1779_Mller_075_54.txt

Sprünge. Aber, dass irgend einer in seinen Busen gegriffen, gesagt oder nur gedacht hätte: "Das bin ich! an diesen Zügen erkenn ich meine Büberei, meine Narrheit! Dank sei dem Schriftsteller, der mir mein eigenes Herz aufschloss! ich will mich bessern!" – davon, lieber Sultan! ist mir nichts zu Ohren gekommen. Und, bei Gott! das hätte mir mehr Lohn sein sollen, als wenn mir mein Buch eine Million eingebracht hätte. Denn was ist eine Million, die ich doch früh oder spät zurücklassen muss, was ist ein Königreich gegen ein Verdienst, das mich durch alle Ewigkeiten begleiten würde?

Ich würde so bald nicht fertig werden, wenn ich Deiner Majestät alle die Armseligkeiten vorlegen sollte, und alle die Bosheiten, die bei gelegenheit des Siegfriedbüchleins zu Tage gefödert sind, und nach dem Willen jener Leute auf mein Konto laufen sollen. Nur die unbedeutendsten, die unschuldigsten hab ich ausgehoben; denn was die hämischen Kommentare meines Gönners, des lieben geistlichen Herrn, der mich nicht kennt, und den ich nicht kennen mag, betrift, so respektire ich teils mich und meine Feder, teils das Ohr und die person Deiner Majestät zu sehr, als dass ich hier solchen giftigen Plunder mustern sollte.

Was ich den Herren im land zu Schwaben sagen werde? – Nichts, grosser Sultan! Nichts in der Welt, kein Wort, kein Jota! Willst Du aber, dass ich mit Dir ein wenig über die Sache sprechen soll – ausser allem Zweifel kann ich keinen unbefangenern Leser haben, als Dich, obgleich mein Freund Siegfried Dein Serail nachahmen wollte, weswegen mich aber Dein Mufti so wenig als Dein Hofderwisch in den Bann tun, oder bei Deiner erleuchteten Majestät versuchsschwänzen wird – so bin ich bereit zu gehorchen.

Ich bin also der Meinung, dass den Herren im Städtlein zu Schwaben jeden sein eigenes heimliches Geschwür jücken müsse. Denn Horaz sagt schon:

– – – – – Quemuis media arripe turba;

Aut ab auaritia, aut miser ambitione laborat.

Hic nuptarum insanit amoribus, hic puerorum:

Hunc capit argenti splendor, und so weiter,

Omnes hi metuunt versus, odere Poetam.

Foenum habet in cornu! longe fuge! dummodo

risum

Excutiant sibi, non hic cuiquam amico, etc.

Ich wundre mich also gar nicht, wenn die Herren mich anfeinden und mein Buch fürchten. Eben dieses Quemuis media arripe turba des Menschenkenners ist Bürge, dass mein Buch, so wie ich es geschrieben habe, wenn es in Rom zu den zeiten der Pisonen heraus gekommen wäre, seine Kommentatoren gefunden haben müsste, weil man ohne Mühe von jedem meiner Originale dort Kopien in Menge angetroffen haben würde; eben das würde geschehen, wenn ich tausend Jahr später lebte und schriebe. Denn es stehet nicht zu hoffen, dass binnen hier und tausend Jahren die Zünfte der Buben und Gecken so ganz aussterben werden, dass nicht in jedem kleinen Städtlein noch so viel übrig bleiben sollten, als nötig sind, jede Schellenkappe, die in meinem buch vorkömmt, wohl mehr als Einem kopf anpassen zu können.

Ich wundre mich auch nicht, dass die Herren sich versichert hielten, mein Buch sei dort im Städtel geschrieben, und es ist mir lieb um des Städtels willen; denn (wiewohl mir es leid täte, wenn ein Unschuldiger jenen Herren bis jetzt an meiner Stelle zum Sündenbock gedienet hätte) es kann immer für einen Beweis gelten, dass es in dem Oertlein einen Mann gibt, der im stand ist, ein leidliches Buch zu schreiben. – Und dass ich mein Buch wenigstens für ein leidliches Produkt halte, wird mir wills Gott niemand verargen; denn wahrhaftig, ich müsste noch unverschämter sein, als meine Kommentatoren, wenn ichs für schlecht hielte, und es dem ungeachtet dem Publikum vorlegte. Zudem bin ich mir bewusst dass ich es so sorgfältig gearbeitet habe, als ich nach Maassgabe der Umstände konnte, und so gut als ich durfte. – Um aber doch die Herren von ihrem Irrtum zu heilen- und zu Steuer der lieben Wahrheit, für deren Freund und Verehrer ich mich hiermit öffentlich und feierlich bekenne, sei hiermit jedem Anekdotenjäger, litterarischer Neuigkeiten Notizfabrikanten, u.s.w. kund und zu wissen, dass mein Buch nicht in Schwaben gebohren sei, sondern dass ichs hier, mitten unter dem frohen Haufen meiner Kinder, an meinem Pulte, in meinem haus, belegen in der Stadt Itzehoe im land zu Holstein, elaboriret habe; in welcher Stadt man über mein Büchlein vor meinen Augen und Ohren wohl so liebreich kommentiret hat, als im Oertlein zu Schwaben, und wahrscheinlich in jedem Orte, wo man meinem Freunde Siegfried die Ehre tat, ihn kennen zu lernen. Zwar kann ich nicht leugnen, dass ein weit grösseres teil meines Siegfriedbüchleins, als ich dem Publikum in diesen beiden Bändchen mitteile, bereits unter meinen Papieren lag, als ich noch an den Ufern des Guttalus lebte; aber in Schwaben ist kein Tittelchen, weder von dieser, noch von irgend einer meiner übrigen Schriften empfangen oder gar gebohren. Mein Beweis ist ganz simpel: Zeitlebens bin ich mit keinem fuss nach Schwaben gekommen. Ich weiss sogar von Schwaben sehr wenig, weiss nicht, wie weit Burlefingen von Grimmelfingen entlegen sei, weiss nicht, ob Rabiosus Recht oder Unrecht habe, und schäme mich gar nicht, diese meine Ignoranz frank und frei zu gestehen, da ich zwanzig tausend weit gepriesenere Dinge weder weiss noch wissen mag, noch zu wissen brauche