ihr nicht fürchten, dass sie so ausarten würde, als die christliche Kirche, da sie ins Grosse ging, ausgeartet ist. Die Ausartung der Vernunft wäre Unvernunft.
Fast könnte man behaupten, dass die Menschen, nachdem sie vielleicht durch ein Ungefähr zusammengebracht waren, auf die Vernunft gekommen, so wie man auf etwas kommt. Gott hat es ihnen offenbart. Es waren vielleicht erst positive gesetz, ehe man an natürliche dachte. Der Grund der positiven gesetz, wenn sie anders den Namen von Gesetzen verdienen sollen, ist so gut die Vernunft, als sie der Grund der natürlichen ist. Die Rechtslehrer machen einen Unterschied zwischen positiven, natürlichen und gemischten Gesetzen. Jedes Gesetz muss natürlich, oder, welches fast dasselbe ist, vernünftig sein, so auch jede Offenbarung. Das Christentum ist eine vernünftige, lautere Milch. Was vernünftigen Menschen Regeln vorzeichnen will, muss, dünkt mich, selbst vernünftig sein; es muss sie überzeugen. Zwar läugne ich nicht, dass der Staat Anordnungen treffen könne, die sich nur aus dem Staat erklären lassen, und alsdann ist die Vernunft, auf den Staat angewendet, der Grund des Gesetzes. Wenn man die positiven gesetz aus diesem Gesichtspunkte nimmt, wie ehrwürdig sind siel Sind sie nicht der moralische Katechismus des volkes? Wo ist solch ein Codex? Ich habe noch keinen von dieser Art gesehen.
Ich will mich nicht über die positiven göttlichen gesetz auslassen. Die Frage: ob es allgemeine göttliche positive gesetz geben könne? kann wohl keinem Streit unterworfen sein, da es bei dieser Frage auf die Frage ankommt: ob es gesetz gibt, die aus der natur nicht zu erkennen, und die Gott ausserdem dem menschlichen Geschlecht eröffnet hat? Gibts solche? Diese Frage ist streitig. Herr v. G. nahm das Wort: Streitig? sagte er. Unstreitig ist es, dass es keine dergleichen gibt und gegeben hat und geben kann. Mein Vater fuhr fort:
Jeder Staat ist eine Teokratie. Gott ist nicht fern von einem jeglichen unter uns. In ihm leben, weben und sind wir. Das jüdische Volk behauptet, dass es im besonderen Sinne Gottes Volk wäre, obgleich es sich am wenigsten als ein Volk Gottes unter allen Völkern aufgeführt hat, und doch ist aus ihm allen Völkern Heil widerfahren.
Menschliche positive gesetz heissen auch, und das mit Recht, bürgerliche. Das Volk selbst, oder der oder die, dem oder denen es das Volk überträgt, geben gesetz. Hier gibts gemeine und P r o v i n c i a l g e s e t z e . Ich wünschte, es wären keine Provincialgesetze. Was sollen sie, wenn sie nicht Polizei- und solche sind, wozu Boden und Sonne gelegenheit gibt, und die aufs Mein und Dein wenig oder gar keinen Einfluss haben? Wir sind alle Kinder Gottes; alle Söhne der Mutter E de. Wir haben eine Sonne; wir sind alle Brüder. Alle Augenblicke der Wunsch: o wenn doch Gottes Reich leiblich und geistlich, das Reich der Gnaden und der Herrlichkeit, käme!
Es gibt Provinzen, die einem Herrn unterworfen sind, und in jeder Provinz sind andere Gesetztafeln. Ein Staat scheint kein Ganzes zu sein, wenn er seine Gesetzbücher nach Provinzen zählt. Man sieht ihm Nabel und Zwirn an, womit er zusammengenäht worden. Er scheint nicht für sich zusammengeboren; die Vereinigung scheint nicht im Himmel geschlossen zu sein. Wer liebt nicht selbst in seinem eigenen haus eine Uebereinstimmung seiner fahrenden Habe? Wer hält nicht lieber Auction wenn er erbt, als dass er fremdes Gut und das seinige unschicklich zusammenbringt? Excipe! Wenn es Sachen sind, auf die man einen Accent legt, die einen Lieblingswert haben.
natürlich sind in einem so unübereinstimmenden, so zusammengerafften staat die Bürger sich auch fremd; sie machen einen Staat im staat; es kommt unter ihnen zu Anfeindungen, und am Ende wird dieser Staat wüste; keine Provinz, kein Stein bleibt bei einander. So gewonnen, so zerronnen!
Aber sagte Herr v. G. (das passende Wort zum aber wird freilich schwer zu finden sein, ich für meinen teil mag es nicht suchen); aber sind denn die Fürsten von der Art, dass man glauben kann, sie werden die Welt zum Gnadenreiche bringen? Noch scheint es nicht, erwiderte mein Vaters.
Je länger, je weniger! Herr v. G.
Ich zweifle.
Sie sind Tyrannen!
Desto besser!
Was zu hoch gezogen wird, reisst.
Nicht anders!
Und wenn es reisst, sind wenigstens zwei Enden!
Die man verbinden kann.
Durch einen Knoten!
Mein Vater setzte diese Allegorie nicht weiter fort. Herr v. G. fiel auf die Bemerkung meines Vaters.
Freilich, Pastor! fing er an, wenn uns die Vernunft wieder ins Paradies bringt, werden wir solche Narren nicht sein, als unsere ersten Eltern! – Die Fürsten, fuhr Herr v. G. fort, taten ehemals alles mit Bewilligung der Stände, darum W i r von Gottes Gnaden. Jetzt ist von allem dem nur der Pluralis übrig, der sogar gebraucht wird, wenn sie sich vermählen. Wir haben uns entschlossen, unser Beilager auf den und den – geliebt's Gott, zu halten. Wir sind durch die Entbindung unserer Gemahlin eines Tronerben wegen höchlich erfreut. – A l s o b ? fragte Herr v. G. so wie mein Vater bei einer andern gelegenheit; allein mein Vater antwortete