden Dichtungen und schönen Göttergestalten geschöpft; und die erhabensten Philosophen dieser gefühlvollen Nation, wie selbst Aristoteles und Plato, konnten sich davon nicht losmachen. Wenn ein grosser Haufe zusammen glaubt, kann er leicht einen guten Mann überwältigen! Durch Lesung ihrer Meisterstücke von Poesie und Beredtsamkeit und bezaubernden sinnlichen Vorstellungen wissen wir aus unserm eignen Glauben nicht mehr recht klug zu werden. Wer ihren Nektar rein und unverfälscht von der atletisch schönen Ursprache gekostet hat, kann sich schwerlich in anderm Getränke berauschen. Die Namen ihrer Gotteiten ertönen noch immer von den Lippen der Edlern des aufgeklärten Europa und erheitern die Gesichter der Zuhörenden, auch verhunzt und entstellt.

Gesetzt noch das Allerausschweifendste und Letzte, es gäbe gar kein Universalwesen, die Welt bestünde aus lauter unteilbaren Stäubchen, grösser oder kleiner und verschieden in ihrer Form, ungefähr wie die Buchstaben, die sich gatten und scheiden und von selbst Sinn oder Unsinn hervorbringen: so müssten wir doch billig Hochachtung vor der wiewohl komischen und bunten ungeheuern Menge haben, obgleich diese Meinung bei keinem, der den Abgrund des Äters anschaut, und fühlt und denkt, Ernst sein kann, sondern ein grillenhaftes Nadelspitzensystem ist.

Und dies wäre denn Weltdemokratie oder das eigentliche ateistische System, welchem nun wohl einige unentschieden anhangen, in der Verzweiflung, sich Gott als ein frei wirkendes Ganzes vorzustellen, da sie alles in der natur verschieden und in notwendiger Verbindung sehen. Sie selbst aber müssen sich folglich als ein erstaunliches Rätsel vorkommen und, auch noch so bescheiden, mehr einbilden als Sonne, Mond und Sterne. –

Sich des Daseins freuen unter allen Formen und Gestalten, diese dazu vervollkommnen, und sie zernichten, sobald sie nicht mehr dazu taugen oder in Sklaverei taugen können, und alle Traurigkeit fliehen, predigt die natur. Und dann, nichts Unnützes heischen und beginnen.

Alles Wesen ist frei, sobald es frei sein will; das ist, es kann für sich