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in den Laden, aus dem Laden in die Schreibstube, schnalzte mit den Fingern, rückte die Perücke, zog die Beinkleider auf, rieb sich die hände, eilte mit Sebaldus' Übersetzung nach haus, die er, ohne ans Abendessen zu denken, ganz durchlas, die nötigen Stellen mit einem Kniffe bezeichnete, sein Projekt nochmals durchdachte und sich darauf voller Zufriedenheit zu Bette legte.

Den folgenden Tag, bei früher Morgenzeit, verfügte er sich zu Domine de Hysel, dem er die ganze Übersetzung vorlegte und ihm zugleich die Beschaffenheit des buches erklärte. Er las ihm jede angezeichnete Stelle, worin er eine derbe Ketzerei zu finden vermeinte. Er versicherte, er wisse, dass Sebaldus gefährliche Absichten gegen die Landesreligion im Schilde führe und dass er ein Socinianer sei. Er suchte zugleich den Domine zu bewegen, dieses gefährliche Buch der Obrigkeit anzuzeigen. Oder, wenn man aus Menschenliebe dies noch unterlassen wollte, so gab er zu verstehen, der Domine werde doch in seiner Gegenwart dem Sebaldus das Gewissen rühren wegen der gottlosen Meinungen, die, wie er vernommen, auch schon hin und wieder in dem Journale zutage lägen und, wenn dieses, wie zu befürchten wäre, nicht helfen sollte, allenfalls bei der Obrigkeit zeugen, dass er einen teil dieses bösen buches vorlesen hören und dass es habe zum Drucke befördert werden sollen.

Mynheer van der Kuit hoffte den besten Erfolg von dieser wohlausstudierten Rede. Wider Vermuten aber antwortete Domine de Hysel auf verschiedene fragen gar nichts und erklärte endlich mit zerstreuter Miene, dass er gestern wirklich nicht recht achtgegeben habe, als das Heft vorgelesen worden. Im grund sei manches doch auch nicht so schlimm und könne besser ausgelegt werden, ob er's gleich auch nicht verteidigen wolle. Da das Buch noch nicht gedruckt sei, wäre es ohnedies zu hart, die Bestrafung von der Obrigkeit zu verlangen. Er dürfe dem Herrn Notanker ja nur den Verlag abschlagen – welches er ihm zwar auch nicht eigentlich raten wolle. – Kurz, er bäte ihn, zu glauben, dass er gestern gar nicht achtgegeben habe, und niemand ihre heutige Unterredung zu entdekken. – Er könne sich nicht wohl in die Sache mischen. Und bei diesem allen liess er deutliche Zeichen der Verlegenheit merken.

Van der Kuit konnte gar nicht begreifen, wie die Entdeckung eines Ketzers auf diesen rechtsinnigen Geistlichen so wenig Eindruck machen könne, denn er hatte gewiss geglaubt, ihn ganz bei seiner Schwäche zu fassen. Da er nun merkte, dass der Beistand verfehlt war, den er gewiss von dem Domine zu erhalten hoffte, und nicht dienlich fand, demselben die wahre Ursache seines Antrags näher zu erklären, so ging er, nachdem er sich dienstlich empfohlen, ziemlich betroffen zur Tür hinaus.

Wollte der geneigte Leser etwa aus diesem Vorfalle schliessen, dass Domine de Hysel heimlich heterodoxe Gesinnungen geheget, so würde er sich irren; denn der Domine wollte an keinem einzigen Schlusse des Dordrechtschen Synods etwas geändert wissen.

Wollte man etwa vermeinen, der Domine habe die Meinungen des buches für unschädlich gehalten und geglaubt, man könne sie dulden, so würde man noch das rechte Ziel nicht treffen; denn er war gar nicht geneigt, sie zu billigen.

Kurz, um alles zu erklären, darf man nur wissen, dass Domine de Hysel, so wie mehrere ehrwürdige Männer, sich bloss deswegen mit teologischen Studien beschäftigt hatte, um ein geistliches Amt zu erhalten. Da nun dieser Zweck erreicht war, bekümmerte er sich, seine notwendigsten Amtsgeschäfte ausgenommen, um geistliche Angelegenheiten ganz und gar nicht und war daher gegen Ortodoxie und Heterodoxie, gegen Duldung und Verfolgung eigentlich völlig gleichgültig. Er würde durch Aufmerksamkeit auf diese Dinge auch nur an seiner Lieblingsbeschäftigung, an dem süssen Umgange mit den lieblichen Musen Latiens, gehindert worden sein; denn er wendete alle seine Zeit auf das Studium der lateinischen Sprache, die er in gesuchter Reinigkeit schrieb. Besonders machte er die zierlichsten lateinischen Gedichte, und er hatte kürzlich einen Band davon drukken lassen, wovon er nur vor acht Tagen dem ehrlichen Sebaldus als Verfasser eines gelehrten Journals ein schön gebundenes Exemplar gesendet hatte, mit einer hineingeschriebenen Carmine elegiaco abgefassten Epistel ad Sebaldum Αποριαγκυροβολιον V. Cl. Nun befürchtete er, dass wenn er sich in diese Sache mengen wollte, wovon er ohnedies keinen Zweck absah, könnten seine Gedichte, für die er eine grosse Zärtlichkeit hegte, einem widrigen Urteile ausgesetzt sein; daher hielt er's fürs sicherste, in dieser Sache nicht mit zu erscheinen.

übrigens sagte er darin keine Unwahrheit, dass er vorigen Tag auf Sebaldus' Vorlesung nicht achtgegeben habe; denn da er kein Liebhaber von Prose, am allerwenigsten von holländischer war, so hatte er während dem Lesen eine sapphische Ode auf den Dordrechtschen Synod zu Ende bringen wollen, wozu ihm noch ein paar Ausgänge von Strophen fehlten. Wirklich vernahm er also damals wenig von dem Inhalte der Handschrift und wusste es jetzt dem Buchhändler schlechten Dank, dass er ihn damit bekannt machte; ja er würde sich vor demselben haben verleugnen lassen, wenn er dessen Anbringen nur hätte vermuten können.

Van der Kuit ging voll Kopfschüttelns über seine fehlgeschlagene Erwartung nach haus, als ihm plötzlich einfiel, dass noch nichts verloren wäre, wenn Sebaldus nur glauben wollte, dass Domine de Hysel wirklich gesagt hätte, was van der Kuit wünschte, dass er gesagt haben möchte. Er kehrte wieder um und ging zum Sebaldus, den er nach dem gestrigen Spaziergange und einem ruhigen Schlafe wohlbehaglich bei Durchlesung eines neuen buches antraf, worin