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Johann Karl Wezel

Belphegor

oder

Die wahrscheinlichste geschichte

unter der Sonne

So lange ein Mann, dem die natur gleich viel Feuer in die Einbildungskraft und in die Empfindung gelegt hat, die Erfahrungen zu seinen Begriffen bloss aus seinem guten Herzen und dem kleinen Zirkel simpatisirender Freunde hernimmt, so lange wird er sich mit schönen Illusionen hintergehen, der Mensch wird ihm ein geschöpf höherer Ordnung, geschmückt mit den auserlesensten moralischen Vollkommenheiten, und die Welt der reizende Aufentalt der Harmonie, der Zufriedenheit, der Glückseligkeit sein. Man stosse ihn aus seiner idealen Welt in die wirkliche; man lasse ihn die vergangnen zeiten, die geschichte der Menschheit und der Völker durchwandern; man werfe ihn in den Wirbel des Eigennutzes, des Neides und der Unterdrückung, in welchem seine Zeitgenossen herumgetrieben werden: wie wird sich die ganze Scene in seinem kopf verwandeln! – die blumichten Täler und lachenden Auen, voll friedsamer freundlicher Geschöpfe, die ihr Leben in guterziger Eintracht dahintanzen, werden zurückfahren, und statt ihrer Wälder und Gebirge mit zusammengerotteten auflauernden Haufen hervorspringen, worunter jeder des andern Feind ist und nur durch Besorgniss für sein Interesse abgehalten wird, es öffentlich zu sein, wo jeder Auftritt das Teater mit Blute besudelt, in jedem eine Grausamkeit begangen wird: – das wird ihm jetzt die Welt, und der Mensch ein listiger oder gewalttätiger Räuber sein, der auf sein ICH eingeschränkt, mit verschiedenen Waffen wider die übrigen ficht, keinen irgend worinne über sich dulden, und gern über alle sein will – eine Maschine des Neides und der Vorzugssucht.

Ist die körperliche Zusammensetzung eines solchen Mannes – er sei Zuschauer oder Mitspieler – brausend und tätig, so wird sich seine Seele einem so ausserordentlichen Widerspruche wider ihre bisherigen Begriffe widersetzen, unwillig werden, wie ein Mensch, den man aus einem Feenschlosse in eine Wildniss führt, alles bessern, alles umschaffen wollen, und wenn er zu seinem Herzeleide seine Umschaffung nie zu stand kommen sieht, auf Welt und Menschen zürnen, sie hassen, dass sie seine gutgemeinte Bildung nicht annehmen wollen, aus den verwirrten Scenen der Welt kein harmonisches zweckmässiges Ganze zusammensetzen können, alles daher für ein Chaos erklären, das Verwirrung und Unordnung in ewigem Streite erhalten, und wenn ihm sein gutes Herz doch hin und wieder anscheinende Spuren einer abgezweckten Anordnung entdecken lässt, sich mit Unruhen und Zweifeln martern: – dieser Mann ist BELPHEGOR.

Hat ihm aber die natur einen Zusaz von Kälte in die Masse seines Körpers geworfen, mehr Lebhaftigkeit als Feuer verliehen, so wird er durch die Menschen vorsichtig hinwegschlüpfen, alles nehmen, wie es ist, und sich bei dem Schauspiele der Welt nicht anders interessiren, als der Zuschauer einer teatralischen Vorstellung, ohne sich drein zu mischen; er wird vielleicht zuweilen bitter lachen, aber stets Besonnenheit genug behalten, über die Welt mit so vieler Kaltblütigkeit zu räsonniren, als jener mit Wärme deklamirt: der Kontrast zwischen den Begriffen, die ihm die gegenwärtige Erfahrung aufdringt, und den Vorstellungen, die er ehmals hatte, muss ihn nötigen, einen Ausweg zu suchen; sein gutes Herz lässt ihn die vielfältigen Unordnungen, Grausamkeiten und Verwirrungen keiner wollenden Vorsicht zuschreiben, er geht einer Ursache nach, und sein Räsonnement führt ihn auf die notwendigkeit des Schicksals, welcher er alle Unordnungen aufbürdet, und er kann nach seinem Temperamente Beruhigung darinne finden: – Dieses ist FROMAL in der folgenden geschichte.

Endlich setze man ein leichtes Blut, munter dahingleitende Lebensgeister, ein fröliches lebhaftes Gemüt, einen Kopf ohne weiten überschauenden blick, einen Verstand, der wenig räsonnirt, ein Herz, das gern glücklich sein will und darum den Verstand desto leichter überredet, alles geradezu oder auf leichte Gründe zu glauben, was zur Ruhe und Zufriedenheit führt, und deswegen leicht über die Unvollkommenheiten der Menschheit hinzuschlüpfen, mit einer guten Dosis ehrlicher Treuherzigkeit zusammen; und so hat man den guten MEDARDUS, der einen herzhaften Puff von der Widerwärtigkeit geduldig erträgt, und fest glaubt, dass es ihm irgend wozu nüzlich sein könne, nur damit der Unmut darüber seine Heiterkeit nicht doppelt unterbreche. –

Nach des Verfassers Teorie sind Neid und Vorzugssucht die zu allen zeiten, an allen Orten, in allen Ständen der Menschheit und Gesellschaft, bei allen Charakteren allgemeinsten Triebfedern der menschlichen natur und die Urheberinnen alles Guten und Bösen auf unserm Erdballe; er stellte also in dem Leben jener drei Personen ein Gemählde der Welt auf, in welchem Neid und Unterdrückung die Hauptzüge sind, wie sie ihm die geschichte der Menschen und Völker darbot.

Verschiedene Schriftsteller haben uns die Welt und den Menschen als vortreflich geschildert: aber entweder betrogen sie sich selbst, oder wollten sie die Leser betriegen; entweder kannten sie den Menschen nicht genug, nur von einer Seite, oder wollten sie die Leser bestechen und sie überreden, dass sie die Züge ihres Gemähldes von ihrem eignen Herzen kopirt hätten. Der Verfasser glaubt wenigstens kein schlechter Herz empfangen zu haben, als diese Herren, wenn es auch nicht besser ist, und ohne die Welt und den Menschen mehr oder weniger kennen zu wollen, als sie, sagt er, was jeder Schriftsteller einzig sagen kann – was ihm scheint, nichts als das Resultat seiner Beobachtungen.

Nicht eigne Widerwärtigkeiten – denn der Pfad seines Lebens ist bisher mehr eben als holpricht gewesen – nicht Hypochonder oder Milzsucht – denn er war jederzeit Freund der Freude und Feind des Trübsinns – nicht Mangel an wahren Freunden – denn er besizt deren eine kleine Anzahl und hat auf seinen Wegen immerhin Menschen mit guten liebreichen Herzen gefunden – keine von diesen Widrigkeiten hat auf