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, die ihn allerwegen zu begleiten pflegten, folgten ihm.

Aber der Philosoph, ohne zu tun als ob er es gewahr werde, fuhr fort: "Ohne einen Baumeister, einen Demiurgen, oder wie ihr ihn nennen wollt, lässt sich vernünftiger Weise keine Welt bauen. Aber, merket wohl, es kam auf den Demiurg an, ob er bauen wollte; und lasst sehen wie er es anfing. Stellt euch die Materie als einen ungeheuren Klumpen von vollkommen dichtem Krystall vor26; und den Demiurg, wie er mit einem grossen Hammer von Diamant diesen Klumpen auf einen Schlag in so viele unendlich kleine Stückchen zerschmettert, dass sie durch den leeren Raum viele Millionen Cubicmeilen herumstieben. Natürlicher Weise brachen sich diese unendlich kleine Stückchen Krystall auf verschiedene Art; und indem sie, mit der ganzen Heftigkeit der Bewegung, die ihnen der Schlag mit dem diamantenen Hammer gab, auf tausendfache Art wider einander fuhren, und sich unter einander auf allen Seiten stiessen, schlugen und rieben, so entstund daraus notwendig eine unzählige Menge Körperchen von allerlei regelmässigen und unregelmässigen Figuren: dreieckige, viereckige, achtekkige, vieleckige, und runde. Aus den runden wurde wasser und Luft, welche nichts anders als verdünntes wasser ist; aus den dreieckigen Feuer; aus den übrigen die Erde, und aus diesen vier Elementen setzt die natur, wie ihr wisst, alle Körper in der Welt zusammen."

Das ist wunderbar, sehr wunderbar! aber es begreift sich doch, sagten die Abderiten. Ein Klumpen Krystall, ein diamantner Hammer, und ein Demiurg, der den Krystall so meisterhaft in Stücken schlägt, dass aus den Splittern, ohne seine weitere Bemühung, eine Welt entsteht! In der Tat die scharfsinnigste Hypotese, die man sehen kann, und gleichwohl so simpel, dass man dächte, man hätte sie alle Augenblicke selbst erfinden können!

"Ich erkläre mittelst dieser so simpeln Voraussetzung alle möglichen Wirkungen der natur", sagte der Philosoph mit selbst zufriednem Lächeln.

"Nicht ein Wespennest, rief ein Neunter, Dämonax genannt, der den Behauptungen seiner Mitbrüder bisher mit stillschweigender Verachtung zugehöret hatte. Es gehören andre Kräfte und Anstalten dazu, ein so grosses, so schönes, so wundervolles Werk, als dieses Weltgebäude ist, zu stand zu bringen. Nur ein höchstvollkommner Verstand konnte den Plan davon erfinden; wiewohl ich gerne gestehe, dass zur Ausführung geringere Werk- meister hinlänglich waren. Er überliess sie verschiedenen Klassen der subalternen Götter, wies einer jeden Klasse ihren besonderen Kreis an, in welchem sie arbeitet, und begnügte sich, die allgemeine Aufsicht über das Ganze zu führen. Es ist lächerlich, den Ursprung der Weltkörper, des Erdhodens, der Pflanzen, der Tiere, und alles dessen, was in Luft und wasser ist, aus Atomen oder Sympatien oder ungefährer Bewegung, oder einem einzigen Hammerschlag erklären zu wollen. Geister sind es, welche in den Elementen herrschen, die Sphären des himmels drehen, die organischen Körper bilden, das Frühlingsgewand der natur mit Blumen sticken, und die Früchte des Herbstes in ihren Schoss ausgiessen. Kann etwas fasslicher und angenehmer sein als diese Teorie? Sie erklärt alles; sie leitet jede wirkung aus einer ihr angemessenen Ursache ab; und durch sie begreift man die, in jedem andern System unerklärbare, Kunst der natur eben so leicht, als man begreift, wie Zeuxis oder Parrhasius mit ein wenig gefärbter Erde eine bezaubernde Landschaft oder ein Bad der Diana erschaffen kann."

Was für eine schöne Sache es um die Philosophie ist! sagten die Abderiten. Alles, was man daran aussetzen möchte, ist, dass einem unter so viel feinen Teorien die Wahl sauer wird.

Indessen machte doch der Pytagoräer, der alles durch Geister bewerkstelligte, das meiste Glück. Die Poeten, die Maler, und alle übrigen Schutzverwandten der Musen, mit dem sämtlichen Frauenzimmer von Abdera an ihrer Spitze, erklärten sich für- die Geister; doch unter der Bedingung, dass es ihnen erlaubt sein müsse, sie in so angenehme Gestalten, als jedem gefällig sei, einzukleiden.

Ich bin nie ein besonderer Freund der Philosophie gewesen, (sagte der Priester Strobylus,) und aus Ursache: aber wenn die Abderiten ihr Grübeln über das Wie und Warum der Dinge nun einmal nicht lassen können, so habe ich gegen die Physik des Dämonax noch immer am wenigsten einzuwenden; unter den gehörigen Einschränkungen verträgt sie sich noch so ziemlich. –

"O sie verträgt sich mit allem in der Welt, sagte Dämonax; dies ist eben die Schönheit davon!"

Soll ich euch meine Meinung sagen? sprach Demokritus. Wenn es euch etwa wirklich darum zu tun sein sollte, die Beschaffenheit der Dinge, die euch umgeben, kennen zu lernen, so deucht mich, ihr nehmt einen ungeheuren Umweg. Die Welt ist sehr gross; und von dem Standort, woraus wir in sie hineingucken, nach ihren vornehmsten Provinzen und Hauptstädten ist es so weit, – dass ich nicht wohl begreife, wie sich einer von uns einfallen lassen kann, die Charte eines Landes aufzunehmen, wovon ihm (sein angebornes Dörfchen ausgenommen) alles übrige, und sogar die Grenzen unbekannt sind. Ich dächte, ehe wir Kosmogonien und Kosmologien träumten, setzten wir uns hin und beobachteten, zum Exempel, den Ursprung einer Spinnewebe; und dies so lange, bis wir so viel davon herausgebracht hätten, als fünf Menschensinne, mit Verstand angestrengt, daran entdecken können. Ihr werdet zu tun finden, das könnt ihr mir auf mein Wort glauben.