blosser Empfindung werden Meisterstücke bleiben.
Die meisten haben wunderliche Begriffe von Poesie und meinen, sie könne ohne Nebel und Wolken nicht bestehen, und müsse platterdings ein Rausch, eine Raserei sein, und scheue das Licht der Vernunft; und die albernsten Pöbelmärchen und Kinderfabeln wären ihr Bestes und Wesentliches, und würdigen sie so herab von ihrem Adel. Wenn sie nur den Sophokles und Euripides wollten sprechen hören, die diese Kunst zur Vollkommenheit gebracht, so könnten sie sich leicht von ihrem Wahn befreien.
Die Bildhauerei und Malerei stellt Oberflächen von Körpern dar, die letztere, insoweit sie sich durch Farben zeigen.
Ein neues Ganzes, wie schon gesagt, oder ein altes neu auf die wahrste und lebendigste Weise den Menschen in die Seele bringen ist Kunst. Das Schicklichste für den Dichter sind Handlungen, oder Bewegungen im Zeitraum, weil seine Zeichen, das sind Worte, nur nach und nach können gehört werden; aber doch kann er immer auch damit Dinge nebeneinander oder Körper darstellen, und der Zuhörer denkt sie sich zusammen, wie er am Ende bei den begebenheiten selbst muss. Homer würde wohlgetan haben, wenn er die Gegend von Troja nicht für bekannt angenommen und die Jahrszeit, worin alles geschah, sinnlicher gemacht hätte. Wer denkt an Zeit, wenn ich einem mit Worten etwas beschreibe und dieser getäuscht dasselbe dabei sich vorstellt? Bei jedem Genusse sind wir ewig und scheinen die Zeit nicht mehr zu fühlen.
Unser Leben ist kurz: wer uns ein Ganzes täuschend am geschwindesten in die Seele bringt, erhält den Vorzug.
Wenn einer inzwischen gar zu grosse Begierde hat, ein neues Ganzes zu wissen: so behilft er sich auch mit dem mangelhaftesten Mittel, bis er ein bessers vorfindet.
Ein Dichter muss dem Maler immer in Schilderung körperlicher Gegenstände unterliegen: und geradeso geht's dem Maler im Gegenteil mit Handlungen. Nichtsdestoweniger ragt doch die Poesie mit ihren willkürlichen Zeichen über alle ihre Schwestern hervor. Kein Maler kann die Grösse der Alpen, das unendliche Meer, den unendlichen Himmel schildern auf seinem Läppchen Leinwand; und kein Tonkünstler Kanonenschall, Donner und Orkan, ob er gleich das seelenergreifendste Mittel unter allen hat, da das Lebendigste, woraus wir bestehen, selbst Luft und Feuer ist.
Die Musik überhaupt geht ganz aus der sichtbaren Welt hinaus und wirkt mit blossen verschiednen Arten von Bewegung, die von der Materie nur den Punkt zu ihrem Aufflug nehmen, und durch ihre Proportionen Empfindungen erregen: und ich glaube schier nach dem Pytagoras, dass das eigentliche Element, worin die Geister existieren, reiner Klang und Ton ist.
Geschichtmaler ist ein wahrer Widerspruch, da ein Maler nur einen Moment vorstellen kann und geschichte notwendig eine Reihe von begebenheiten erheischt. Es versuch es nur einer und erzähle mir mit seiner Malerei begebenheiten, die ich nicht schon weiss, von Menschen, die ich noch nicht kenne! Und gesetzt auch, einer stellte mir eine geschichte zum Beispiel vom ältern Scipio mit lauter Porträten dar, so wahr und vortrefflich, als ob sie alle Tizian gemacht hätte: was weiss ich dadurch mehr als den Moment? Weiss ich, was entweder vorher oder nachher geschehen ist, da keiner auch von seinem bekanntesten Freunde zuversichtlich mit einem momentanen Blicke weiss, was er vorher getan hat oder nachher tun wird? So tief im Verborgnen lebt der Urquell unsrer Wirkungen. Und wo ist der Zauberer, der mir aus einer Tat oder aus tausend Taten das Gesicht nur eines Mannes darstellt, das er noch nicht sah, mit allem seinen Eigentümlichen? Dazu gehört der Gott Platons, um den sich das Weltall rollt, und kein Sterblicher. Alles, was der Maler erfinden kann, ist Ideal von Gestalt dieser oder jener Klasse von Menschen, oder Gattung von Geschöpfen im allgemeinen.
Jedes Werk der bildenden Kunst mit dem Ausdruck von leidenschaft ist alsdenn doch nur eine unaufgelöste Dissonanz. Das vollkommenste historische Gemälde, das ist, wo der interessanteste Moment aus einer Begebenheit gewählt ist und man das Vorhergehende und Nachfolgende am besten erkennen kann, bleibt also immer an und für sich schon ein quälendes Fragment, das weder Herz noch Geist befriedigt.
Um hierüber nicht zu streiten, so bleibt ausgemacht: das Vortrefflichste derselben ist das schöne Nackende; mit dem Ausdruck geht's hernach wie bei der Musik: er ist die Blüte der Vollkommenheit, aber nicht eigentlich die Vollkommenheit selbst. Jeder Sinn hat sein eigenes Element, worin der Ausdruck nur schwimmt. Die Poesie arbeitet zwar für alle, aber doch ist auch die Sprache und Harmonie derselben für das Ohr ihr Grundstoff. Die schlechten Künstler meinen, sie hätten genug getan, wenn sie nur eine rührende interessante geschichte mit ihren Wechselbälgen ausstaffieren und ein schmachtend Auge hineinbringen: Ihr Toren! eine einzige vortreffliche griechische Statue ohne Kopf und allen Ausdruck von leidenschaft geht bei dem Kenner von kunstfertigem Sinn über all Euer Fratzenwesen von unreifen Gesichtszügen, noch so affektiert geworfnen Gewändern und tausenderlei nachgeäfftem Kostüme. Aber auch im Gegenteil ist's nicht genug getan, wenn einer einen Haufen nackender Körper hervorheckt, die weiter nichts haben als ihre gehörige Anzahl von Rippen und Knochen, und Muskeln, und Augen, Mäulern, Nasen, Ohren.
Mit einem Worte: die Schönheit nackender Gestalt ist der Triumph bildender Kunst; viel für Auge und den ganzen körperlichen Menschen, wenig für den inneren. Sie allein ergreift das Unsterbliche nicht; dazu gehört etwas, was selbst gleichwie unmittelbar von der Seele kommt und ihrer regenden unbegreiflichen Kraft: Leben, Bewegung. Und dies haben unter allen Künsten allein Musik