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: wie er der Jugend heidnische Schriften in die hände geben könne, um ihr daraus Beispiele der heidnischen, sündlichen Tugend zur Nachahmung vorzustellen? Er entschied, dass weder Xenophon noch Sokrates, noch Antonin prädestiniert gewesen, dass sie wegen ihrer bloss scheinbaren Tugenden kein Gegenstand der göttlichen Barmherzigkeit sein könnten und also in dem höllischen Schwefelpfuhle ewig braten müssten. Sebaldus unternahm es unbedachtsamerweise, jene grosse Männer wider dies harte Verdammungsurteil zu verteidigen, machte aber dadurch das Übel viel ärger; denn Dwanghuysen ward sehr heftig ergrimmt, dass man gegen ihn als einen Seelenhirten ohne Scheu solche seelenverderbliche Meinungen behaupten wolle, und schrie, indem er aus dem Zimmer schritt, dem Kaufmanne zu, einen solchen heidnischen Unchristen nicht einen Augenblick unter seinem dach ferner zu dulden, weil er sonst für nichts stehen könne, wenn der seinen Hirten liebende Pöbel, sobald er ein solches Anatema Maran Ata64 verspüre, Unheil anfangen sollte.

Der Kaufmann, der Frieden haben wollte und wohl wusste, mit welcher Heftigkeit Domine Dwanghuysen das durchzusetzen pflegte, was er einmal beschlossen hatte, wäre sehr geneigt gewesen, von Sebaldus zu scheiden. Aber seine Frau nahm ihren Hofmeister in Schutz und wollte ihn eher nicht wegschaffen, bis auch ihr luterischer Gewissensrat sein Gutachten darüber gegeben hätte.

Dritter Abschnitt

Domine Ter Breidelen ward demnach ersucht, am folgenden Tage in dem haus des Kaufmanns zu erscheinen; und der eifrige Dwanghuysen, welcher dies sogleich von Meester Puistma erfuhr, fand sich ungebeten dazu ein.

Die Sitzung wurde damit eröffnet, dass sich Ter Breidelen den ganzen Kasus vortragen liess, welches Meester Puistma mit vieler Redseligkeit verrichtete. Darauf sagte der Domine viel triftige Dinge von der Unnützlichkeit der heidnischen Weisheit und sprach förmlich das Urteil der ewigen Verdammnis über Sokrates und Antonin aus. Sebaldus wollte ihre Tugend und folglich ihre Seligkeit verteidigen, aber dadurch zog er sich selbst den Ausspruch der Verdammung zu. Domine Dwanghuysen neigte sich hierauf freundlichst gegen Domine Ter Breidelen und zeigte in einer wohlgesetzten Rede: so herzlich er sonst auch seine luterischen Brüder liebe, könne er doch eine so gefährliche Lehre, wie Sebaldus hege, auf keine Weise entschuldigen. Ter Breidelen rief: Sebaldus sei kein Luteraner, sondern ein Synergist und Pelagianer, der die echte luterische Lehre von der geistlichen Verderbnis der menschlichen natur verschmähe. Dwanghuysen erwiderte: fast sollte man denselben der Holland so schädlichen sekte der Arminianer beigetan halten, weil er zu behaupten schiene, die bekehrende Gnade sei lenis suasio oder eine sanfte Überredung, welche Lehre in den Kanonen des Dordrechtschen Synods, Kap. IV, 7, verdammet worden. Ter Breidelen rümpfte ein wenig die Nase bei Erwähnung des Dordrechtschen Synods. Sebaldus, erschrocken, dass er bei Behauptung der unschuldigsten Wahrheiten verdammt ward, und durch vorhergehende Verfolgung furchtsam gemacht, suchte, soweit es anginge, sich dem angenommenen Lehrbegriffe gemässer auszudrükken. Dies verursachte einen weitläuftigen polemischen Wortwechsel, in welchem beide Domine sehr hart aneinandergerieten. Denn ob sie gleich völlig einig waren, den Sebaldus zu verdammen, so wurden sie doch durch seine Verteidigung über die Ursache der Verdammung wieder uneins. Ter Breidelen besorgte nämlich, die Meinung des Sebaldus führe zu der schädlichen Lehre von der Prädestination; Dwanghuysen hingegen vermeinte, sie führe zu weit von dieser heilsamen Lehre ab. Dies brachte sie in einen langen Disput über den Vorzug der "Augspurgischen Konfession" und des Dordrechtischen Synods, wobei sie von Sebaldus' Meinungen ganz abgerieten und nur endlich, da die Mittagsglocke sie ans Weggehn erinnerte, übereinkamen, dass Sebaldus nach keinem von beiden lehre. Er ward also abermals unwiderruflich verdammt. Dwanghuysen ermahnte, als sie zur Tür hinausgingen, seinen Kirchenvorsteher und Ter Breidelen sein Kirchkind, einen so heillosen Menschen, der mit keinem einzigen Symbolum übereinstimmte, sogleich von sich zu lassen; und Dwanghuysen besonders erwähnte nochmals beiläufig des hirtenliebenden Jan Hagel.

Gutmütige Laien, welche aufmerksam zuhören, wenn geistliche Herren über die Ortodoxie und Heterodoxie eines andern streiten, befinden sich ungefähr in der Lage, als wenn gewöhnliche Menschen bei der Konsultation gelehrter Ärzte über den ungewissen Zustand eines Kranken zugegen sind. Nicht allein trauen sie dem Patienten bald alle die fremden Krankheiten zu, deren griechische Namen ihm von beiden Seiten zugeworfen werden, sondern es fängt sie wohl selbst an, ein Schwindel, Kopfweh oder Gliederreissen anzuwandeln, wenn man die ganze Patologie so vor ihnen die Musterung passieren lässt.

So ging es dem Kaufmanne und seiner Frau, die voll Betäubung den ganzen Streit angehört hatten. Sie blickten bald ganz furchtsam den Sebaldus darüber an, dass er wider alles Vermuten so grässliche Lehren behaupte; bald wollten sie ihn entschuldigen mit dem vielen Guten, das sie sonst an ihm bemerkt hatten; bald fingen sie an, für sich selbst zu fürchten, ob sie wohl in ihrem Christentume so lau geworden, um die Irrlehren nicht zu fühlen; bald gereute es sie, dass die wohlangefangene Erziehung ihrer Kinder wieder liegenbleiben sollte.

So herrschte beim Mittagsmahle ein totes Stillschweigen, und einer sah den andern ängstlich an, bis Meester Puistma, der nach so wohl vollbrachter Verrichtung sich Essen und Trinken sehr gut hatte schmecken lassen, noch zeitiger als sonst zu seinem gewöhnlichen Mittagsschläfchen vom Tische wegschlich.

Als er fort war, sagte Frau Elsabe zu Sebaldus mit niedergeschlagnen Augen: "Aber lieber Meister, warum habt Ihr auch meinen Kindern heidnische Bücher vorgelegt?"

"Weil Eure Kinder Griechisch lernen sollten und diese Bücher gut griechisch geschrieben sind."

"Aber warum habt Ihr ihnen so böse, gottlose Leute zur Nachahmung vorgestellt?"

"Urteilt selbst", versetzte