Nachrichten davon zu besitzen, aus seinem eigenen Gehirne fortzusetzen und einen sogenannten zweiten Band unter dem Druckorte Frankfurt und Leipzig, 1774, drucken zu lassen, welcher zu Hamburg in der Zeitungsbude der Frau Witwe Tramburgin im Brodtschrangen nebst andern Zeitungsblättern öffentlich verkauft wird. Der geneigte Leser kann freilich in dem unechten zweiten Bande den wahren ferneren Verlauf der geschichte des Herrn Magisters Sebaldus Notanker nicht finden, weil der ungenannte Verfasser selbst nichts davon wusste; aber wem daran gelegen ist, kann allenfalls daraus ersehen, was für eine Vorstellung vom Sebaldus Notanker in dem kopf eines solchen Menschen, wie der ungenannte Verfasser ist, existieren mag.
Diese unechte Fortsetzung kann auch noch einen andern Nutzen haben. In dem echten zweiten Bande wird man, der Wahrheit gemäss, sehr viele Meinungen und nur sehr wenige Handlungen antreffen, weil der ehrliche Sebaldus wirklich meistens nur gedacht, hingegen wenig gehandelt hat. Sollte es nun Leser geben, welche wünschten, dass man ihnen lieber Handlungen als Meinungen erzähle, so können sie versuchen, ob sie vielleicht ihre Rechnung bei dem unechten zweiten Bande finden möchten, worin alles voll Bewegung und Handlung ist, und zwar voll ganz ungemein merkwürdiger Handlungen. Zum Beispiel: Wie Sebaldus, nachdem ihm die Räuber auf dem Postwagen ein Loch in den Kopf geschlagen haben, ein Glas Kirschbranntwein trinkt, welches alle Grillen vertrieb. – Wie Tuffelius die Frau seines Schulmeisters verführt, welcher ihn dafür durchs ganze Dorf peitscht. – Wie sich eine alte Jungfer Sibylle in Sebaldus verliebt und ihn nachts in seinem Bette besucht. – Wie Säugling mit Marianen heimliche Zusammenkünfte hält, wobei die Vertraulichkeit zu dem Grade steigt, sich so laut zu küssen, dass man es in einer ziemlichen Entfernung höret. – Wie Hieronymus den Doktor Stauzius auf einem Wagen in einen Kasten setzt, worin Schweine und Gänse gewesen, wobei Stauzius sehr andächtig singt: "So fahre fort und schone dort" nebst nicht wenig Hochzeiten und andern possierlichen begebenheiten, woraus abzunehmen ist, dass der Verfasser, der solche schnackische Dinge hat erdenken können, ein pudelnärrisches Menschengesicht sein müsse.
Fussnoten
1 Diese gelehrte Frau ist in Adelungs Gelehrtenlexikon und in Schlichtegrolls Nekrolog nicht angeführt. Sie war eine geborene Boué aus Hamburg und Gattin des Herrn Johann de la Fite, welcher im Jahre 1781 als Kapellan des Stattalters und Prediger der wallonischen Kirche im Haag starb. Sie führte im Jahre 1780 in Gesellschaft des Herrn Geheimen Legationsrats Renfner die mit sehr grossen Schwierigkeiten verknüpfte Übersetzung des ersten Teils von Lavaters grosser Physiognomik sehr glücklich aus. Da Madame de la Fite aber nach dem tod ihres Mannes den Ruf als Vorleserin der Königin von England erhielt (in welchem amt sie im Jahre 1795 zu London starb), so übersetzte Herr Renfner den zweiten und dritten Band allein, welche auch gedruckt wurden. Den vierten Band hat er auch halb übersetzt; aber schon seit dem Jahre 1790 hat Herr Lavater aus unbekannten Ursachen die Herausgabe dieser Übersetzung ganz abgebrochen und hat nicht bewogen werden können, den Abdruck des mit so vieler Mühe und Kosten angefangenen Werks in französischer Sprache beendigen zu lassen. 2 Siehe "Wilhelmine", S. 105. 3 Ein Lehnstuhl mit vorstehendem Sessel, um darauf die Füsse zu legen. 4 Eine Art von kleinem Tische. 5 So weit berühmt ist dieser Kuchenbäcker nicht als sein Namensvetter, der Musiker. Doch hat Goete ein Gedicht zu dessen Lobe gesungen, welches aber nicht in seine Werke aufgenommen ist. Es beginnt:
O Händel! dessen Ruhm vom Süd zum Norden
reicht,
Vernimm den Päan, der zu deinen Ohren steigt.
Du bäckst, was Gallier und Briten emsig suchen,
Mit schöpfrischem Genie originale Kuchen.
6 Kaum kennt jetzt jemand noch: Kidders Beweis, dass der Messias gekommen ist, Stackhousens dicke Dogmatik und biblische geschichte, Nelsons antideistische Bibel, Doddridgens Paraphrasis des Neuen Testaments in mehrern dicken Bänden; aber sie sind wirklich, so wie viele andere dicke, nun vergessene Bücher aller Art, vor dreissig und mehr Jahren ins Deutsche übersetzt worden, mit stattlichen Vorreden der damaligen rüstigen Übersetzungsunternehmer. 7 Wie bekannt, wurden die ersten Bände der allgemeinen Weltistorie, die Biographia Britannica, die geschichte der Länder und Völker von Amerika und andere aus dem Engländischen und Französischen übersetzte dicke Bücher mancherlei Art von einem hochwürdigen Herrn en entreprise ausgegeben. Seit siebenundzwanzig Jahren, da obiges geschrieben ward, haben sich dergleichen ganz dicke übersetzte Bücher ziemlich aus der deutschen Literatur verloren, indem jetzt von den deutschen gelehrten Handwerkern dickdünne Originale fabriziert werden. Daher gehet auch die Tendenz unserer neuern Büchermacher so mutig auf Originalität! Sind nicht Rittergeschichten, Naturrechte, von dem selbstgesetzten Ich gesetzt, und höchst weise vonvornige Politik und Ästetik die Wunder unsers Jahrzehents? 8 Seitdem obiges geschrieben ward, haben auch die deutschen Parterres hin und wieder an Mut so zugenommen, dass es wirklich zuweilen mit einem übersetzten oder originalen Schauspiele bis zum Auspfeifen kam. Ob nicht viel zuwenig und ob immer am rechten Orte gepfiffen worden, kann hier nicht untersucht werden. 9 Auch hierin hat sich viel verändert. In unserm glücklichern Jahrzehente leben wirklich eine Menge Schriftsteller en hommes de lettres in geschäftiger Musse. Alle freilich werden nicht in ihrer Kunst gross, sogar einige, welche allzu geschwind gross wurden, erschienen in jedem neuen buch, das sie schrieben, immer kleiner. 10 Dass diese Erfahrung des Tirolers auch schon im vorigen Jahrhunderte richtig befunden worden, zeigt die weise Frau Verlegerin eines höchst wichtigen türkisch geschriebenen Geschlechtregisters, mit dessen Übersetzung und Kommentierung Wilhelm Schickard, Professor zu Tübingen, im Jahre 1628