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wollte, welches er – ehe er es wagen durfte, mit seinem Vorschlag wegen Verminderung der Frösche hervorzurücken – entweder widerlegen oder lächerlich machen musste.

Da von diesen zwei Wegen der letzte zugleich der

bequemste und der Fähigkeit der Hoch- und Wohlweisheiten, mit denen er's zu tun hatte, der angemessenste war: so begnügte sich Korax, das Unbegreifliche dieser Hypotese durch eine komische Berechnung der unendlichen Kleinheit der angeblichen Keime zum Ungereimten zu treiben.

"Wir wollen, sagte er, um die Aufmerksamkeit des

hohen Senats nicht ohne Not mit aritmetischen Subtilitäten zu ermüden, annehmen, der Sohn des grössten und dicksten von den froschgewordnen Miliern habe sich in seinem Keimstande zu seinem Vater verhalten wie 1 zu 10,000000. Wir wollen es, bloss um der runden Zahl willen, so annehmen; wiewohl ohne grosse Mühe zu erweisen wäre, dass der grösste unter allen Homunculis, als ein Keim, wenigstens noch zehnmal kleiner ist, als ich angegeben habe. Nun steckt, nach des Priester Stilbons Meinung, in diesem Keim, nach gleicher Proportion verkleinert, der Keim des Enkels, im Keim des Enkels der Keim des Urenkels, und so in jedem folgenden Abkömmling bis ins tausendste Glied, immer mit jedem Grad 10 millionenmal kleiner, der Keim des nächstfolgenden; so dass der Keim eines jetzt lebenden abderitischen Frosches, gesetzt dass er auch nur im dreissigsten Grade von seinem Stammvater dem milischen Froschmenschen entfernt wäre, damals da er sich als Keim in seinem besagten Stammvater befand, um so viele Millionen, Billionen, Trillionen u.s.w. kleiner als eine Käsemilbe hätte gewesen sein müssen, dass der geschwindeste Schreiber, den der hohe Senat von Abdera in seiner Kanzlei hat, in zweihundert Jahren mit allen den Nullen, die er, um diese Zahl zu bezeichnen, schreiben müsste, kaum fertig werden könnte; und das ganze Gebiet der preiswürdigen Republik (so viel nämlich davon noch nicht in Froschgräben verwandelt ist) schwerlich Raum genug für das Papier oder Pergament hätte, welches diese ungeheure Zahl zu fassen gross genug wäre. Die Akademie überlässt es dem Ermessen des Senats, ob das allerwinzigste aller kleinen Tierchen in der Welt winzig genug sei, sich von einer solchen unaussprechlich winzigen Kleinheit einen Begriff zu machen? und ob man also anders glauben könne, als dass dem ehrwürdigen Oberpriester etwas Menschliches begegnet sein müsse, da er die Hypotese von den Keimen erfunden, um der vorgeblichen Heiligkeit der abderitischen Frösche eine zwar nicht sehr scheinbare, aber wenigstens doch sehr dunkle und unbegreifliche Unterlage zu geben?

Die Akademie hat mit allem Fleiss die Einbildungskraft der erlauchten Väter des Vaterlandes nicht über die Gebühr anstrengen wollen. Wenn man aber bedenkt, wie kurz das natürliche Leben eines Frosches ist, und dass unsre dermaligen Frösche, nach der Voraussetzung, wenigstens im fünfhundertsten Grade von den milischen Bauern abstammen: so verliert sich die Hypotese des sehr ehrwürdigen Oberpriesters in einem solchen Abgrund von Kleinheit, dass es ungereimt, und, die Wahrheit zu sagen, grausam wäre, nur ein Wort weiter davon zu sagen.

Die natur ist (wie die berühmte Aufschrift zu Sais sagt) alles was ist, was war und was sein wird, und ihren Schleier hat noch kein Sterblicher aufgedeckt. Die Akademie, von dieser grossen Wahrheit tiefer als sonst irgend jemand durchdrungen, ist weit entfernt, sich einiger besonderen und genauern Einsicht in Geheimnisse, welche unergründlich bleiben sollen, anzumassen. Sie glaubt, dass es vergebens sei, von der Entstehungsart der organisierten Wesen mehr wissen zu wollen, als was die Sinnen bei einer anhaltenden Aufmerksamkeit davon entdecken. Und wenn sie es ja für erlaubt hält, dem angebornen Triebe des menschlichen Geistes – sich alles begreiflich machen zu wollen – durch Hypotesen nachzuhängen: so findet sie diejenige noch immer die natürlichste, vermöge deren die Keime der organischen Körper durch die geheimen Kräfte der natur erst alsdann gebildet werden, wenn sie ihrer wirklich vonnöten hat. Dieser Erklärungsart zufolge, ist der Keim eines jeden itztlebenden quakenden Geschöpfes in allen Sümpfen und Froschgräben von Abdera nicht älter als der Moment seiner Zeugung, und hat mit dem individuellen Frosche, der zur Zeit des trojanischen Krieges quakte, und von welchem der itztlebende in gerader Linie abstammt, weiter nichts gemein, als dass die natur beide nach einem gleichförmigen Modell, durch gleichförmige Werkzeuge, und zu gleichförmigen Absichten gebildet hat."

Der Philosoph Korax, nachdem er ein langes und breites zu Befestigung dieser Meinung vorgebracht, zieht endlich die Folgerung daraus: dass die abderitischen Frösche eben so natürliche, gemeine und alltägliche Frösche seien als alle übrige Frösche in der Welt; und dass also die sonderbaren Vorrechte, deren sie sich in Abdera zu erfreuen hätten, sich nicht auf irgend eine Vorzüglichkeit ihrer natur und vorgebliche Verwandtschaft mit der menschlichen, sondern bloss auf einen populären Glauben gründeten, welchen man, zu grösstem Nachteil des gemeinen Wesens, allzulange unbestimmt und in einem Dunkel gelassen habe, unter dessen Begünstigung die Einbildungskraft der einen und der Eigennutz der andern freien Spielraum gehabt habe, mit diesen Fröschen eine Art von Unfug zu treiben, wovon man ausserhalb Aegypten schwerlich ein ähnliches Beispiel in der Welt finden werde.

"Die Altertümer von Abdera (fährt er fort) liegen, ungeachtet alles Lichtes, welches der ehrwürdige und gelehrte Stilbon so reichlich über sie ausgegossen, noch immer – wie die Altertümer aller andern Städte in der Welt – in einem Nebel, dessen Undurchdringlichkeit dem wahrheitsbegierigen Forscher wenig Hoffnung lässt, seine Begierde jemals befriediget zu sehen. Aber, wozu hätten wir denn auch vonnöten,