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, dass der Schlossnachtwächter um der kühlen Nachtlust zu begegnen und sich vor Flüssen, zu bewahren, die Ohren mit Baumwolle verstopfet habe, dadurch aber manchmal in der Verlegenheit sei, dass er die Klocke nicht hören könne, beschloss für diesesmal die politischen Neuigkeiten.

Der gelehrte Artikel – denn die Lindenbergische Novitätenstafette hatte auch ihren gelehrten Artikel hinten auf gebunden – war ein hübscher Beweis, dass man ohne eine Spur von gesunder Kritik, und mit der gröbsten Unwissenheit, doch kleine Dingerchen elaboriren könne, die bei Unschuldigen und Arglosen gar leicht für Recensionen angebracht sind, und sich immer noch lesen lassen. Zwar haben die neueren Jahrgänge einer in saurem jungen Rheinwein und reichlichem wasser aus dem Maynstrom, mit vielem Laserpitium gekochten gelehrten Anzeige auch solcherlei Dingerchen mit unter aufzuweisen, die lesen sich aber nicht gut und sind voll übelriechenden verleumderischen Unrats; auch kuckt die heillose Unwissenheit aus jeder Zeile hervor. Eben das gilt von dem Konsorten dieser Anzeigen, dem vierleibigten, und an allen Gliedmassen presshaften Professorkinde, welches sein Papa in Unehren mit der Göttinn Kloacina, die er für eine Muse hält, alljährlich zu erzeugen pflegt. (Ich weiss nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber mich däucht, es stand in einem Journale, dass der Herr Professor, der sein Unwesen so gern im Finstern treibt, auch wenigstens an den langen Ohren der dikkgedachten Anzeige nicht unschuldig sein soll. Und das ist sehr glaublich.) Diese beiden, so Gott will kritischen, Werke beweisen weiter nichts, als dass unwissende Büblein sich oftmals erfrechen, den Schulmeister und Brillenschleifer des Publikums machen zu wollen. Wir wollen aber ganz was anders beweisen, nämlich, dass ein unwissender Bube mit zehn bis zwölf Recensentenblümlein ausstafiret, nicht nur Recensionen machen, sondern sich wohl gar einen Anstrich von Gründlichkeit und Einsicht geben, auch ganz erträglich zu lesen sein könne, woferne nur die Unwissenheit nicht mit natürlicher Unfähigkeit verbunden ist. Folglich ist unsere Arbeit nicht überflüssig und unnötig, wenn wir eine von des Ludimagisters Recensionen hierher schreiben, die, als sein erstes Probestück, an Persiflage und hämischen Kalenderlob der schlechtesten unter allen andern, die er nachher schrieb, nicht das wasser reicht. Und dass der Ludimagister ein sehr unwissender Bube war, das beweisen wir damit, dass seine Humaniora sich auf das einschränkten, was er aus der kleinen Märkischen Grammatik, dem Cellarius, Gottscheds deutscher Sprachlehre, Werteims Briefsteller und Kirschs Kornukopiä gelernet hatte, denn andre Bücher (den gehörnten Siegfried etc. bringe ich nicht in Anschlag) hatte er nie weder gelesen, noch besessen. Hierzu kamen einige hundert Sentenzen, die ihm weiland sein Präceptor aus einem Florilegio dictiret hatte, und die obgedachten Blätter aus dem Smetius, samt etlichen andern Makulaturblättern, worunter wohl zwanzig aus des beliebten und belobten Schmid's Teorie der Poesie waren, samt dessen ganzer sehr merkwürdiger Inauguraldisputation, die er aus den zerstörenden Händen eines Käsekrämers rettete. Vermutlich wird er auch selbst nicht ermangeln, seine tiefe Ignoranz, die er in den Recensionen selbst, nicht so wie sein Kollege, der Anzeiger, hervor kucken lässt, sonst irgendwo an den Tag zu legen.

Dass er von dem Korrespondenten, der neuen und Wandsbecker Zeitung u.s.w. nichts gelernet hatte, das wird jedermann sehen, der Recension und Kritik von Persiflage, und eine aufrichtige, unparteiische Anzeige von schaalem Geschwätz und unwissendem Kritikakel unterscheiden kann. dafür bin ich aber nicht Bürge, dass er nicht aus den Recensionen dieser Zeitungen (denn andre waren ihm nie zu Gesicht gekommen) die Form, und ein und andres Kunstwort geborget haben mögte: ich wüsste sonst nicht, wie er dazu gekommen wäre. Aber genug hiervon. Wir wollen ihn einmal kritikakeln hören.

Wie Herr Bartel Schwalbe mit den politischen Neuigkeiten, die der Edelmann mit vielem Vergnügen (die Pensionsgeschichte ausgenommen) gehöret hatte, zu Ende war, fuhr er fort, und las:

"Gelehrte Sachen.

An die Najade des Rosenbaches. Eine Ode.

Phoebe faue! ingreditur nouus tua templa sacerdos.

Dieses ist die in mancherlei Betracht lesenswürdige Ode des Herrn Justitiarius, deren wir oben gedacht haben. Das Motto zeuget von der Bescheidenheit des Herrn Verfassers, der in alle Wege kein nouus sacerdos ist. Vielleicht aber will er es beim Phöbus wieder gut machen, dass er in Absicht der Heilkunst das Wassermädchen über ihn hinauf setzt- und alsdann hätte der Recensent wider diese captatio beneuolentiae, nichts einzuwenden.

Es ist diese Ode ein Gewebe der feinsten venusinite fliessende Verse, hübsche runde Perioden, sonore Wörter, und die schöne Unordnung der Ode, alles ist hier im reichhaltigsten Maasse. Und wenn wir da und dort einen platten Ausdruck, manchmal einen schleppenden Vers, hin und wieder einen Lückenbüsser, hier und da eine Stelle, die der liebe Reim erschuf – o! wenn werden doch unsere Dichter sich von den Fesseln des Reimes losmachen! – wenn wir dergleichen Kleinigkeiten abrechnen, so hält sie den schönsten Liedern des Flakkus gut und gern die Wage. Besser als hier kann das ubi plura nitent nicht angebracht werden, und wir möchten den zärtlichen Dichter, der so liebliche Lieder für seine Hausehre singt, in vorigen zeiten für sein Mädchen haben singen hören. Er bittet in den ersten Strophen die Najade, seine gattin wieder zur vorigen Gesundheit zu verhelfen, seine kranke gattin, die sich des Bades in ihrer Quelle bedienen will – ein Mittel, das wir, im Vorbeigehen gesagt, nicht angeraten haben würden. Er verspricht – Aber wir wollen ihn